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Kolumne Milo Rau«Das ist ein Aufruf zum Mord»

Die wichtigsten Ausschnitte aus dem eindringlichen Appell, den die brasilianische Schauspielerin Kay Sara aus dem Amazonas an die Welt richtet.

«Ich bestehe darauf, dass wir ‹Indigene› genannt werden. Denn ‹indigen› heisst: ‹einheimisch›»: Kay Sara (im roten Kleid) mit Angehörigen im Amazonasgebiet
«Ich bestehe darauf, dass wir Indigene genannt werden. Denn indigen heisst: einheimisch›»: Kay Sara (im roten Kleid) mit Angehörigen im Amazonasgebiet
Foto: Armin Smailovic

Gestern Abend hätte die indigene Aktivistin und Schauspielerin Kay Sara, die in meiner Inszenierung «Antigone im Amazonas» die Hauptrolle spielt, auf der Bühne des Burgtheaters die Wiener Festwochen eröffnen sollen. Aber Corona entschied anders, und Kay Sara schickt uns ein Video aus ihrem Dorf. Medien in ganz Europa veröffentlichen nun ihre Worte – hier die wichtigsten Ausschnitte:

«Meine europäischen Freunde haben mich gefragt, wie es mir geht. Mir geht es gut. Ich befinde mich im Amazonas bei meinem Volk, ganz im Norden Brasiliens. Ich gehöre zum 3. Clan des Volks der Tariano, des Clans des Donners. Wir Tariano werden Indianer genannt. Aber ich bestehe darauf, dass wir Indigene genannt werden. Denn indigen heisst: einheimisch. Ich bin Schauspielerin geworden, damit ich von uns, den Indigenen, erzählen kann.

Unser Unglück begann, als die Spanier und Portugiesen in unser Land kamen. Zuerst kamen die Soldaten, dann kamen die Geistlichen, und mit den Europäern kamen die Krankheiten zu uns. Millionen starben. Weitere Millionen starben von der Hand der Soldaten und der Geistlichen, im Namen des einen Gottes und der einen Zivilisation. Im Namen des Fortschritts und des Gewinns.

Es geht nicht mehr um Kunst, es geht nicht mehr um Theater. Unsere Tragödie findet hier und jetzt statt, in der Welt, vor unseren Augen

Heute sind nur noch wenige von uns übrig. Ich bin eine der Letzten der Tariano. Und vor einigen Wochen also kam die nächste Krankheit zu uns: Corona. Vielleicht haben Sie davon gehört, dass in Manaus, der Hauptstadt des Amazonas, die Krankheit besonders schrecklich wütet. Es ist keine Zeit mehr für richtige Beerdigungen. Menschen liegen in Massengräbern, Traktoren schütten sie zu. Andere liegen in den Strassen, unbeerdigt.Die Weissen nutzen das Chaos, um noch tiefer in die Wälder einzudringen. Die Feuer werden nicht mehr gelöscht. Von wem auch? Wer den Holzfällern in die Hände fällt, wird ermordet. Und was hat Bolsonaro getan? Das, was er immer tut: Er schüttelt die Hände seiner Unterstützer und verspottet die Toten. Er hat seine Mitarbeiter beauftragt, die indigenen Völker zu benachrichtigen, dass eine Krankheit ausgebrochen sei. Das ist ein Aufruf zum Mord an uns. Bolsonaro will den Genozid an den Indigenen, der seit 500 Jahren anhält, zu Ende bringen.

Wir werden untergehen, wenn wir nicht handeln. In zehn Jahren wird das Ökosystem des Amazonas kippen. Das Herz dieses Planeten wird aufhören zu schlagen. Die Sache ist so einfach: Es gibt keinen Gewinn in dieser Welt, es gibt nur das Leben. Und deshalb ist es gut, dass ich nicht auf der Bühne des Burgtheaters stehe. Denn es geht nicht mehr um Kunst, es geht nicht mehr um Theater. Unsere Tragödie findet hier und jetzt statt, in der Welt, vor unseren Augen.

Dieser Wahnsinn muss aufhören. Lasst uns gemeinsam Widerstand leisten, lasst uns Menschen sein. Denn wenn Rechtlosigkeit Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht. Jeder in seiner Art und an seinem Ort, vereint durch unsere Unterschiedlichkeit und unsere Liebe zum Leben, das uns alle vereint.»