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Palantir plant BörsengangDer mysteriöse Datenspezialist will Kasse machen

Das Unternehmen hilft US-Geheimdiensten und unterstützt die Jagd nach illegalen Migranten. Trotz schlechter Reputation will Chef Alex Karp die Aktien der Firma für Milliarden verkaufen.

Palantir-Chef Alex Karp, aufgenommen bei einer Technologie-Konferenz in Paris.
Palantir-Chef Alex Karp, aufgenommen bei einer Technologie-Konferenz in Paris.
Foto: Thibault Camus (Keystone) 

16 Jahre im Geschäft, Regierungsaufträge in Milliardenhöhe, Partner der US-Geheimdienste und trotzdem Verluste ohne Ende: Das US-Unternehmen Palantir ist kein IT-Unternehmen wie die anderen. Das soll sich mit dem Gang an die Börse ändern, von dem sich das Unternehmen eine Bewertung von mindestens 20 Milliarden Dollar erhofft. Doch mit Attacken auf die «unpatriotische» Konkurrenz macht Firmenchef Alex Karp die Sache nicht einfacher.

Der Börsengang ist schon seit Jahren ein Thema, wurde aber immer wieder verschoben. Letztes Jahr sagte Firmengründer Peter Thiel, die Publikumsöffnung könnte noch drei Jahre auf sich warten lassen. Im Jahr 2019 ist zwar der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Viertel auf 732 Millionen Dollar gestiegen. Unter dem Strich erwirtschaftete Palantir einen Verlust von 580 Millionen Dollar.

Neben tiefroten Zahlen gilt Unternehmenschef Alex Karp als Risikofaktor. Der 52-Jährige ist für seine Direktheit und sein schlingerndes Management bekannt. Karp steht zu seinen Schwächen. Er sei ein miserabler Verkäufer von Palantir, gab er in einem Interview zu. Weil er ausländische Investoren vergrault habe, sei das Unternehmen mehrmals fast bankrott gegangen.

Karp ist wie Palantir etwas mysteriös und widersprüchlich. Er bezeichnet sich zwar als Sozialisten und steht dennoch widerspruchslos in den Diensten des libertären Trump-Anhängers Thiel. Er ist Schüler des linken Philosophen Jürgen Habermas, während Thiel der kapitalistisch-individualistischen Lehre von Ayn Rand anhängt. Karp arbeitet meist in einer komfortablen Scheune in New Hampshire, sitzt aber auch im Verwaltungsrat von BASF und Axel Springer. Mit Thiel teilt er die Liebe für Science-Fiction und Fantasie-Bücher: Palantir ist nach einer Kristallkugel in «The Lord of the Rings» benannt; sie erlaubt den Blick ins Weltinnere.

Hohe Abhängigkeit von Trumps Regierung

Am meisten fiel Karp auf, als er der Konkurrenz im Silicon Valley vorwarf, sich unpatriotisch zu verhalten und lieber mit China als mit der Regierung Trump zu kooperieren. «Unser Unternehmen wurde im Silicon Valley gegründet. Aber mit den Wertvorstellungen und Zielen der Technologiebranche können wir immer weniger anfangen», schrieb Karp in einem offenen Brief. «Unsere Software wird zum Aufspüren von Terroristen und für die Sicherheit von Soldaten gebraucht. Wir haben uns für diese Seite entschieden; und wir wissen, dass unsere Partner unsere Haltung teilenObwohl Karp 2016 nicht für Trump stimmte und es auch dieses Jahr nicht tun will, könnte sein Bekenntnis zur Aussen-, Sicherheits- und Einwanderungspolitik von Präsident Trump nicht klarer sein.

Palantir lebt eben von den milliardenschweren Aufträgen der Geheimdienste in den USA, des Pentagons und der Einwanderungsbehörde. Das Unternehmen hat nur 125 Kunden. «Unsere Software wird von den USA und den Alliierten gebraucht. Andere Unternehmen dagegen arbeiten mit den USA und den Feinden zusammen. Wir tun das nicht», schreibt Karp. Gemeint sind Firmen wie Apple, Google, Facebook und Microsoft, die mit China zusammenarbeiten oder kooperieren wollen. Ihnen warf Karp auch schon eine «verräterische» Denkweise vor, als sie Regierungsaufträge infrage stellten.

Bronzestatue «Fearless Girl» vor der New Yorker Börse. Trotz hoher Verluste will das Software-Unternehmen Palantir hier seine Aktien verkaufen.
Bronzestatue «Fearless Girl» vor der New Yorker Börse. Trotz hoher Verluste will das Software-Unternehmen Palantir hier seine Aktien verkaufen.
Foto: Bebeto Matthews (Keystone)

Diese betont patriotische Gesinnung ist nach Ansicht von Analysten mit Blick auf den Börsengang der Versuch, sich von der Konkurrenz abzuheben und sich vielleicht erfolgreicher darzustellen, als es der Realität entspricht. Dabei gilt die Software von Palantir als nichts Besonderes. Trotz der Behauptung, «Datenwüsten zu Gold zu machen», macht Palantir im Wesentlichen das Gleiche wie andere Analysefirmen.

Prominente Kunden steigen aus

In der Privatwirtschaft sind inzwischen mehrere prominente Firmen wegen der hohen Kosten und der durchzogenen Resultate aus Palantir ausgestiegen, darunter Coca-Cola, American Express und Nasdaq. Auch die New Yorker Polizei hat auf die Dienste von Palantir verzichtet.

Dafür sollen mehr Kunden im Ausland gewonnen werden. So haben ein Dutzend europäische Regierungen das Unternehmen für die Bewältigung der Corona-Krise angeheuert. Auch die französischen und dänischen Geheimdienste sowie Europol benutzen Software von Palantir. In der Schweiz hatte die Credit Suisse ein Gemeinschaftsunternehmen mit Palantir, das ist aber mittlerweile aufgelöst worden.

Nach den Terroranschlägen vom September 2001 trat die CIA als Geldgeber für Palantir auf, und seither sind die Geheimdienste und das US-Militär feste Kunden. Trump setzt Palantir für seine Abschreckungspolitik an der Grenze ein, inklusive der Trennung der Kinder von den Familien. Zentral für das Geschäftsmodell ist ferner das Aufspüren von Terroristen im Ausland, angeblich soll Osama Bin Laden mit der Hilfe von Palantir gefunden worden sein.

Für den Börsengang wählt Karp eine direkte Kotierung, wie das Google mit grossem Erfolg getan hat. Palantir verkauft also Aktien direkt an die Anleger und nicht über Banken. Das spart Kosten und rückt das Unternehmen in ein grelles Licht. Palantir will sich den derzeitigen Hunger von Investoren für Techtitel zunutze machen. Allerdings: Palantir ist eben anders als Apple, Facebook & Co.

1 Kommentar
    Martin SCHROFFENEGGER

    Eine ziemlich simple Überlegung: dass Patriotismus als Verkaufsargument herhalten muss, zeigt deutlich, dass fachlich offenbar wenig zu holen ist. Da aber die Trumpsche Administration als Primärkunde fachlich ebenfalls wenig zu bieten hat, kann die Sache ja trotzdem rentieren. Ein Schelm, wer da böses wittert...