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Klimaforscher Reto Knutti«Das Steuer herumreissen funktioniert im Klimaschutz nicht»

ETH-Klimaforscher Reto Knutti war vor dem Corona-Ausbruch einer der gefragtesten Klimaexperten der Schweiz. Nun erklärt er, warum die Krise eine Chance für den Klimaschutz werden kann.

«Wir rotten uns wissentlich selbst aus»: Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich.
«Wir rotten uns wissentlich selbst aus»: Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich.
Foto: Urs Jaudas

Anfang Jahr war der Klimawandel noch das grosse Thema in den Medien. Sie waren einer der gefragtesten Experten. Nun bestimmt die Corona-Krise unseren Alltag. Wie empfinden Sie die Situation?

Es erstaunt nicht, dass ein langfristiges, globales Problem wie der Klimawandel an Bedeutung verliert, wenn der Einzelne unmittelbar um seine Gesundheit, seinen Arbeitsplatz oder seine Verwandten und Freunde besorgt ist. Die Isolation gibt mir Zeit zum Nachdenken. Wir dürfen aber nicht vergessen, schon heute die Lehren aus der Corona-Krise zu ziehen. Denn die Krise ist auch eine Chance.

Welche Lehren ziehen Sie denn daraus?

Zu denken gibt schon, warum die Staaten weltweit bei der Pandemie derart dezidiert reagieren und in anderen Situationen wie dem Klimawandel nicht. Was gibt es Schlimmeres, als die Wirtschaft auf Notbetrieb runterzufahren. Es ist doch erstaunlich, dass sich das per Regierungsentscheid im ganzen Land durchsetzen lässt. Und die Menschen halten sich im Grossen und Ganzen an die verordneten Verhaltensregeln. Es zeigt einmal mehr, wenn unmittelbare Gefahr herrscht, sind wir in der Lage, das Steuer herumzureissen. Hier hat der Umgang mit dem Risiko funktioniert, obwohl wir bis heute nicht genau wissen, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist. Obwohl die Datenlage über die Verbreitung immer noch mangelhaft ist. Genau aus diesem Grund müssen wir eben reagieren.

Sie kritisieren dennoch, dass wie beim Klimawandel die Wissenschaft zu spät ernst genommen wurde.

Südkorea hat schnell Massnahmen ergriffen und konnte die Ansteckungsverbreitung entsprechend in relativ kurzer Zeit verlangsamen, die USA hingegen haben Wochen verloren, indem sie das Problem verharmlost haben, und nun der Spielraum für Massnahmen immer enger wird. Die Politik hat immer noch das Problem, dass sie die wissenschaftlichen Fakten oft zu spät akzeptiert, um eine vorausschauende Politik zu betreiben. Ich habe mit Schweizer Epidemiologen gesprochen, die frustriert waren, dass sie lange nicht bis zur Politik vordringen konnten. Dass der Bundesrat erst vor wenigen Tagen ein beratendes Expertengremium einberief, ist bezeichnend. Das hätte es doch schon vor der Pandemie geben sollen.

Beim Klimaschutz gibt es schon lange ein beratendes Gremium in Klimafragen für den Bundesrat.

Ja, das OcCC (Organe consultatif sur les changements climatiques) agiert seit 2013 als Klimabeirat des Umwelt-, Verkehrs- und Energiedepartements. Aber seine Schlagkraft ist gering, und es wird kaum angehört.

Die Risikowahrnehmung in unserer Gesellschaft ist beim Klimaschutz offensichtlich eine andere.

Es gibt einzelne Ereignisse wie zum Beispiel der extrem trockene Sommer 2018, der sehr viele Menschen nachdenklich gemacht hat. Auch die seit 2019 im Klimaschutz aktiven Jugendlichen haben in der Gesellschaft etwas ausgelöst. Aber die ganz schlimmen Folgen des Klimawandels haben wir eben noch nicht erlebt, zum Beispiel ein starker Anstieg des Meeresspiegels, brutale Hitzesommer, die sich alle zwei bis drei Jahre wiederholen. Wir empfinden den Klimawandel zumindest in der reichen Welt noch zu wenig lebensbedrohlich. Die Corona-Krise sollte uns lehren, dass uns diese Haltung sehr teuer zu stehen kommen kann.

Wir haben Mühe, mit Daten von Computermodellen umzugehen.

Deshalb kam in der Corona-Krise in gewissen Medien und auf Social Media wieder das gleiche Muster zur Anwendung wie in der Klimafrage: Das Thema wurde verharmlost, weil es keine Daten gebe, sondern nur Szenarien. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass man nur mit wissenschaftlich basierten Szenarien und entsprechenden Annahmen in die Zukunft schauen kann.

Aber auch Expertenmeinungen sollten kritisch verfolgt werden.

Wissenschaft muss zwingend hinterfragt werden. Man sollte nie Ergebnisse, die nur von einer oder zwei Forschungsgruppen kommen, als gegeben anschauen, ich traue nie einer einzigen Publikation oder einem Modell, bevor es nicht von anderen überprüft worden ist. In der Klimafrage greifen wir aber auf 50 Jahre Forschung zurück, auf Hunderttausende Publikationen und eine riesige Datenmenge. Natürlich kann man sagen, wir haben immer noch Unsicherheiten, aber wir haben ein viel besseres Verständnis als bei Pandemiefragen.

«Mit dem Umsetzen von Wissen haben wir noch reichlich Mühe.»

Eigentlich ist das Verständnis für Risiko in unserer Gesellschaft verankert. In der UNO-Klimarahmenkonvention gilt zum Beispiel das Vorsorgeprinzip.

Theoretisch ist dies durchaus vorhanden. Der erste Schritt ist, auch Fakten zu akzeptieren, die uns wehtun. So weit sind wir inzwischen. Aber mit dem Umsetzen haben wir noch reichlich Mühe. Die bekannte amerikanische Historikerin Naomi Oreskes hat einmal geschrieben, dass wir vermutlich die erste Zivilisation sein werden, die so gut dokumentiert in den Abgrund gelaufen ist. Wir rotten uns wissentlich selbst aus.

Sehen Sie eine Chance, aus der aktuellen Krise gestärkt herauszukommen, um auch die bevorstehende Klimakrise zu bewältigen?

Sicher. Wir beweisen ja derzeit, dass wir gemeinsam Probleme lösen wollen und auch können, sei es weltpolitisch und in der Forschung. Wir zeigen auch, wie wichtig Solidarität ist. In der Coronakrise zwischen der jungen und alten Generation. Beim Klimaschutz ist es umgekehrt, die jetzige Generation sollte für die jüngere vorsorgen, und die reichen Staaten sollten die ärmeren finanziell und mit Wissen unterstützen. Letztere sind besonders durch die Folgen des Klimawandels betroffen. Gut wäre gewesen, wenn wir bereits vor 30 Jahren die Wissenschaft ernst genommen hätten. Aber wir haben es immer noch in der Hand, das Schlimmste abzuwenden. Das Steuer herumreissen wie bei der Corona-Krise funktioniert allerdings im Klimaschutz nicht, hier muss man bereits reagieren, bevor die Bedrohung unmittelbar ist.

Haben Sie keine Sorge, die Emissionen der Treibhausgase könnten wie nach der Finanzkrise noch stärker ansteigen?

Die Gefahr besteht, dass die Emissionen zusätzlich ansteigen werden, wenn die Wirtschaft ihre Verluste wieder kompensieren will und die Menschen nach der Krise wieder in Konsum- und Fluglaune kommen. Aber es ist nun auch eine grosse Chance, die aufkommende Konjunktur nach der Krise zu nutzen, um neue Investitionen in eine saubere Energieversorgung und die Elektrifizierung des Verkehrs zu lenken. Für mich ist aber klar, und das ist eine weitere Parallele zur Pandemie: Es braucht Regeln, die für alle gelten. Mit Freiwilligkeit und allein mit dem Markt ist das nicht zu schaffen. Da braucht es klare politische Rahmenbedingungen: Verbote, Lenkungsabgaben, CO2-Steuern. Und das Ziel, die Emissionen bis 2030 um 50 Prozent allein im Inland zu reduzieren.

87 Kommentare
    W.Hasler

    Die Coronakrise hat es durch ihre schnelle Dynamik und die Wucht der Daten und Bilder in kurzer Zeit geschafft, unser Verhalten zu ändern. Demgegenüber kommt die Welle der Klimakrise nur sehr langsam, aber zunehmend spürbar auf uns zu. Aber auch hier werden wir uns einmal die Augen reiben und uns fragen, warum wir nicht früher gehandelt haben.