Ein letzter Gang durch das streng gesicherte AKW Mühleberg

Nur in Unterhosen und einen Overall gekleidet geht es durch die Schleusen – dann ist der Reaktor ganz nah. Ein Besuch im ersten Schweizer Atomkraftwerk, das abgebaut wird.

Blick in das Brennelementebecken im Reaktor des Kernkraftwerks Mühleberg, <nobr>Foto: Peter Klaunzer (Keystone</nobr>)

Blick in das Brennelementebecken im Reaktor des Kernkraftwerks Mühleberg, Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Die Situation gemahnt an einen Securitycheck am Flughafen. Die Tasche aufs Band legen, und man zwängt sich durch einen dieser Kontrollbögen. Alles in Ordnung, das Gepiepse bleibt aus. Dann steht man drin im Kernkraftwerk Mühleberg. Was passieren kann in so einem Koloss, ist bekannt. Schlechte und gute Hollywoodfilme wurden darüber abgedreht, Bücher geschrieben. Fiktion meist, doch ab und an holt die Realität uns ein. Fukushima, Tschernobyl – und ja, auch ein wenig Mühleberg selbst – zeugen davon.

Seinen Platz in den Geschichts­büchern hat sich das Dorf Mühleberg gesichert, ist Synonym für das Kraftwerk geworden. Es ist unweigerlich mit dem Schweizer Atomzeitalter verbunden. Wie Gösgen, Beznau, Leibstadt. Aber auch Graben und Kaiseraugst. Dort, an vorher eher unbekannten Orten, tobten einst die grossen Kämpfe gegen die Kraftwerke: Pfingstmärsche, laute Parolen, Tränengas.

Einige der Proteste endeten für AKW-Gegner erfolgreich: Kaiseraugst und Graben wurden nie gebaut. Vier Atomkraftwerke sind heute noch in Betrieb, um den politischen Kampf hingegen ist es ruhiger geworden. Das Werk in Mühleberg ist nicht weithin sichtbar wie etwa das KKW Gösgen. Ein riesiger Kühlturm fehlt. Auch deshalb fällt das Gebäude kaum auf.

Der ernste Zwischenfall von 1972

Dass dieses Werk aber ein ausseror­dentlicher Ort ist, wird spätestens dann klar, wenn man nur noch in Unterhosen in einer Umkleidekabine steht. Dort hängen weisse – und weil sie so dünn sind – ein wenig durchsichtige Stoffoveralls. Das Tragen ist Pflicht, die eigenen Kleider bleiben im Schrank. Später ­kommen noch weisse Handschuhe und ein grüner Helm dazu. Handys, Portemonnaie, alles bleibt zurück. Zu aufwendig wäre der Nachweis einer Dekontamination nach dem Gang durchs Werk. Ein unscheinbares Kästchen, das Dosimeter, wird um den Hals gehängt. Es misst die Strahlung, der man ausgesetzt ist. Nicht mehr weit, und man steht dort, wo seit Jahrzehnten Atomstrom produziert wird.

Besucher im streng gesicherten Inneren des Atomkraftwerks Mühleberg. Foto: Peter Klaunzer, Keystone

In die kontrollierte Zone gelangt nur, wer zwei weitere Sicherheitsschleusen passiert. Nun sind die Besucher bereit, ins Innerste der Anlage vorzudringen. Eine Druckluftschleuse soll das ungefilterte Austreten von Luft aus dem Innern verhindern. Drinnen ists angenehm warm. Nur wenige Meter entfernt, nur getrennt durch eine dicke Wand, steht der Reaktor.

1972 wurde Mühleberg in Betrieb genommen, und noch vor der Eröffnung gab es einen ernsten Zwischenfall. Ein Brand in einer Turbinengruppe, der «sich auch auf einige Kabel ausweitete», so die NZZ damals, sorgte für ­Negativschlagzeilen. Damals versicherte die Betreiberin BKW, dass der Brand «nicht im Zusammenhang mit der Stromerzeugung aus Atomenergie» ­stehe. Sondern um einen Vorgang, der typisch sei «für Öl- oder Kohlekraftwerke».

Wie brisant der Brand damals tatsächlich war, liess der damalige AKW-Direktor Hans-Rudolf Lutz später gegenüber dem «Beobachter» durch­blicken. Heute, so Lutz, würde der Brand wohl während Tagen für Schlagzeilen in der Weltpresse sorgen.

Die Baustelle des Kernkraftwerks Mühleberg im September 1968. Foto: Keystone

47 Jahre später begrenzen in unmittelbarer Nachbarschaft des Brandherds gelb angestrichene, runde Wände den Raum. Hier liegt nichts rum, nichts scheint überflüssig zu sein. Es ist sauber, unaufgeregt, aber nicht steril wie in einem Operationssaal. Grüne grosse Rohre verlaufen scheinbar wild durcheinander. Ein Lift bringt Besucher weiter in die Höhe, näher ans obere Ende des Reaktorgehäuses.

Zerschnitten, aufbereitet und weggebracht

Dort herrscht die gleiche nüchterne Aufgeräumtheit wie weiter unten. Auf den ersten Blick unspektakulär: Nirgends blinkt etwas, nirgends piepst es. Nur ein blauer Schimmer leuchtet aus einem Wasserbecken. Dort kühlen Brennstäbe über Jahre hinweg ab, ehe sie dann in ein Zwischenlager gebracht werden.

Ein paar Meter vom Becken entfernt hängt ein Rettungsring, falls jemand ins Abklingbecken fallen sollte. Quer durch den runden Raum spannt sich ein gelber Kran. Mit ihm lassen sich die tonnenschweren Blöcke heben, die den Reaktor abschirmen. So wie dies jedes Jahr bei der grossen Revision im Sommer der Fall ist. Nur dieses Mal werden die Blöcke nicht wieder eingesetzt, sondern zerschnitten, aufbereitet und weggebracht.

Was heute hermetisch abgeriegelt ist, war auch schon durchlässiger. 1986, nur wenige Monate nach dem GAU in Tschernobyl, traten in Mühleberg radioaktive Stoffe in die Umgebung aus. Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung. Denn an die Öffentlichkeit drang der Vorfall erst, als ein Mitarbeiter die Presse informierte. Und das Wochen nach dem eigentlichen Unfall.

Der «SonntagsBlick» doppelte mit eigenen Messungen nach, der «Blick» lieferte tagelang neue Meldungen zum Unfall. Ein Titel: «War pure Schlamperei schuld, dass radioaktive Wolke austrat?». Geschichten über verseuchte Milch im Umkreis des Werks machten die Runde. Grenzwerte waren laut dem Bund damals allerdings nicht überschritten worden.

Da ist mintgrün angemalt, die Schweizer Maschinenindustrie versammelt: Brown Boveri, Sulzer – Namen aus einer anderen Zeit.

Im Gegensatz zur kontrollierten Nüchternheit in unmittelbarer Nähe des Reaktors ist im Maschinenraum deutlich mehr Betrieb. Es knarrt, rumpelt und rauscht. Da ist mintgrün angemalt, die Schweizer Maschinenindustrie versammelt: Brown Boveri, Sulzer – Namen aus einer anderen Zeit. Und so sieht es auch aus. Die Ausstattung erinnert an Kommandozentralen von alten James-Bond-Bösewichten.

Mitarbeiter in Schutzanzügen während einer Revision des Kraftwerks im August 2018. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

In unmittelbarer Nähe sind die ersten Anzeichen des Rückbaus ersichtlich. Am Boden liegen Krümel der gelblichen Isolation herum. Ein ehemaliges Werkzeug­lager wird abgerissen, es soll Platz machen für verseuchtes Material, das im Maschinenraum aufbereitet werden wird.

Dabei wird auch der sogenannte Kernmantel abmontiert werden. Dort, ganz nah an den eigentlichen Brenn­stäben, haben sich Risse in den Schweissnähten gebildet. Die Risse sind seit 1990 bekannt, wurden seither grösser und sorgen immer wieder für Kritik an Mühleberg. Gar die Stilllegung des Kernkraftwerks wurde deswegen gefordert. Der Kernmantel ist dazu da, dass das Wasser innerhalb des Reaktordruckbehälters in die richtige Richtung fliesst. Die Radioaktivität im Zaum zu halten, das allerdings ist nicht die Aufgabe des Kernmantels.

Erst 2034 ist der Spuk vorbei

Zurück bei der Eingangsschleuse ist die Tour vorbei. Zwei Schleusen und eine Entwarnung später – die Dosis an Radioaktivität, der man ausgesetzt war, ist vernachlässigbar klein – kann der weisse Overall wieder ausgezogen werden. Die Schutzkleider haben, wie viele andere Dinge in Mühleberg, bald ausgedient. Am 20. Dezember, nach 47 Jahren, nach Abertausenden Stunden, heisst es: Betrieb einstellen.

Damit beginnt der komplizierte Rückbau. Erst 2030 soll alles radioaktive Material weggebracht sein. 2034 – 15 Jahre nach dem Start – wird das Areal ganz geräumt sein. Mühleberg wird Stück für Stück abgerissen, bis ein paar Kilometer von der Bundesstadt entfernt nichts mehr ist.

Nichts ausser einer Wiese, dem kleinen Dorf Mühleberg und der Erinnerung an das Atomzeitalter in der Schweiz.

Erstellt: 26.11.2019, 10:12 Uhr

Atomausstieg – oder doch nicht?

Das Atomzeitalter in der Schweiz – es sollte eigentlich in die Verlängerung gehen. 2008 wurden Gesuche für neue Kraftwerke in Mühleberg BE, Beznau AG und Gösgen SO eingereicht. Im Februar 2011 stimmte die Berner Bevölkerung für den Bau eines neuen KKW in Mühleberg. Und dann kam Fukushima – und läutete das Ende der Schweizer AKW ein. Der Bundesrat entschied sich noch 2011 für einen Atomausstieg: Es sollen keine neuen KKW mehr gebaut, die alten nach und nach bis 2034 abgestellt ­werden.
Das ist heute noch Status quo, Neubauten sind per Gesetz verboten. Das Bundesamt für Energie wälzt neuerdings Szenarien für einen längeren Betrieb der bestehenden AKW. Neu steht der Betrieb über 60 Jahre zur Disposition. Zudem kommt in der Diskussion um die Energiewende die Möglichkeit von neuen AKW wieder auf. Die letzte Schlacht um Atomkraftwerke in der Schweiz scheint noch nicht ausgefochten zu sein. (phf)

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