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Gemeinwohl in der Pandemie«Das Beste im Menschen wecken»

Was die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom und das Bewässerungssystem eines 500-Seelen-Dorfs im Wallis heute über Covid-19 sagen können.

An einem jahrhundertealten System von Bewässerungskanälen im Wallis lässt sich studieren, wie Menschen das Gemeinwohl über den Egoismus setzen.
An einem jahrhundertealten System von Bewässerungskanälen im Wallis lässt sich studieren, wie Menschen das Gemeinwohl über den Egoismus setzen.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Mit der Corona-Krise hat der Begriff «Gemeinwohl» neue Bedeutung gewonnen. Das Gemeinwohl wahren – das bedeutet, grosse Opfer zu bringen, damit möglichst viele Menschen vor einer brutalen Krankheit geschützt werden. Das beginnt mit Einschränkungen der Lebensqualität und der zwischenmenschlichen Beziehungen («Social Distancing»), geht weiter mit Eingriffen in die Rechte von Eltern und Schülern und ist mit dem Verzicht auf Fernreisen noch lange nicht zu Ende. Nun mehren sich die Zeichen, dass Menschen die Geduld verlieren und die Disziplin nachlässt. Wie geht man mit Leuten um, die auf das Gemeinwohl pfeifen, Corona-Partys feiern und ohne Masken herumlaufen?

Einfache Antworten auf die Fragen gibt es nicht. Aber es ist eine gute Idee, sich gerade jetzt mit Elinor Ostrom zu befassen. Die Ökonomin wurde 2009 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Sie forschte über das Gemeinwohl.

2009 erhielt Elinor Ostrom den Nobelpreis. Sie ist 2012 verstorben.
2009 erhielt Elinor Ostrom den Nobelpreis. Sie ist 2012 verstorben.
Foto: Jeremy Hogan (AP)

Konkret ging es Ostrom um Allmenden. Das sind Weideflächen, Wälder und andere Ressourcen, die niemandem gehören, aber von allen genutzt werden konnten. Allmenden werden oft übernutzt: Bauern treiben zu viel Vieh auf die Weiden oder holen zu viel Holz aus dem Wald, weshalb die Erträge sinken. Beispiele für diese «Tragik der Allmende» gibt es auch in der Gegenwart. Die Weltmeere sind eine Allmende, sie werden überfischt und vermüllt.

Auch den Schutz vor Corona kann man als Allmende deuten. Zwar handeln ältere Menschen im eigenen Interesse, wenn sie sich an die Regeln halten. Junge Menschen haben dagegen ein geringeres Risiko, mit ernsten Symptomen zu erkranken. Sie müssen sich am Gemeinwohl orientieren.

Vor allem aber sind Vertrauen und Bereitschaft zur Kooperation nötig.

Ostrom hat nachgewiesen, dass es Allmenden gibt, die funktionieren. Zum Beispiel die gemeinschaftlich bewirtschafteten Bewässerungsgräben in Törbel, einem Bergdorf im Wallis. Die Gräben gehören niemandem. Trotzdem erfüllen sie seit Jahrhunderten ihre Aufgabe.

Ein paar Bedingungen allerdings müssen erfüllt sein: ein klar definierter Kreis von Nutzern, Beteiligung aller an allen Entscheiden, Sanktionen, wenn jemand gegen die Regeln verstösst. Vor allem aber sind Vertrauen und Bereitschaft zur Kooperation nötig. Es liegt nahe, dass all dies in einem Bergdörfchen leichter zu erreichen ist als in einem ganzen Land.

Was kann man daraus für Corona lernen? Der Verhaltensforscher Axel Ockenfels beschreibt das Problem der Kooperation in der Pandemie so: «Viele Menschen sind anfänglich sehr kooperationsbereit. Doch Kooperation ist fragil und löst sich oft mit der Zeit auf. Egoismus ist ansteckender als Altruismus.»

Das Ziel muss sein, Institutionen zu schaffen, die das Beste im Menschen wecken.

Ockenfels' Schluss: Eine Gesellschaft könne zwar in der Regel ganz gut verkraften, wenn sich einige Autofahrer rüpelhaft verhalten, solange sich die Mehrheit an die Regeln hält. In einer Pandemie könne aber schon eine kleine Minderheit die Anstrengungen der Mehrheit zunichtemachen.

Wahrscheinlich kann man auch von Ökonomen keine Patentrezepte für eine Situation erwarten, die bisher noch niemand erlebt hat. Aber sie können dabei helfen, zielgerichteter danach zu suchen. Elinor Ostrom sagte in ihrer Nobelpreisrede, es gehe nicht darum, einzelne Menschen zu richtigem Verhalten zu zwingen oder zu drängen. Ziel müsse es vielmehr sein, «Institutionen zu schaffen, die das Beste im Menschen wecken». Das hilft zwar nicht in der akuten Notsituation, ist aber ein gutes Motto für die Zeit nach Covid-19.