Urteil

Der geheimnisvolle Kandinsky aus der Sauna

Das Bezirksgericht Meilen hat eine Frau verurteilt, die ihre Brüder um ihr Erbe – ein Aquarell des russischen Künstlers Wassily Kandinsky – gebracht haben soll. Dabei ist nicht einmal erwiesen, dass das Bild echt ist.

Nach dem Tod der Eltern war der Tresor plötzlich leer: Das Kandinsky-Gemälde soll im Rahmen eines Geschwisterstreits gestohlen worden sein.

Nach dem Tod der Eltern war der Tresor plötzlich leer: Das Kandinsky-Gemälde soll im Rahmen eines Geschwisterstreits gestohlen worden sein. Bild: Symbolbild/Keystone

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Eine verschwundene Million und ein wieder aufgetauchter Kandinsky – damit hat sich das Bezirksgericht Meilen in den vergangenen eineinhalb Jahren intensiv beschäftigt. Und obwohl in diesem Fall seit kurzem das begründete Urteil vorliegt, bleibt manches unklar – etwa die Frage, ob der strittige Gegenstand, ein Aquarell des russischen Malers Wassily Kandinsky, tatsächlich echt ist.

Um das Bild und um die Million streiten sich drei Geschwister seit einiger Zeit. Die Brüder werfen ihrer Schwester vor, sie habe sich nach dem Doppelsuizid ihrer betagten Eltern unrechtmässig bereichert. So soll die Juristin, die ihre Eltern in deren Wohnhaus in Zollikon tot aufgefunden hat, eine Million Franken aus dem Tresor sowie den besagten Kandinsky entwendet haben.

Den Geldbetrag hatte die Mutter kurz vor ihrem Tod bei der Hausbank abgehoben. Die Tochter hatte sie dabei begleitet – und das Geld für sie im elterlichen Tresor deponiert. Als dieser nach dem Tod geöffnet wurde, war er leer. Die Brüder hatten bald die Schwester im Verdacht, die aber alles abstritt. Die Polizei stellte jedoch auf ihren Konten verdächtige Bewegungen fest. Hunderttausende von Franken waren kurz vor und nach dem Tod der Eltern hin- und hergeschoben worden. Die Erklärungen der Tochter dafür waren widersprüchlich und lückenhaft. Mal sagte sie, das Geld stamme vom Erlös für ihre Firma, die sie verkauft haben wollte. Dann wiederum brachte sie einen Geschäftspartner ins Spiel, der ihr Geld geschuldet haben soll.

Abenteuerliche Ausreden

Die Staatsanwaltschaft, die eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten – zwölf davon unbedingt – forderte, sprach hingegen von einem betrügerischen Konstrukt. Mit gefälschten Urkunden und Transaktionen über mehrere Bankkonten habe sie das Geld gewaschen, das sie gestohlen habe.

Durchaus möglich, hat das Bezirksgericht nun befunden. Mangels Beweise sprach es aber die Frau vom Vorwurf des Diebstahls, des Betrugs, der Urkundenfälschung und der Geldwäscherei frei.

Nicht aus der Affäre ziehen konnte sich die Frau jedoch, als es um den entwendeten Kandinsky ging. Im Gegensatz zum Geld konnte die Polizei diesen während einer Hausdurchsuchung sicherstellen. Die Juristin war somit schwer belastet.

Dem Gericht tischte sie eine abenteuerliche Geschichte auf. Den Kandinsky habe sie zufällig in der Sauna des Elternhauses gefunden und den Brüdern fälschlicherweise vorenthalten, da sie zu diesem Zeitpunkt bereits mit ihnen zerstritten war. Allerdings hat diese Darstellung einen Makel: Nach dem Tod der Eltern hatte die Familie nämlich das Haus von einem renommierten Liquidator räumen lassen. Auch die Sauna hatte sich dieser vorgenommen. Dass dabei ein Bild, zumal ein Kandinsky, übersehen wurde, erachtet das Gericht als unwahrscheinlich.

Die Beschuldigte versuchte indessen, die Bedeutung des Bildes herunterzuspielen. Es handle sich nicht um einen echten Kandinsky, sondern um eine Fälschung, behauptete sie. Der Vater habe viele gefälschte Kunstwerke besessen und sogar solche anfertigen lassen. Brisant war diese Behauptung deshalb, weil der Streitwert des Bildes Einfluss auf die Strafe hat. Beträgt er weniger als 300 Franken, kommt ein Beschuldigter im schlimmsten Fall mit einer Busse davon, sicher aber nicht mit einer Freiheitsstrafe.

Gericht sucht Kunstexperten

Der Kandinsky, behauptete die Frau wohl auch deshalb, sei eine billige Kopie und nicht mehr wert als 25 Franken. Versichert war er jedoch mit 150 000 Franken. Was also stimmt? Das Bezirksgericht machte sich auf die Suche nach einem Experten, der das Bild untersucht – was die 18 Monate erklären mag, bis ein Urteil vorlag.

Ob der Kandinsky nun echt ist oder nicht, bleibt aber weiterhin offen. Denn die Bemühungen, einen Experten zu finden, waren erfolglos. Das einst für Kandinsky-Werke zuständige Expertenkomitee «Société Kandinsky» hatte sich 2014 aufgelöst. Die ehemaligen Mitglieder wollten kein Gutachten mehr vornehmen. Angefragte Kunst- und Auktionshäuser konnten ebenfalls keine Experten benennen.

Auch Fälschung wäre wertvoll

Selbst wenn es sich um eine Kopie handle, so kam das Gericht zum Schluss, sei diese keinesfalls wertlos. Denn auch hochwertige Fälschungen würden auf dem Kunstmarkt viel Geld einbringen – mehrere tausend Franken wohl im Fall des umstrittenen Kandinsky. Dass die Beschuldigte diesen gestohlen hat, sah das Gericht aufgrund der Indizien als erwiesen an. Es auferlegte der Frau eine bedingte Geldstrafe von 180 000 Franken.

Das ist zwar nicht der erhoffte Freispruch, wie von ihrem Verteidiger verlangt. Aber es ist bedeutend besser als die teilbedingte Freiheitsstrafe, welche die Staatsanwaltschaft beantragt hat und bis zu einem gewissen Grad auch von den Brüdern eingefordert worden ist. Allerdings ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Mindestens eine der Parteien hat es bereits ans Obergericht weitergezogen. Es werden also bald die nächsten Richter der verschwundenen Million hinterherjagen und sich über den – echten oder unechten – Kandinsky beugen.

Erstellt: 22.01.2018, 15:56 Uhr

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