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Kolumne TribüneDia-Abend 2.0

«Landbote»-Kolumnist Beni Thurnheer berichtet aus der Zeit, als man Fotos erst nach ein paar Tagen anschauen konnte. Und beim Bilder-Vortrag der Nachbarn beinahe einschlief.

Fast so alt wie die Dinosaurier: Auf Dias festgehaltene Bilder konnten mit einem Projektor vergrössert und auf einer Leinwand gezeigt werden.
Fast so alt wie die Dinosaurier: Auf Dias festgehaltene Bilder konnten mit einem Projektor vergrössert und auf einer Leinwand gezeigt werden.
Foto: Archiv

Neulich sollte ich für eine Fernsehsendung möglichst viele Fotos von mir liefern, die mich als Kind, als Gymnasiasten, als Studenten, als jungen Erwachsenen zeigen. Und wissen Sie was? Es gibt fast keine solchen Bilder! Und die paar wenigen, die existieren, sind ja alle so etwas von gestellt und künstlich.

Vor weniger als zwei Generationen war Fotografieren noch eine ziemlich komplizierte Sache. Man musste einen Film sorgfältig in die Kamera einlegen und ihn nach jeder Aufnahme ein Stück vorwärtstransportieren. Nach jedem Klick stellte sich die bange Frage, ob wohl «etwas daraus geworden sei»?

«Lachen Sie nicht zu laut über den Dia-Abend-Nachbarn.»

Beni Thurnheer, Sportreporter aus Seuzach

Man musste sparsam mit dem Material umgehen. Jedes Sujet wurde ein einziges Mal abgelichtet, nachdem man vorher den besten Ort und Winkel dafür eruiert hatte, also zum Beispiel zunächst dreimal um den Arc de Triomphe herumgegangen war.

Nach der Rückkehr aus den Ferien wurde der Film, oft mitsamt dem Apparat, in ein Fotogeschäft gebracht, wo er dann entwickelt wurde und einige Tage später abgeholt werden konnte. Die Spannung war jeweils gross. Der Gang ins Fotogeschäft wurde zum Highlight der Woche.

Die Fortsetzung kennen wir. Die Kameras wurden digital, dann wurden die Fotos gar mit dem Handy geschossen, und deren Qualität wurde, zum Entsetzen der Kamerahersteller, immer besser. Jeder drückt heute überall vier- bis fünfmal ab, die beste Aufnahme wird aufbewahrt, der Rest gelöscht. Tausende von Bildern werden archiviert (und kaum einmal mehr angesehen). Und dann kann man sich nachträglich erst noch schöner machen, heller, faltenfreier, freundlicher.

Wofür tun wir dies alles? Ziel ist es irgendwie, mit einem «Best-of-Archiv» im Internet Eindruck zu schinden und eine Art persönliches Fotomuseum einzurichten, das hoffentlich möglichst viele Leute anschauen und «liken» werden. So toll sah und sehe ich aus! An so grossartigen Orten bin ich gewesen! So leckere Sachen habe ich gegessen!

Was haben wir uns früher über unsere Nachbarn lustig gemacht, die uns zu einem Dia-Abend einluden und uns gefühlte zwei Stunden lang mit ihren Ferienfotos behelligten, die für alle, die nicht dabei gewesen waren, ziemlich langweilig wirkten. Das Bedürfnis, sich im Bild zu präsentieren, war also offenbar schon immer da, damals hatte man nur noch nicht die technischen Möglichkeiten, um es voll auszuleben.

Lachen Sie nicht zu laut über den Dia-Abend-Nachbarn. Falls Sie eine reich bebilderte Website betreiben oder bei jedem Gespräch ihr Smartphone zücken, um ihre Aussagen zu illustrieren, dann spotten Sie nämlich über sich selber.

Beni Thurnheer ist Sportreporter und wohnt in Seuzach.