Zum Hauptinhalt springen

Was junge Männer wollenDer geilste Siech hat die meisten Frauen

Was bedeutet heute Männlichkeit? Wir haben bei Berufsschülern nachgefragt.

Illustration: Melk Thalmann
Vor den Kollegen wird gern mit Frauentrophäen geprahlt – und meist nach oben optimiert.
Illustration: Melk Thalmann

Sie sollen sensibel sein, aber auch Machos. Sie sollen den ersten Schritt machen, aber ein Nein sofort akzeptieren. Sie sollen Kinder erziehen und gleichzeitig genug Geld heimbringen. Es sind harte Zeiten für junge Männer. Ihre Väter mussten nicht halb so viele Ansprüche erfüllen. Seit der #MeToo-Debatte stehen zudem nicht nur übergriffige Grüsel und Jungmachos am Pranger, sondern die Männlichkeit an sich. Vorgestrig soll sie sein, oft sogar schädlich, sprich toxisch, heisst es in der öffentlichen Debatte.

Aber finden das auch diejenigen, die dauernd schlechte Presse haben? Und vor allem: Wie sehen sie sich selbst? Kurz vor dem Corona-Lockdown haben wir einige Schüler in der Gewerblichen Berufsschule Wetzikon gefragt. Sie lernen Schreiner, Gärtner, Hausmeister, Elekromonteur, Automechaniker. Die meisten geben sich cool, Fragen nach Anmache im Ausgang oder Pornokonsum beantworten sie ungeniert. Was die 16- bis 23-Jährigen anonym berichten, überrascht jedoch. Allen medialen Forderungen zum Trotz sind sie lieber Machos als Softies. Und die #MeToo-Debatte ist bei den meisten noch gar nicht angekommen.

Je mehr Frauen, desto höher der Status

Zuerst einmal sind sich die Berufsschüler einig: Ein geiler Siech ist, wer die meisten Frauen ins Bett kriegt. Oder zumindest so tut. «Das gibt in der Gruppe Respekt», sagt einer. Je mehr Frauen, desto höher der Status. Sein Kollege gibt offen zu: «Es tut meinem Selbstvertrauen gut, wenn ich mit vielen Sex haben kann.» Die Singles fahren teilweise astronomische Zahlen auf: Vier bis fünf Frauen will einer dieses Jahr schon abgeschleppt haben, letztes Jahr etwa zwanzig. Der Rest prahlt mit ähnlichen Mengenangaben.

Ob der Sex auch gut war, interessiert in diesem Alter weniger. Hauptsache, die Kollegen wissen, dass man welchen hatte. Doch auch wenn Jungs untereinander gern mit Trophäen und Praktiken prahlen, wissen sie insgeheim, dass die meisten nach oben optimieren. Das gehört zum Wettbewerb. Es scheint gar eine Art Gentleman’s Agreement zu geben, dass man sich bei all der Angeberei gegenseitig nicht blossstellt, wie manche berichten.

Bespricht mit Jungs seit 30 Jahren Rollenbilder: Sozialpädagoge Lu Decurtins.
Bespricht mit Jungs seit 30 Jahren Rollenbilder: Sozialpädagoge Lu Decurtins.
Foto: PD

Lu Decurtins, Co-Präsident der Fachstelle Jumpps für Jungen- und Mädchenpädagogik, diskutiert mit Teenagern seit 30 Jahren über Rollenbilder. Für ihn sind solche Aussagen typisch für diese Generation. «Der sensible Frauenversteher hat in vielen Kreisen leider ein Loserimage.» Genauso irritieren auch Männer, die nicht den konventionellen Vorstellungen entsprechen.

Wenn der Sozialpädagoge Fotos von verschiedenen Männertypen auflegt, zu denen sich die Pubertierenden äussern sollen, kann er sicher sein: Den durchtrainierten Balletttänzer wird keiner wählen. Manche Jungen, oft mit Migrationshintergrund oder aus ländlichen Gegenden, wollen das Bild nicht einmal anfassen. Mann + Ballett = schwul oder zumindest unmännlich, lautet das Vorurteil, egal, wie maskulin der Tänzer ist.

Die meisten wissen zwar, dass Schwulsein nichts Abnormales ist. «Wenns aber ums Selbstbild geht, fühlen sich viele in ihrer Männlichkeit angegriffen», so Decurtins. Im Teenageralter ist das üblich. Doch die Tendenz zu Homophobie spitzt sich laut Decurtins zu: «Manche klammern sich heute besonders stark an ein traditionelles Mannsein, weil sie merken, dass sich herkömmliche Rollenbilder auflösen.»

Lieber ein Rebell als ein Gentleman

Bei jungen Frauen sieht es mit der Emanzipation nicht viel besser aus. Sie fordern zwar kühn einen neuen Traumprinzen, wollen aber den starken Mann nicht loslassen. Dieser Backlash zeichnete sich bereits in der Eidgenössischen Jugendbefragung 2017 ab. Die allermeisten Teenager wollen heiraten und Kinder kriegen. Lediglich eine verschwindend kleine Minderheit kann sich aber vorstellen, dass der Vater zu Hause bleibt und die Mutter arbeiten geht. Am populärstenmit über 40 Prozentist das Modell des voll berufstätigen Ernährers und der Kinder erziehenden, Teilzeit arbeitenden Frau. 24 Prozent der Jungen und ganze 26 Prozent der Mädchen wünschen sich sogar, dass die Mutter ganz zu Hause bleibt.

«Es tut meinem Selbstvertrauen gut, wenn ich mit vielen Frauen Sex haben kann.»

Berufsschüler, 20

Es sind also Durchschnittsjugendliche und nicht nur junge Männer mit Migrationshintergrund, die sich an ein konventionelles Weltbild klammern. Hausmann? Sicher nicht, heisst es nicht nur bei Berufsschülern, wenn Decurtins mit ihnen Rollenbilder bespricht. Ähnlich peinlich finden sie auch Fotos, auf denen ein kniender Gentleman einer Frau Rosen schenkt. Viel zu unterwürfig, lautet der Tenor. Einige sehen sich immerhin als fürsorgliche Väter, wobei hier vor allem die Rolle des Hauptversorgers auf Anklang stösst. Che Guevara als Rebell ist hingegen der Renner, viele wählen als Leitbild auch den «lonely cowboy» oder einfach einen durchtrainierten Muskelprotz.

Allerdings wird die Pubertät mit diesem Selbstbild nicht unbedingt einfacher. Was jungen Männern nicht bewusst ist: Bei Frauen in ihrer Altersklasse kommen nicht nur starke, sondern auch sensible Typen an. «Jungs könnten also viel weicher sein, als sie glauben, und hätten bei vielen Frauen trotzdem Erfolg», ist Decurtins überzeugt.

Ein Nein ist nicht zwingend ein Nein

Von #MeToo haben einige zwar gehört, aber die Thematik interessiert sie kaum. Einer der Gründe: Jugendliche wollen, so Decurtins, unter allen Umständen souverän wirken. #MeToo ist, salopp gesagt, etwas für Opfer, ein Label, mit dem sich weder Jungen noch Mädchen behaften lassen wollen. Dennoch ist ihnen zumindest in der Theorie bewusst, dass Grenzen immer wieder ausgehandelt werden müssen.

In der Präventionsveranstaltung Sexuelle Gesundheit von der Fachstelle Liebesexundsoweiter müssen sie sich etwa die Frage stellen: Ab wann überredet ein Junge die Freundin, wenn es um Analsex geht? «Der erste Impuls ist sowohl bei Buben wie auch bei Mädchen oft: Man ist selber schuld, wenn man sich überreden lässt», sagt der Sexualpädagoge Jan Hatt. Bohrt er nach, kommt jedoch Verständnis für die junge Frau auf. Vielleicht hatte sie ja Angst, dass der Freund sie verlässt, wenn sie nicht mitmacht.

Klärt junge Menschen über Bedürfnisse und Grenzen auf: Sexualpädagoge Jan Hatt.
Klärt junge Menschen über Bedürfnisse und Grenzen auf: Sexualpädagoge Jan Hatt.
Foto: PD

Dass die Realität oft komplizierter ist, lässt sich auch an den zunehmenden Anzeigen wegen sexueller Belästigung im Ausgang ablesen. Gerade im betrunkenen Zustand verwechseln junge Männer Freundlichkeit schnell mit sexuellem Interesse, abwehrende Reaktionen nehmen sie nicht als solche wahr. Ein 23-Jähriger gibt zu: «Mit Alkohol oder Partydrogen fällt mir das Anbaggern leichter, aber man schätzt dann auch nicht immer richtig ein, ob die Frau wirklich mit einem ins Bett will.» Er selbst denkt, dass sich Frauen im Ausgang manchmal bedrängt fühlen.

«Wir stufen Frauen, die leicht zu haben sind, nicht als echte Eroberungen ein.»

Berufsschüler, 19

Doch längst nicht alle sind so enthemmt. Decurtins wird von Jugendlichen oft gefragt, ob sie ein Mädchen explizit um Erlaubnis bitten müssen, wenn sie es küssen wollen. «Sie trauen sich schlicht nicht zu, dies an den Reaktionen einschätzen zu können.» Das mag übertrieben klingen, doch in der Welt von Teenagern sind die Dinge selten so eindeutig wie bei Erwachsenen. Ein Nein etwa bedeute leider nicht zwingend ein Nein, führt Decurtins aus. Wenn junge Frauen nämlich zu schnell zugeben, dass sie Sex wollen, laufen sie Gefahr, als Schlampen abgestempelt zu werden.

Oder wie es ein 19-jähriger Berufsschüler ausdrückt: «Wenn wir untereinander angeben, dann stufen wir Frauen, die leicht zu haben sind, nicht als echte Eroberungen ein.» Schon deshalb würden sich manche Mädchen erst zieren, so Decurtins. Der junge Mann soll ausserdem zeigen, dass er sich um sie bemüht. «Eine leichte Übergriffigkeit ist also durchaus Teil des Eroberungsspiels und bringt je nachdem mehr Erfolg, als wenn einer das Nein von Anfang an akzeptiert.»

Porno macht Stress

Im Zeitalter von Handypornos scheinen junge Männer jedoch immer gröber zu werden. US-Umfragen haben ergeben, dass Teenager dazu neigen, Sex als eine rein körperliche Erfahrung und Frauen dabei als willige Objekte zu betrachten. Eine aktuelle schwedische Studie kommt zum Schluss, dass männliche Jugendliche mehr Übergriffe begehen, wenn sie regelmässig Pornos konsumieren.

Den Berufsschülern sind diese Gefahren nicht bewusst. Nicht weil sie ihnen egal sind, sondern weil mit ihnen solche Fakten schlicht niemand diskutiert. «Die meisten Eltern reden nicht mit ihren Kindern darüber, wie echte Sexualität geht», moniert der Sexualpädagoge Jan Hatt. «Oft heisst es bloss: Pornos bilden nicht die Realität ab. Aber das hilft dem Sohn nicht weiter, weil er ausser Sexvideos und der romantischen Hollywoodliebe, wo die Kamera nach dem Kuss wegschwenkt, gar nichts anderes kennt.»

«Der erste richtige Sex war ernüchternd, weil meine Erwartungen dank Pornos ziemlich hoch waren.»

Berufsschüler, 18

Ein 18-Jähriger meint denn auch: «Der erste richtige Sex war ziemlich ernüchternd, weil meine Erwartungen dank Pornos doch ziemlich hoch waren.» Er sei vor allem von seiner eigenen «Leistung» enttäuscht gewesen. Andere sind wiederum verunsichert, wenn Frauen beim Sex nicht schreien, sondern lediglich schwer atmen. Dass der Performance-Druck steigt, lässt sich auch an zunehmenden Funktionsstörungen ablesen: Gemäss einer Studie unter 24- bis 26-Jährigen an den Unispitälern Zürich und Lausanne haben fast 18 Prozent Probleme mit der Erektion oder mit vorzeitiger Ejakulation.

Allein mit dem Pornokonsum lässt sich das jedoch nicht erklären. «Heute wollen Jungs ihre Freundin befriedigen. Junge Frauen wiederum haben höhere Ansprüche an Sexualität, weil sie ihre Bedürfnisse besser kennen», sagt Jan Hatt. Wenn also der junge Mann schon nach 10 Minuten ejakuliert, glaubt er, dass die Freundin noch nicht zufrieden ist und er ein Problem hat.

In Hatts Unterricht stösst deshalb ein Thema auf besonders grosses Interesse: die Lust der Frau. Fragt man bei den Berufsschülern nach, wie sie merken, ob es auch der Partnerin gefallen hat, sagen die meisten pauschal: wenn sie am Schluss entspannt ist. Oder: Ich frage sie halt. «Das ist schon viel», findet Hatt. «Es gibt genug Ehepaare, die das nie tun.»