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Zweifel an russischer Impfstoffstudie«Die Daten wirken, als wären sie mit Photoshop bearbeitet worden»

Namhafte Experten weisen in einem Brief an den «Lancet» auf Auffälligkeiten in einer Studie zum Impfstoff «Sputnik V» hin.

Einer der ersten zugelassene Corona-Impfstoffe: «Sputnik V» vom Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau.
Einer der ersten zugelassene Corona-Impfstoffe: «Sputnik V» vom Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau.
Foto: Keystone 

Sind die Studiendaten zum russischen Impfstoff «Sputnik V» manipuliert worden? Namhafte Wissenschaftler haben Bedenken bezüglich der Echtheit mancher Darstellungen in der im «Lancet» veröffentlichten Studie geäussert. Mit einem offenen Brief an die renommierte Fachzeitschrift wollen sie nun die Herausgabe der Rohdaten bezwecken.

Konkret geht es um Auffälligkeiten in den von den russischen Forschern angegebenen Antikörper- und T-Zellen-Werten im Blut der Probanden. Diese waren für die Studie in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt und mit verschiedenen Zusammensetzungen des Impfstoffs behandelt worden. Nun wiesen die Gruppen über verschiedene Zeitpunkte jedoch identische Werte auf, obwohl unterschiedliche Formen des Impfstoffs verwendet wurden.

Andrea Cossarizza, Professor für Pathologie und Immunologie an der Universität von Modena, hegt daher Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Resultate: «Die Daten wirken, als wären sie mit Photoshop bearbeitet worden (...) sie sind zu ähnlich und aus statistischer Sicht zu unwahrscheinlich.» Zwar könnte es sich durchaus um einen Fehler handeln, stellte Cossarizza gegenüber der «Moscow Times» klar. In zahlreichen veröffentlichten Studien mit ähnlich groben Fehlern sei jedoch Manipulation im Spiel gewesen.

Auch der italienische Molekularbiologe Enrico Bucci glaubt nicht an einen Zufall. «Es ist etwa, wie wenn du einen Würfel wirfst und mehrere Male die gleiche Zahl erhältst – das ist höchst unwahrscheinlich», meinte der Experte gegenüber der «Moscow Times». Von Manipulation möchte Bucci jedoch nicht sprechen: «Es könnte ein Fehler vorliegen, es könnte eine Erklärung dafür geben, es könnte Betrug sein. Wir wissen es nicht.»

Studienautor: Es gibt keine Fehler in den Daten

Deshalb hat Mikrobiologe Bucci einen offenen Brief, eine «Note of Concern», an die Adresse des «Lancet» geschickt. Darin erklärt er seine Bedenken und ermahnt seine Kollegen dazu, Studiendaten kritischer zu hinterfragen. Dazu sei es von «grösster Bedeutung, dass sie uneingeschränkt für eine genaue Prüfung zur Verfügung stehen», schreibt Bucci. Bislang haben neben Andrea Cossarizza 37 weitere Wissenschaftler aus aller Welt den Brief unterschrieben.

Die Herstellerin des russischen Impfstoffs, das staatseigene Gamaleja-Institut, hat bisher darauf verzichtet, ihre Rohdaten zu publizieren. Ob der «Lancet» Einsicht hatte, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass Studien, bevor sie in der Fachzeitschrift erscheinen, einer umfangreichen Überprüfung durch unabhängige Wissenschaftler standhalten müssen. Auf Anfrage des «Spiegels» bestätigt die Zeitschrift, dass die Studie von internationalen Experten für Covid-19 begutachtet worden sei. «Lancet» habe die Autoren der Studie allerdings um eine Stellungnahme gebeten, die offene Fragen klären soll.

Das Gamaleja-Institut zeigte sich gemäss Medienberichten bereit, allfällige Unklarheiten mit der Fachzeitschrift zu klären. Der Leitautor der Impfstoffstudie, Denis Logunov, stellte sich gegenüber der Internetzeitung «Meduza» auf den Standpunkt, dass es in den Daten keine Fehler gebe.

Letzte Testphase gestartet

Russland hat am 11. August als eines der ersten Länder einem Corona-Impfstoff die Zulassung erteilt. Während westliche Staaten allmählich mit der letzten Phase der klinischen Tests starteten, liess Präsident Wladimir Putin bereits einzelne Bevölkerungsschichten impfen. Gleichzeitig hat das Gamaleja-Institut vor einer Woche ebenfalls mit der letzten Testphase begonnen. Landesweit sollen 40’000 Menschen an den Tests teilnehmen.

Die Resultate der ersten zwei Phasen hat das Institut Anfang September im «Lancet» veröffentlicht. Demnach verursacht der Impfstoff keine schweren Nebenwirkungen und führt zu einer starken Immunantwort. Es seien jedoch weitere Untersuchungen nötig, um die Wirksamkeit des Vakzins zu überprüfen, heisst es in der Studie. Der Impfstoff soll bis Anfang Dezember der gesamten russischen Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Bei «Sputnik V» handelt es sich um einen sogenannten vektorbasierten Impfstoff. Bei diesen Vakzinen werden genetische Informationen des Coronavirus in eine Art trojanisches Pferd verpackt und dem Körper so präsentiert, dass das Immunsystem den Erreger im Fall einer echten Infektion erkennen und wirksam bekämpfen kann. Es sind weitere Impfstoffe dieser Art in der Entwicklung, darunter etwa das vielversprechende Vakzin der University of Oxford, das sich seit Ende Juli in der letzten klinischen Phase befindet.

sho