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Spital in RichterswilVerzweifelter Versuch des Paracelsus-Spitals, den Konkurs abzuwenden

Mittels Nachlassstundung versucht das Paracelsus-Spital in Richterswil, den Konkurs abzuwenden. Findet das Spital keine Kooperationspartner, ist es am Ende.

Das Paracelsus-Spital in Richterswil steht wegen der Corona-Pandemie vor der Schliessung.
Das Paracelsus-Spital in Richterswil steht wegen der Corona-Pandemie vor der Schliessung.
Archivfoto: Moritz Hager

Das Paracelsus-Spital in Richterswil steht kurz vor dem Aus – es droht der Konkurs. Wie das Spital mitteilt, hat ihm die Corona-Krise schwer zugesetzt. «Neben der bereits bislang schwierigen Situation für kleine Spitäler mit breitem Leistungsangebot haben die Umsatzausfälle aufgrund der derzeitigen Pandemie die Lage weiter verschärft», heisst es in der Mitteilung des Spitals. Zuerst sei die Auslastung aufgrund der Covid-Verordnung gering gewesen, aber auch nach dem Lockdown seien die Belegungszahlen nicht ausreichend angestiegen.

Um die Zukunft des Spitals in geordnetem Rahmen regeln zu können, hat das Spital Nachlassstundung beantragt. Das Bezirksgericht Horgen hat diesem Antrag stattgegeben. Mit der Nachlassstundung soll der drohende Konkurs abgewendet werden: Das Spital hat nun einige Wochen Zeit, einen Nachlassvertrag mit seinen Gläubigern auszuarbeiten. In dieser Phase können keine Massnahmen wie eine Betreibung oder die Konkurseröffnung gegen das Spital ergriffen werden.

Ein Hilfeschrei der Klinik

Jürgen Robe, CEO und Verwaltungsrat des Paracelsus-Spitals, sagt auf Anfrage, das Spital habe nun zwei Monate Zeit, eine Lösung zu finden. «Wir werden Bereich für Bereich durchgehen und uns überlegen, was wir wie wirtschaftlich weiterbetreiben können. Wir tun dies gemeinsam mit einem Sachverwalter, der uns zur Seite gestellt worden ist.»

In den nächsten zwei Monaten muss es Jürgen Robe, CEO und Verwaltungsrat der NSN Medical AG, zu der das Paracelsus-Spital gehört, gelingen, einen oder mehrere Kooperationspartner zu finden.
In den nächsten zwei Monaten muss es Jürgen Robe, CEO und Verwaltungsrat der NSN Medical AG, zu der das Paracelsus-Spital gehört, gelingen, einen oder mehrere Kooperationspartner zu finden.
Archivfoto: Reto Schneider

Robe macht keinen Hehl daraus, dass der Gang an die Öffentlichkeit ein Hilfeschrei ist. Denn das Paracelsus-Spital ist ein Sanierungsfall. Das beinahe 150 Jahre alte, traditionsreiche Spital kämpft seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten. Seit 2013 wird es von der NSN Medical AG betrieben, 2017 hat diese es ganz übernommen. Seither hat das Spital, das früher ganz auf die Anthroposophie ausgerichtet war, den Fokus etwas geöffnet und setzt auf integrative Medizin, also eine Kombination von Schul- und Komplementärmedizin. Auch zum drastischen Mittel Entlassungen griff die Klinikleitung während der Phase der Umstrukturierung wiederholt.

«Wir hatten bereits damals eine schwierige Situation», erinnert sich Robe. Ende 2019 sei jedoch das Gröbste überwunden gewesen, die Bemühungen hätten gefruchtet. «Wir sind gut ins 2020 gestartet. Dann ist Corona wie ein Tsunami übers Paracelsus-Spital gerollt. Und hat die ersten zarten Pflänzchen unserer Bemühungen vernichtet.»

Auslastung 50 Prozent zu tief

In den sechs Wochen Shutdown habe das Spital enorme Vorhalteleistungen erbringen müssen, will heissen: eine Covid-Station bereitstellen. «Dies alles für fünf Covid-Patienten», sagt Robe. «Drei davon sind positiv getestet worden, sind aber auch nur kurz im Spital geblieben. Ansonsten war das Spital praktisch leer.»

Aber obwohl seit Juli wieder Normalbetrieb herrscht, konnte das Spital die Auslastung nicht im nötigen Mass steigern. «Um das Spital wirtschaftlich betreiben zu können, müsste sie 50 Prozent höher sein», sagt Robe. Zwar gebe es Bereiche, die sehr gut liefen, darunter die Onkologie, die Paracelsus-Apotheke in Richterswil sowie das Paracelsus-Zentrum Sonnenberg in Zürich. In anderen, notabene der Geburtenabteilung – dem ehemals wichtigsten Pfeiler im Paracelsus-Spital –, sei sie aber drastisch zu tief. «Wir mussten feststellen, dass viele Frauen für die Geburt in ein Geburtshaus gegangen sind oder zu Hause geboren haben», sagt Robe. «Aus Angst vor Corona haben sie das Spital gemieden.»

«Corona ist wie ein Tsunami übers Paracelsus-Spital gerollt.»

Jürgen Robe, CEO der NSN Medical AG

Mit dem Gang an die Öffentlichkeit stellt das Spital klar: Wenn es nicht gelingt, einen oder mehrere Kooperationspartner zu finden, die helfen, das Haus zu füllen, steht das Spital vor dem Aus. «Wir sind schon länger im Gespräch mit potenziellen Partnern», sagt Robe, ohne Namen zu nennen. Darunter dürften neben dem See-Spital mit Standorten in Horgen und Kilchberg auch private Kliniken sein.

«Wir hoffen, dass diese Gespräche durch unsere Veröffentlichung vorangetrieben werden und wir bald eine verbindliche Vereinbarung treffen können», sagt Robe. «Vielleicht gelangen wir aber auf diesem Weg auch mit einem Partner ins Gespräch, den wir bis jetzt nicht im Fokus hatten, etwa aus dem Bereich Pflege oder Psychiatrie.»

Drohende Schliessung

Gelingt es nicht, Kooperationspartner zu finden, muss das Spital schrittweise geschlossen werden. Die überlebensfähigen Anteile – in Richterswil namentlich die Onkologie und die Apotheke – sollen erhalten und in separate Gesellschaften überführt werden. «Wir haben das unseren Mitarbeitern am Freitag so offen kommuniziert», sagt Robe. «Aber das ist wirklich das Worst-Case-Szenario.»

Zu viele leere Betten: Die Auslastung des Paracelsus-Spitals ist gesamthaft rund 50 Prozent zu tief.
Zu viele leere Betten: Die Auslastung des Paracelsus-Spitals ist gesamthaft rund 50 Prozent zu tief.
Archivfoto: Manuela Matt

Das Paracelsus-Spital beschäftigt 200 Mitarbeiter. Das Spital bemühe sich, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Gemäss Liquiditätsplan seien die Löhne bis Ende Jahr gedeckt.

Wie lange der Betrieb noch normal läuft, kann Robe nicht sagen. Er betont aber, dass zurzeit «Courant normal» herrsche. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass die Patienten, die zurzeit bei uns behandelt werden, aber auch jene, die in den kommenden Tagen und Wochen einen Eingriff bei uns planen, wissen, dass wir eine optimale Behandlung gewährleisten.»

«Schockierende Nachricht»

Als schockierend bezeichnet Richterswils Gemeindepräsident Marcel Tanner (FDP) die Nachricht aus dem Hause Paracelsus. «Ich hoffe sehr, dass es dem Spital gelingt, ein Auffangpaket zu schnüren.» Er hofft es in erster Linie für die Mitarbeiter, in zweiter Linie für die Bevölkerung, damit dieser weiterhin «ein gewisses Angebot» im Bereich Gesundheit zur Verfügung steht. Schliesslich hofft er es auch für seine Gemeinde. «Das Paracelsus-Spital ist einer der grössten Arbeitgeber der Gemeinde.»