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Folgen der Corona-KriseDie Angst vor der Inflation ist zurück

Bisher haben die Geldschübe der Notenbanken die Teuerung nicht befeuert. Mit der Corona-Krise und dem demografischen Wandel droht sich das künftig zu ändern. Das hätte dramatische Folgen.

Veränderte Einkaufsgewohnheiten führen in der Corona-Krise zu einem Unterschätzen der Teuerung. An der Kasse einer Denner-Filiale in Rüschlikon.
Veränderte Einkaufsgewohnheiten führen in der Corona-Krise zu einem Unterschätzen der Teuerung. An der Kasse einer Denner-Filiale in Rüschlikon.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Steigt die Inflation oder ist sie bereits angestiegen? Inflation oder Teuerung bedeutet ein anhaltend steigendes Preisniveau, wodurch der Wert und die Kaufkraft des Geldes und der Löhne sinkt. Gemäss offiziellen Messungen und Prognosen gibt es noch nichts zu befürchten. Doch die Methoden zur Erfassung des Preisniveaus und zur Voraussage der Zukunft haben angesichts der Corona-Krise an Verlässlichkeit eingebüsst.

Die Covid-Krise unterschätzt die Inflation

Wie hoch die Teuerung ist, wird aus den Preisänderungen von Gütern in einem sogenannten «Warenkorb» errechnet. Dieser umfasst Produkte und Dienstleistungen, welche die Leute gemäss statistischen Erhebungen in der jüngsten Vergangenheit hauptsächlich gekauft haben. Gewöhnlich ändern sich Konsumgewohnheiten der ganzen Bevölkerung nicht innert Monaten. In der Corona-Krise ist das hingegen der Fall. Der gesamte Lebensalltag wird durch die Pandemie gezwungenermassen verändert, und vieles kann gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt erworben werden. Die offiziell gemessene Inflation berücksichtigt diese Änderungen im Konsumverhalten nicht.

Wie der Ökonom Pascal Seiler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) für die Schweiz errechnet hat, ist deshalb die Teuerung der effektiv erworbenen Güter höher als die offiziell ausgewiesene. Als wichtigsten Grund dafür nennt er den im Vergleich zu anderen Gütern stärker gestiegenen Verbrauch von Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken. Deren Preise sind im Lockdown stärker gestiegen. Der Effekt ist allerdings gering und selbst nach seinen Berechnungen stieg das gesamte Preisniveau bisher nicht an, im Gegenteil: Im August – dem letzten Wert seiner Berechnung – sank es offiziell um 0,9 Prozent, nach seiner Korrekturrechnung aber nur um 0,6 Prozent. Im April unterschätzte die offizielle Teuerung gemäss Seiler die tatsächliche sogar um 0,7 Prozent.

Der Effekt des gehorteten Geldes

Die bisher tiefe Teuerung widerspricht auf den ersten Blick ökonomischer Logik: Notenbanken schöpfen seit der Finanzkrise wie selten zuvor neues Geld, und das in einem Ausmass, welches das Wachstum der Produktion massiv übertrifft. Wenn immer mehr Geld einer beschränkten Gütermenge hinterherjagt, müsste die Inflation deutlich ansteigen. Warum ist das bisher nicht geschehen? Weil das Geld der Notenbanken bisher kaum in der Wirtschaft angekommen ist, sondern gehortet wird, zum grössten Teil auf den Konten der Banken bei den Notenbanken. Während das in der Schweiz von der Nationalbank geschaffene Geld seit der Finanzkrise um rund 1500 Prozent gewachsen ist, hat das in der Wirtschaft zirkulierende Geld um weniger als 140 Prozent zugenommen. Das lässt sich an der sogenannten Geldmenge M2 ablesen, die das zirkulierende Bargeld, die Sichtguthaben und die Sparguthaben von Firmen und Privatpersonen bei den Banken misst.

Was jetzt anders ist

Das Geld ist nach der Finanzkrise kaum in der Wirtschaft angekommen, weil die Banken angeschlagen waren und die Wirtschaft in der Krise steckte. Auf die Finanzkrise folgte die Eurokrise, und in der Schweiz kamen die Sorgen wegen eines zu teuren Frankens hinzu. Das bremste sowohl das Angebot als auch die Nachfrage nach Krediten. Auch in der Corona-Krise halten sich Unternehmen und Private mit Investitionen und Ausgaben zurück. Weil die Einkommen wegen der Stützungsmassnahmen und der Kurzarbeitsentschädigung nicht eingebrochen sind, ist das Volumen an Erspartem deutlich gestiegen. Endet die Krise, ist deshalb mit einem kräftigen Nachfrageschub zu rechnen, der sich auch auf Investitionen und Bankkredite auswirkt. Weil dennoch eine geschädigte Wirtschaft zurückbleiben dürfte, droht tatsächlich sehr viel mehr Geld im Wirtschaftskreislauf eine eingeschränkte Gütermenge zu jagen und die Inflation anzuheizen.

Die kurze und die mittlere Frist

Die bisherigen Prognosen gehen für die nächste Zeit nicht von einer steigenden Inflation aus. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erwartet 2021 eine Teuerung von bloss 0,1 Prozent und die Nationalbank bis Mitte 2023 nicht mehr als 0,5 Prozent. Den Prognosen liegt die Erwartung zugrunde, dass die Krise trotz eines wieder steigenden Wirtschaftswachstums noch einige Zeit ihre Schatten wirft und auch die Nachfrage nach Gütern und Diensten ausbremst und damit den Anstieg des Geldumlaufs in der Wirtschaft. Das ist möglich, aber die bisherige Erfahrung mit Prognosen in der aktuellen Krise sind nicht die besten. Die wirtschaftliche Standfestigkeit und die Erholungsphasen waren bisher deutlich ausgeprägter, als das erwartet wurde. Das könnte auch in Zukunft so sein.

Wie die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan in ihrem Buch «The Great Demographic Reversal» schreiben, kommen als potenzielle mittelfristige Inflationstreiber der demografische Wandel und eine Neuorientierung der Weltwirtschaft hinzu: Die Alterung der Gesellschaft würde einerseits zu einer geringeren Sparneigung und damit höheren Ausgaben führen, während der Effekt günstiger Importe vor allem aus China ausbleiben würde. Chinas Einfluss war ein wesentlicher Grund, weshalb die Preise und Löhne im Westen über Jahrzehnte gedrückt blieben.

Das Dilemma der Politik

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben sich alle an eine tiefe oder sogar negative Inflation gewöhnt. Aus diesem Grund sind auch die Zinsen deutlich gesunken, und die private und öffentliche Verschuldung ist massiv gestiegen, ohne viel Schaden anzurichten. Eine wieder deutlich steigende Inflation käme daher einem massiven Schock gleich. Würden die Notenbanken ihrem Auftrag gemäss die Zinsen anheben, drohten die Börsen und Immobilienmärkte einzubrechen, und Schulden würden zu einer gefährlichen Last. Viele Ökonomen sorgen sich, ob die Notenbanken ihrem Auftrag angesichts der drohenden Folgen nachkommen würden. Solange sie wie jetzt die Staatsausgabenprogramme durch tiefe und sinkende Zinsen ermöglichen, herrscht noch eine gewisse Minne zwischen der Politik und den Notenbankern. Damit wäre es aber bei einem Anstieg der Zinsen vorbei. Dann kommt der Moment, in dem die Rechnung für die Politik der letzten Jahre präsentiert wird. In Form höherer Zinsen oder in Form einer höheren Inflation.

47 Kommentare
    Benedikt Jorns

    Die Nationalbank erhöht mit ihren im weltweiten Vergleich unglaublich hohen Auslandinvestitionen durch neu geschaffenes Geld nur ebenso hohe Aktienkäufe in der Schweiz durch andere Länder. Dabei wird oftmals gezielt in der Schweiz entstandenes Knowhow durch ausländische Firmen "gekauft". Die in der Schweiz umlaufende Geldmenge wird einzig durch die im Vergleich kleinen Gewinnausschüttungen der Nationalbank an die Kantone ganz leicht erhöht.

    Es wird in der Schweiz viel zu wenig beachtet, dass es die Staatsverschuldungen sind, welche die umlaufende Geldmenge erhöhen. Unsere wichtigsten Handelspartner sind die EU und die USA. Schon seit vielen Jahrzehnten verschulden die sich in starkem Ausmass und entsprechend sank unser Wechselkurs des Euros und noch stärker des US-Dollars.

    Seit der "Corona"-Pandemie hat sich neuerdings auch unser Staat stark verschuldet. Der Eurokurs ist nun sogar wieder ganz leicht gestiegen. Doch die sogenannte "Wertparität" haben wir noch lange nicht erreicht.

    Und schon spricht unser Finanzminister von der in den kommenden Jahren nach seiner Sicht notwendigen Entschuldung. Er hat als gelernter Buchhalter noch nicht begriffen, dass unser Staat sich in vergleichbarem Mass verschulden darf wie unsere wichtigsten Handelspartner. Mehrere US-Ökonomen haben es uns ganz klar gesagt, dass die Schweiz sich unbedingt in gleichem Ausmass verschulden sollte wie unsere wichtigsten Handelspartner EU und USA.

    Es wäre schön, wenn Bundesrat Ueli Maurer dies lesen würde.