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Eishockey im Tessin«Dann spielen wir besser ein Jahr gar nicht»

Die Coronakrise traf keinen Kanton so hart wie das Tessin. Falls diese andauert, plädiert Ambri-Präsident Filippo Lombardi für eine radikale Lösung.

Ein trauriger Moment im Schweizer Eishockey: Lugano-Captain Alessandro Chiesa nach dem «Geisterspiel-Derby» gegen Ambri-Piotta am 29. Februar. Seither wurde nicht mehr gespielt.
Ein trauriger Moment im Schweizer Eishockey: Lugano-Captain Alessandro Chiesa nach dem «Geisterspiel-Derby» gegen Ambri-Piotta am 29. Februar. Seither wurde nicht mehr gespielt.
Foto: Samuel Golay/Keystone

Ein Derby zwischen Lugano und Ambri ohne heissblütige Tifosi – es war bis vor kurzem undenkbar. Bis zu jenem 29. Februar, als sich die Erzrivalen zum Abschluss der Qualifikation in der Corner Arena nicht in einem ausverkauften Hexenkessel, sondern in gespenstischer Stille begegneten. 4:1 siegte Ambri, und alle waren sich einig, dass sie so ein Trauerspiel nie mehr erleben wollen.

Es sollte ein Vorbote für den Saisonabbruch sein, aber das ahnte in jenem Moment noch niemand. Doch schon kurze Zeit später stand Lugano-CEO Marco Werder vor den Profis, die gegen die ZSC Lions ins Playoff steigen sollten, sowie vor der U-20 und der U-15, die bereits im Halbfinal standen. Er musste ihnen den Saisonabbruch verkünden. «Das war sehr bitter», so Werder.

Bald war das aber nur noch eine Randnotiz. Die rasch steigenden Fallzahlen, die Bilder aus den Intensivstationen, sie machten auch dem leidenschaftlichsten Fan klar, dass es um viel mehr ging als um Paraden, Checks und Tore. «Es wurde ziemlich schnell ruhig. Jeder machte sich vor allem Sorgen um seine Gesundheit und die seiner Liebsten», sagt Werder, der sich sein erstes Jahr als CEO gewiss anders vorgestellt hatte.

Marco Werder, Präsident des HC Lugano, sagt: «Geisterspiele wären emotional wie finanziell sehr schwierig.»
Marco Werder, Präsident des HC Lugano, sagt: «Geisterspiele wären emotional wie finanziell sehr schwierig.»
Foto: Marusca Rezzonico/Freshfocus

Der HC Lugano beantragte Kurzarbeit, bemühte sich, den Fans Mut zu machen, und suchte mit allen Sponsoren das Gespräch. Es seien sehr ehrliche Diskussionen gewesen, sagt Werder: «Einzelne Partner mit weiterlaufenden Verträgen sagten, sie können nicht über die Saison hinaus weitermachen. Andere zeigten zusätzliche Solidarität und verlängerten ihr Engagement noch einmal. Wiederum andere hatten noch keine Ahnung, wie es bei ihnen weitergeht.»

Das Geschäftsjahr, das am 30. April endete, habe Lugano «mit einem blauen Auge abgeschlossen». Mit 25 Heimspielen in der Qualifikation plus 2 aus dem Playoff hatte man ohnehin vorsichtig budgetiert, der Verlust aus den nicht ausgetragenen Spielen der Saison 19/20 dürfte im Bereich von 600 000 Franken bis einer Million liegen. Schwieriger wird der Blick in die Zukunft: Wie viele Fans können sich ein Abo leisten? Was machen die Sponsoren? Wie sieht es in der Gastronomie aus? Freude hatte Werder an einer Aktion der Angestellten in den Bereichen Administration und Restauration: «Alle verzichten im Mai und Juni auf 10 Prozent Lohn.»

In den letzten Wochen sammelte der HCL mit karitativen Aktionen Goodwill in der Bevölkerung, bald soll es aber wieder mit dem Sport weitergehen. Falls die Meisterschaft wie geplant am 18. September mit Zuschauern beginnt oder allenfalls mit leichter Verzögerung, ist Werder zuversichtlich: «Dann glaube ich, dass wir die Emotionen bald wieder zurückhaben.» Sein Job ist es aber auch, sich jene Gedanken zu machen, die alle verdrängen möchten. Zwei Szenarien stehen dabei im Vordergrund: «Das erste ist, dass gar nicht gespielt werden kann, das habe ich noch nicht durchgespielt. Und das zweite ist, dass ohne Zuschauer gespielt werden muss. Das wäre emotional wie finanziell sehr schwierig.» In diesem Fall wäre für ihn klar, dass die Kredite nicht ausreichen würden: «Dann würde es zusätzliche A-fonds-perdu-Beiträge brauchen.»

Der Stadionbau im Verzug

Auch 80 Kilometer nördlich sind die unmittelbaren Konsequenzen verkraftbar. Ambri-Piotta kann einen Teil der jüngsten Einnahmenausfälle ebenfalls mit Kurzarbeits-Entschädigungen kompensieren, zudem haben Gönner und Sponsoren mit zusätzlichen Zahlungen das Defizit weiter reduziert. Das Ziel, ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen, lasse sich aber nicht realisieren, sagt Präsident Filippo Lombardi: «Wir werden einen Verlust machen, das Geschäftsjahr wird aber nicht katastrophal enden.»

Die Hauptsorge liegt derzeit neben dem Eis. Der Bau der neuen Arena, die ab September 2021 das Kultstadion Valascia ersetzen soll, ist ins Stocken geraten. Vom 18. März bis 20. April standen die Maschinen völlig still, seither muss aufgrund der behördlichen Vorgaben mit reduzierter Belegschaft gearbeitet werden. «Wir klären derzeit ab, wie wir die Bauarbeiten so beschleunigen können, dass wir den Rückstand auf den Fahrplan aufholen», sagt Lombardi.

Um über die Runden zu kommen, falls eine Saison ganz oder teilweise ohne Publikum gespielt werden müsste, brauchen die Leventiner wie auch andere Clubs Kredite. Verhandlungen der Liga laufen mit dem Bundesamt für Sport. Es dürfte für die Clubs der National League um Beträge von vielen Millionen Franken gehen, die aber innert fünf Jahren zurückgezahlt werden müssten. «Für kleinere Clubs wie Langnau, Rapperswil oder uns wird es schwierig sein, pro Jahr solche Beiträge zusätzlich zu generieren», gibt Lombardi zu bedenken. Da die grossen Clubs logischerweise weniger Probleme haben dürften, wäre die Konsequenz klar - die Schere innerhalb der Liga würde sich noch weiter öffnen.

«Was da gemacht wurde, ist reine Pflästerlipolitik, wie ihr in der Deutschschweiz sagt.»

Filippo Lombardi, Ambri-Präsident Filippo Lombardi

Bezüglich der nächsten Saison erhielt auch der HCAP an der ausserordentlichen Ligaversammlung wenigstens etwas Planungssicherheit, weil beschlossen wurde, dass es keinen Absteiger geben wird. Lombardi verhehlt seine Unzufriedenheit mit dem Entscheid nicht: «Es gibt ein Jahr keinen Absteiger, dafür einen erleichterten Aufstieg für Kloten. Und danach? Was da gemacht wurde, ist reine Pflästerlipolitik, wie ihr in der Deutschschweiz sagt, und reduziert sogar längerfristig die Planungssicherheit.»

Gerade für Clubs wie Ambri-Piotta brauche es mehr: «Wir müssen die Liga für mindestens fünf Jahre schliessen, also, bis die Darlehen zurückbezahlt worden sind.» Falls die nächste Meisterschaft ganz ohne Zuschauer gespielt werden müsste, schlägt Lombardi eine Radikallösung vor: «Die Liquidität könnte man zwar mit Darlehen sicherstellen, aber es wäre doch besser, ein Jahr gar nicht zu spielen, als nachher lange Jahre noch mehr mit dem Messer am Hals zu leben als heute.»

4 Kommentare
    Paul Gutknecht

    Die Seifenblasen-Ligen im Eishockey und Fussball verunmöglichen mit ihren überdimensionierten Budgets den kleinen Clubs wie Ambri, Langnau oder Thun einigermassen mitzuhalten. Jetzt wäre in der Not eine gute Gelegenheit, um alles herunter zu fahren und wieder vernünftige Zustände herzustellen.

    Kredite vom Bund werden auch in 5 oder 10 Jahren kaum rückzahlbar sein.