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KolumneDas schöpferische Korrekturprogramm

Die digitale Worterkennung ist ein Quell von Missverständnissen und Peinlichkeiten. Unser Autor hat das selbst erlebt, und er schickt Ihnen «gründliche Füsse».

E-Mail-Programme, die selber denken, sind ein Risiko für die Absender – und gut für den Blumenhandel, wie eines unserer Beispiele zeigt.
E-Mail-Programme, die selber denken, sind ein Risiko für die Absender – und gut für den Blumenhandel, wie eines unserer Beispiele zeigt.
PD

Mein neues E-Mail-Programm will mir die Arbeit so einfach machen wie möglich. Wirklich? Kaum habe ich die ersten zwei, drei Buchstaben eines Wortes angetippt, bietet es mir Alternativen an. Ich will zum Beispiel «Corona» schreiben, und es schlägt mir «Corporate» vor. Oder «Corina». Aha! Einer Corina habe ich vor ein paar Tagen tatsächlich geschrieben. Das schlaue Programm hat sich den Namen gemerkt. Das ist praktisch, vor allem, wenn man mit dicken Fingern auf dem dünnen Smartphone SMS-Botschaften zusammentippt. Im Mailverkehr jedoch kann der Übereifer der Automatik zur tückischen Falle werden. Wer nicht nochmals sorgfältig durchliest, was er geschrieben hat, entlässt verwirrliche, mitunter gar peinliche Missverständnisse in die digitale Welt, und die vergisst bekanntlich nichts.

So wird aus «Liebe Frau Stähli» schon mal «Liebe Frau Stahlindustrie». «Herr Bättig» wird automatisch in «Herr Bärtig» umgetauft. Aus «Gösgen» macht das Programm «Gössen» – einer österreichischen Biermarke («Gösser») nicht unähnlich. Interessante Lösung, passt aber nicht zum Problem! «Orell Füssli» heisst auf einmal «Oral Fossil». Ich schreibe «Sika», und es erscheint «Sina». Beide werden entzückt sein! Bei Eigennamen, vor allem, wenn sie schweizerisch tönen, dreht das Programm regelmässig durch. Es macht zum Beispiel aus einem «Herrn Stucky» einfach einen «Herrn Stuck». Aus «Hoeres», dem Namen eines bedeutenden deutschen Historikers, wird «Heeres». So heisst aber eine hier zu Recht unbekannte niederländische Versicherungsagentur.

Die Strafaufgabe für jeden Buchautor lautet: Suche Bilder! Also schickst du Dutzende von Mails in alle Himmelsrichtungen, und selbstverständlich versicherst du jedem Archiv, man werde «die Ansprüche der Rechtsinhaber» respektieren. Aber was macht das Korrekturprogramm aus dem «Rechtsinhaber»? Einen «Rechthaber»! Einem Kollegen ist kürzlich ungewollt etwas ganz Peinliches passiert. Er schrieb den beinamputierten Geschäftsleiter einer Invalidenorganisation an und formulierte, weil er besonders höflich sein wollte: «Sehr verehrter Herr...». Daraus machte das Programm: «Sehr versehrter Herr...» Der Blumenstrauss zwecks Entschuldigung hatte Weltformat.

Unsere Freundin schreibt, sie suche eine neue Wohnung in den Zürcher Stadtteilen Fluntern oder Hottingen. Heraus kommt «Flundern oder Hottenden»! Und aus dem vornehmen Andermatter Hotel Chedi wird ein «Hotel Chemie». Für heute will ich «mit freundlichen Grüssen» verbleiben. Und was lese ich im Korrekturmodus? «Mit gründlichen Füssen».