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Führungswechsel beim GrossverteilerDas sind die Baustellen des neuen Coop-Chefs

Am Dienstag informiert Coop über das Corona-Jahr 2020. Noch-Chef Joos Sutter zieht zum letzten Mal Bilanz. Sein Nachfolger Philipp Wyss sieht sich steigendem Preisdruck durch die Discounter ausgesetzt.

Bald übergibt Joos Sutter (links) die Leitung der Coop-Gruppe an Philipp Wyss.
Bald übergibt Joos Sutter (links) die Leitung der Coop-Gruppe an Philipp Wyss.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Im Mai steht beim Grossverteiler Coop der Chefwechsel an: Der stellvertretende Chef Philipp Wyss löst Joos Sutter ab. Der will nach zehn Jahren als operativer Leiter neu den Verwaltungsrat anführen. Derzeit leitet Wyss noch den Bereich Marketing und Beschaffung – und kennt sich aus beim zweitgrössten Detailhändler der Schweiz, bereits seit 1997 arbeitet er dort in verschiedenen Funktionen.

Im vergangenen Jahr schaffte es die Coop-Gruppe fast, die Umsatzeinbussen der während des Lockdown geschlossenen Filialen auszugleichen. Die Lebensmittelgeschäfte blieben geöffnet, die Onlinekanäle erlebten eine grosse Nachfrage. Insgesamt verzeichnete der Grossverteiler 30,2 Milliarden Franken Gesamtumsatz, 0,2 Prozent weniger als im Vorjahr.

Auch dieses Jahr bleibt die Situation im Detailhandel angespannt. Selbst ohne Corona erwarten den neuen Chef Wyss zahlreiche Herausforderungen.

Der Preisdruck steigt

Nicht nur die Migros spürt sie, auch Coop muss sich mit ihr messen: Die Konkurrenz aus dem Ausland mischt den Markt auf. Die deutschen Discounter Lidl und Aldi bieten Tiefstpreise und erhöhen den Preisdruck bei den Grossverteilern. Die müssen mitziehen.

Vor zwei Jahren gab Coop bekannt, seine Billiglinie Prix Garantie auszubauen. Das Sortiment beinhaltet rund 1300 Artikel. Zudem wurden im letzten Jahr die Preise bei über tausend Artikeln gesenkt. Seit Jahresbeginn wurde bei mehr als 250 weiteren Produkten die Preise dauerhaft reduzieren.

Dieser Preisdruck wird bestehen bleiben. Als Marketingchef weiss Wyss, wie er seine Produkte bestmöglich in Szene setzt, um einen guten Preis rauszuholen. Das dürfte ihm auch in Zukunft gelegen kommen.

Frequenzen und Filialen

Die Pandemie werde auch langfristig Einfluss auf die Kundenfrequenzen haben, sagen Experten der Credit Suisse. In ihrem «Retail Outlook 2021» gehen sie davon aus, dass ein erhöhter Homeoffice-Anteil in Zukunft die Mobilität der Konsumenten beeinflussen wird. Das werde Konsequenzen für das Filialnetz im Detailhandel haben. Schätzungen der Credit Suisse zufolge dürften Fussgängerfrequenzen um bis zu 30 Prozent abnehmen. Städtische Gebiete werden dabei stärker betroffen sein als ländliche.

Diese Entwicklung dürfte Standorte aller Coop-Fachgeschäfte vornehmlich in Innenstadtlagen betreffen. Doch auch vor Corona war deren Anzahl rückläufig. Interdiscount betrieb 2019 insgesamt 179 Filialen, sieben weniger als im Vergleich zum Vorjahr. Bei der Möbelkette Livique/Lumimart waren es zwei Geschäfte weniger.

Die Einkaufszentren

Die Umsätze der Schweizer Einkaufszentren schrumpfen seit Jahren. Einkaufstourismus und Onlinehandel sind zwei Konkurrenten, die den Centern die Kundinnen und Kunden streitig machen. Auch die insgesamt 40 Shoppingcenter, die Coop betreibt, sind betroffen. Doch der Grossverteiler investiert kräftig, um den Anschluss nicht zu verpassen. Vergangenes Jahr hat er gar nach neuen Standorten Ausschau gehalten.

Für Wyss wird das Shoppingcenter-Geschäft eine Herausforderung bleiben. Hat doch vor allem der Onlinehandel während Corona einen grossen Boom erlebt. Und auch in Zukunft gehen Experten davon aus, dass der Anteil an Interneteinkäufen hoch bleibt.

Die Arbeitskultur

Die Corona-Krise zeigt, welche Unternehmen bereit sind, ihren Mitarbeitenden genügend Vertrauen entgegenzubringen, um sie ins heimische Büro zu lassen. Als während des ersten Lockdown im März die Arbeit im Homeoffice empfohlen wurde, ging man bei Coop nur sehr zögerlich darauf ein. Joos Sutters Begründung: Es sei ihm wichtig gewesen, die Leute an der Front, in den Supermärkten, nicht zu vergessen, die nicht im Homeoffice hätten arbeiten können.

Das Homeoffice wurde daher phasenweise eingeführt, sagte er im Interview mit der «SonntagsZeitung». Eine von siebzig Mitarbeitenden unterschriebene Petition für die Arbeit im Homeoffice wurde von Sutter laut «NZZ am Sonntag» nicht goutiert.

Die Unternehmensstruktur

Coop ist genossenschaftlich organisiert. Die rund 2,5 Millionen Mitglieder können jedoch wenig Einfluss auf die Entscheidungen des Grossverteilers nehmen. Zwar werden alle vier Jahre die Regionalräte der Coop-Genossenschaften neu gewählt. Doch ohne den Segen der Coop-Führung ist die Wahl in einen der sechs regionalen Wahlkreise praktisch unmöglich.

Als im vergangenen Jahr der Verein Detailwandel bei der Wahl mit eigenen Listen antreten wollte, um Einfluss auf die Entwicklung bei Coop zu nehmen, wurden die Regeln kurzerhand angepasst und die Hürden stark angehoben, wie das Onlinemagazin «Republik» berichtete. (Lesen Sie dazu: «Aufstand der Coop-Genossenschafter».) Neu mussten dreimal so viele Unterschriften herangeschafft werden, und das in der Hälfte der Zeit. Detailwandel musste sein Vorhaben abbrechen.

Dass der Ruf der Genossenschaft durch Aktionen wie diese in Zukunft keinen Schaden nimmt, liegt bald an Wyss.

Korrektur: In einer früheren Version hiess es, das Sortiment sollte von 500 auf 600 Artikel anwachsen. Zudem senkte Coop nicht im vergangenen Jahr die Preise bei 250 Produkten, sondern in diesem.

3 Kommentare
    hanspeter gysin

    Immer mehr Grenzgänger arbeiten bei Coop. Die Produkte sind allgemein hochpreisig, wir der Grenze nach können drüben nicht einkaufen.. Also hier wird gejammert auf sehr hohem Stand.