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Tariq Ramadan gründet neues InstitutDer gefallene Gelehrte bietet jetzt Kurse in Feminismus an

Der umstrittene Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan eröffnet ein Ausbildungszentrum – obwohl er in Frankreich immer noch wegen Vergewaltigung vor Gericht steht.

Tariq Ramadan, hier bei einem Gerichtstermin in Paris im Februar, ist gegen Kaution frei, darf Frankreich aber nicht verlassen, während das Verfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung andauert.
Tariq Ramadan, hier bei einem Gerichtstermin in Paris im Februar, ist gegen Kaution frei, darf Frankreich aber nicht verlassen, während das Verfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung andauert.
Foto: Thomas Samson (AFP)

Tariq Ramadan gibt sein Comeback als Intellektueller: Mitte Oktober wird das (einstige) Idol der europäischen Muslime sein neues Forschungs- und Ausbildungszentrum für Studenten aus der ganzen Welt eröffnen – «so Gott will», schreibt er auf seiner Homepage. Nach dem tiefen Fall ein kühnes Unterfangen: Noch sind mehrere Klagen wegen Vergewaltigung gegen Ramadan hängig. Zehn Monate hatte er in Paris in Untersuchungshaft gesessen. Aus medizinischen Gründen – angeblich multiple Sklerose – kam er im November 2018 gegen eine Kaution von 300’000 Euro frei. Mit der Auflage, seinen Schweizer Pass abzugeben und Frankreich nicht zu verlassen.

Folglich muss das neue Zentrum, Chifa mit Namen, in Frankreich domiziliert sein. Der gebürtige Genfer will den Ort später bekannt geben. Im jeweils dreijährigen Zyklus sind Präsenz- und Fernlehrgänge vorgesehen. Ein Dutzend Lehrer soll einen weit gespannten Fächerkanon unterrichten: Religion, Spiritualität, Humanismus, Psychologie, Ökologie, Recht, Kolonialismus, Rassismus. Über allen Inhalten stehe die «Sorge um den Menschen, um die Gleichheit aller Wesen in Würde und Recht». Verbunden mit dem Islam als Religion und Zivilisation behandle man auch andere religiöse und philosophische Traditionen.

Ethik und Feminismus

Dass auch Kurse in Ethik und Feminismus auf dem Lehrplan stehen, hat für hämische Kommentare gesorgt. «Die intellektuelle Unehrlichkeit, Heuchelei und der Zynismus von Tariq Ramadan hat absolut keine Grenzen», tadelt die Literaturprofessorin Anne-Marie Picard. Jahrelang habe er seine ausserehelichen Beziehungen abgestritten. Schliesslich entschuldigte er sich dafür – bei Gott, seiner Familie und den Muslimen. Von Vergewaltigungen will er bis heute nichts wissen. Schon im März 2019 nahm er in Saint-Denis an einer Konferenz gegen Gewalt an Frauen teil. Was die Stadtverwaltung als «inakzeptable Provokation» taxierte.

Zwar geht er nicht so weit wie sein in Genf wirkender Bruder Hani, der die Steinigung von Ehebrecherinnen befürwortet. Aber auch Tariqs Frauenbild ist konform mit der Scharia. Seine Forderung nach einem moderaten Islam, nach einem Euro-Islam, hatte ihn berühmt gemacht. Doch daran glauben selbst viele Linksintellektuelle nicht mehr, die ihn wegen seiner Kritik an Kapitalismus, Israel und Islamfeindlichkeit bewunderten. Stutzig machte, als er 2009 dank einem Abkommen mit Katar eine Professur für Islamwissenschaft an der Universität Oxford erhielt.

Die Nähe zur Muslimbruderschaft

Überhaupt kann der Enkel des Muslimbrüder-Gründers Hassan al-Banna seine Nähe zur Bruderschaft nur schlecht verbergen. So verteidigte er deren Vordenker Yusuf al-Qaradawi, der die Muslime zum Heiligen Krieg in Syrien aufgerufen hatte und Hitler als Werkzeug Gottes bezeichnete.

Immer schon sah Ramadan die Muslime in der Opferrolle. Heute stilisiert er sich selber zum Opfer des französischen Rassismus und vergleicht den «Fall Ramadan» mit dem «Fall Dreyfus» (gemeint ist die missbräuchliche Verurteilung eines französischen Offiziers 1894, weil er Jude war). Man habe ihn als Muslim vor Gericht gestellt, weil er den Islam als «französische Religion» bezeichnet habe, meint Ramadan.

Schon in den kommenden Tagen soll Ramadan vor einem Pariser Gericht erscheinen und mit zwei seiner Klägerinnen konfrontiert werden.

9 Kommentare
    Fredi Nassauer

    Bitte "Schweizer" in Anführungszeichen setzen, Danke.