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#CancelNetflixDarf ein Film zeigen, was er kritisiert?

Der französische Film «Cuties» über die Sexualisierung junger Mädchen steht in den USA stark in der Kritik.

Auch in den polarisierten, empörungsbereiten USA kommt es nicht oft vor, dass gegen einen Film Petitionen gestartet werden, die zusammen mehr als eine Million Unterzeichner finden. Dass US-Senatoren von Netflix fordern, den Film nicht zu zeigen. «Cuties», der demnächst auch in der Schweiz auf Netflix zu sehen sein soll, wird vorgeworfen, dass er junge Mädchen ausbeute, weil er sie beim Tanzen in sexuell suggestiven Posen zeige - letztlich also, selbst Kinderpornografie zu sein.

Als Netflix ihn dennoch veröffentlichte, schoss der Hashtag #CancelNetflix im US-amerikanischen Twitter auf Platz eins der meistbesprochenen Themen.

«Cuties» ist ein französischer Film, der im Original «Mignonnes» heisst (wie im Englischen: «Die Süssen»). Er lief zu Beginn des Jahres beim Sundance-Filmfestival in den USA. Dort löste er nicht den Hauch eines Skandals aus. Im Gegenteil: Seine französisch-senegalesische Regisseurin Maïmouna Doucouré, Jahrgang 1985, wurde mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Der Film bekam positive Kritiken, in Frankreich ist er seit dem 19. August in den Kinos zu sehen, ebenfalls: skandalfrei. Nun aber erhält die Regisseurin Morddrohungen. Wie können die Reaktionen auf ein und denselben Film so dermassen unterschiedlich ausfallen?

Doucourés Film erzählt von einigen aufwühlenden Wochen im Leben der elfjährigen Amy, kurz für Aminata. Sie lebt mit ihrer gläubigen muslimischen Familie, die aus dem Senegal stammt, in einem Sozialbau in einem armen Randbezirk von Paris. Gerade ist sie mit ihrer Mutter und ihren zwei jüngeren Brüdern in eine grössere Wohnung gezogen. Ein Zimmer darin dürfen die Kinder nicht betreten, die Klinke ist abgeschraubt.

«Sei eine echte Frau!»

Warum, das erfährt Amy in einer herzzerreissenden Szene, versteckt unter dem Bett ihrer Mutter: Ihr Vater ist zurück in die Heimat gereist, um seine neue Braut abzuholen. Das verbotene Zimmer wird das Zimmer seiner Zweitfrau sein. Amys Mutter schluchzt in den Pausen zwischen Telefonaten mit Familienangehörigen, in denen sie so tun muss, als ob sie sich darüber freue. Als sie vor Verletztheit und Traurigkeit nicht mehr kann, wird sie streng von der Matriarchin, «Tante» genannt, ermahnt: «Sei eine echte Frau!»

Alles, was darauf in «Cuties» folgt, muss man im Kontext dieser Szene sehen. Amy bekommt bei den religiösen Treffen ihrer Community eingeschärft, Frauen hätten gehorsam zu sein und dürften sich keinesfalls unzüchtig anziehen. In diesem Moment unter dem Bett versteht sie aber, was das bedeutet: Unglück, Unterwerfung, Selbstaufgabe. Und weil sie in Paris lebt und nicht in einem senegalesischen Dorf, sucht sie nach einem Ausweg.

Man kann der Regisseurin beileibe nicht vorwerfen, ihr Film würde die Hypersexualisierung von Kindern wiederholen, die er kritisiert.

Den erkennt sie ein paar Tage später in den «Cuties»: Vier Mädchen in engen Hosen und Minikleidern, die in der Hofpause so aufreizend tanzen, wie sie es aus den Hip-Hop-Musikvideos im Internet kennen, wo sie ihre Vorbilder finden: Frauen, die sich räkeln, twerken und so lasziv gucken, dass die Tanztruppe aus «Dirty Dancing» ganz rote Wangen bekäme vor Scham.

Die Mädchen, alle erst elf wie Amy, werden gemassregelt und ziehen, lachend und irgendwas mit «Freiheit!» rufend, von dannen. Amy ist fasziniert, freundet sich mit ihnen an und übt zu Hause so lange ihre Hüftzuckungen, bis sie die anderen in den Provokationen übertrifft, die sie in ihrer Naivität gegenüber allem Sexuellen noch gar nicht verstehen. Als ein Mädchen ein Kondom, das es im Gebüsch gefunden hat, aufbläst wie einen Luftballon, schreien die anderen entsetzt – sicher habe sie jetzt Aids. Dem Mädchen schiesst eine dicke Schamesträne aus dem Auge.

Diese Kinder schauen zwar auf dem Schulklo Pornos, aber Bescheid wissen sie deshalb natürlich noch lange nicht. Sie kämpfen auch nicht nur mit der Pubertät, was schwer genug wäre. Als Migrantenkinder sind sie kulturelle Aussenseiter und haben niemanden, der ihnen helfen könnte, die konträren Entwürfe vom Frau- und Erwachsensein zu ordnen - und nicht-twerkende Vorbilder zu finden. Doucouré zeigt die Verletzlichkeit, aber auch die Fröhlichkeit dieser Mädchen bewegend genau. Ausser ein paar Kameraeinstellungen, die allzu sehr auf die Kinderpopos halten, kann man ihr beileibe nicht vorwerfen, ihr Film würde die Hypersexualisierung von Kindern wiederholen, die er kritisiert.

Amys Zugehörigkeitsbedürfnis wird so obsessiv, dass sie bald vor nichts mehr zurückschreckt. Sie stiehlt, postet ein Foto ihrer Genitalien in den sozialen Medien und schreckt irgendwann selbst vor Gewalt nicht mehr zurück, um mit den «Cuties» bei einem Tanzwettbewerb auf der Bühne zu stehen. Doch die ersehnte Anerkennung bleibt aus. Bei ihrem Auftritt halten Mütter ihren Kindern die Augen zu, die Jurymitglieder runzeln besorgt die Stirn.

Um den Film zu bewerben, hat Netflix in den USA ein Bild von diesem Auftritt benutzt: die vier Mädchen in ihren extrem knappen Outfits, in aufreizenden Posen. Das war falsch, weil so die Werbung für den Film so das tat, was der Film kritisiert. Netflix hat sich entschuldigt, aber da waren die Rechtskonservativen längst auf Kreuzzug - ohne den Film gesehen zu haben. Darin nämlich, so viel Spoiler sei erlaubt, bricht Amy den Tanz ab und beginnt auf der Bühne bitterlich zu weinen. Die Freiheit, die sie sich versprochen hat, ist im Metallic-Bikini nicht zu haben. Auch das Twerken ist Teil des Patriarchats, gegen das sie rebellieren wollte.

22 Kommentare
    Sarah Meier

    Darf ein Film zeigen, was er kritisiert? Ja.

    Muss ein ein Film dies so explizit tun? Nein.

    Kinder sexualisieren um auf die Sexualisierung von Kindern hinzuweisen muss nicht sein. Weniger Nahaufnahmen und kürzere Szenen hätten es auch getan um den Punkt rüber zubringen.

    Netflix hätte besser den französischen Trailer übernommen, der Netflix Trailer mit Nahaufnahme auf den Schritt eines Mädchen und die Twerking Szenen hätten wirklich nicht noch mehr hervorgehoben werden müssen.