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Otto KernbergDer Jude, der Hitlers Einmarsch bejubelte

Der 92-jährige Narzissmusforscher Otto Kernberg, als Bub in Wien knapp den Nationalsozialisten entkommen, hält Präsident Donald Trump für gefährlich. Aus der Distanz krankschreiben mag er ihn trotzdem nicht.

Otto Kernberg, Narzissmusforscher und Psychoanalytiker, lebt in New York.
Otto Kernberg, Narzissmusforscher und Psychoanalytiker, lebt in New York.
Foto: Doris Fanconi

Als man Otto Kernberg zum Gespräch traf, das war vor neun Jahren in Zürich, kämpfte Barack Obama um seine Wiederwahlerfolgreich, wie sich zur Überraschung seiner Gegner zeigen sollte. Jetzt sucht sein Nachfolger Donald Trump die Bestätigung. Was sagte der österreichische Psychiater über den amerikanischen Präsidenten?

Obama hatte Kernberg intellektuell sehr gefallen, aber er fand ihn zu zögerlich: «Er kämpft nicht.» Bei seiner Analyse von Donald Trump hält er sich zurück, auch im aktuellen Gespräch mit dem «Spiegel». Der Psychoanalytiker hat schon früher klargestellt, dass er den Politiker für gefährlich hält. Trump deswegen für psychisch krank zu erklären, wie das viele von Kernbergs Kolleginnen und Kollegen getan haben, kommt für ihn aber nicht infrage. Als Therapeut vertritt er die selbst auferlegte sogenannte Goldwater-Regel, wonach Psychiater keine Menschen diagnostizieren sollen, die sie nicht persönlich kennen.

«Solche Menschen sind nur am eigenen Überleben, an der Macht und der Verteidigung ihrer Positionen interessiert.»

Otto Kernberg

Erinnert man sich an das, was Kernberg über narzisstische Persönlichkeiten sagte man spricht auch von Borderline-Fällen, kommt es einem trotzdem beklemmend bekannt vor. Narzisstische Persönlichkeiten, sagte er damals, würden übertriebene Risiken eingehen und hätten eine Tendenz zur Korruption. «Solche Menschen sind nur am eigenen Überleben, an der Macht und der Verteidigung ihrer Positionen interessiert.» Dieses Interesse führe zu einem extremen Opportunismus ohne jede moralische Bedenken.

Mehr noch: «Schwer gestörte narzisstische Persönlichkeiten sind unfähig, anderen zuzuhören. Kritik erleben sie als Angriff statt als Chance für eine objektivere Perspektive. Fehler schieben sie immer anderen zu. Im Extremfall können sich narzisstische mit paranoiden Zügen verbinden. Diese Kombination ist hochgefährlich in leitenden Funktionen. Man trifft sie in der Politik häufiger an als in Unternehmen.» Als der Analytiker diese Ansichten formulierte, arbeitete der Präsident noch als Unternehmer.

Eine eigene Methode für Narzissten

Otto Kernberg, der gebürtige Wiener, spricht auch Jahrzehnte nach seiner Emigration ein hochpräzises Deutsch, weil er diese Sprache liebt und sie sich nicht von den Nationalsozialisten wegnehmen lassen wollte. Dass seine Familie erst 1939 aus Österreich nach Chile flüchtete, hat mit einer fatalen Fehleinschätzung des Vaters zu tun, die vielen konservativen Juden seiner Generation unterlief. Kernbergs Vater war Monarchist gewesen, im Ersten Weltkrieg dekoriert. Deshalb glaubte er sich vor den Nazis sicher.

Das ging zunächst auch seinem Sohn so, der als 9-Jähriger erlebte, wie Adolf Hitler nach der Annektion Österreichs auf dem Wiener Heldenplatz bejubelt wurde. Otto, der jüdische Bub, jubelte mit; er hatte keine Ahnung, wozu diese Freude führen würde. Als er 1953, damals noch Medizinstudent, seine Heimatstadt besuchte, schockierte ihn, wie wenig sich seine Landsleute mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hatten.

Solche Erfahrungen ändern nichts an seiner eigenen Toleranz. Diese Offenheit bestimmt auch die Beziehung zu seinen Patienten, die der 92-Jährige bis heute in seiner Praxis in Manhattan empfängt. Otto Kernberg hat den Narzissmus nicht nur theoretisch eingefasst, sondern eine eigene Behandlungsmethode dazu entwickelt und angewandt. Man wüsste ihm einen geeigneten Patienten.

13 Kommentare
    Marcel Fiechter

    "Kernbergs Vater war Monarchist gewesen, im Ersten Weltkrieg dekoriert. Deshalb glaubte er sich vor den Nazis sicher." Wie konnte sein Vater als gebildeter Mann den Nazis zujubeln resp. seinen Sohn mit 9 Jahren den Nazis zujubeln lassen?