Zum Hauptinhalt springen

Kolumne LandluftDie Ent-«grüezi»-sierung auf dem Land

Ein besorgniserregender Trend macht sich breit. Doch es gibt einen Lichtblick.

Logo für die «Landbote»-Kolumnen, «Landbote»-Kolumne, LB-Kolumne, Landluft.
Logo für die «Landbote»-Kolumnen, «Landbote»-Kolumne, LB-Kolumne, Landluft.
«Landbote»

«Hier sagt man sich eben noch Grüezi, in Turbenthal ist das bereits nicht mehr der Fall», erklärte ein Neuzuzüger kürzlich an einer Gemeindeversammlung in Wila.

Wir alle wissen, es geht schnell: Heute fehlt das Grüezi, morgen erwacht man in Oerlikon. Es ist der Grüezi-Graben, der Stadt und Land trennt.

Als kleiner Bub grüsste ich deshalb wie wild, um Turbenthal vor der Urbanisierung zu bewahren. Selbst die Gehörlosen und Betagten auf dem Schulweg: Grüezi, Grüezi, Grüezi. Ich will nicht angeben, aber ziemlich sicher sind deshalb ganze Überbauungsprojekte gescheitert.

Auch Winterthur wollte ich retten und grüsste Fremde auf der Strasse. Mein Vater schritt ein: «Das macht man in der Stadt nicht.» Winterthur war bereits verloren. Einmal hegte ich kurz etwas Hoffnung, als ein Deutscher in der S26 herumzugrüssen schien. Doch es war falscher Alarm: Er machte sich nur über den Namen des Stadtteils Grüze lustig. Dieser bezeichnet übrigens eine «sandige, trockene Stelle in einem Acker, wo die Gewächse bei heissem Wetter mager werden oder absterben». So erging es auch dem verdorrten Grüezi.

Aber dann, o Schreck, machte mich ein Freund auf ein besorgniserregendes Phänomen aufmerksam: Rund um den Turbenthaler Bahnhof grüssten sich Fremde nicht, als wären sie Gesslers Hut. Erst etwa 150 Meter davon entfernt schmetterten mir die Leute wieder ihr Grüezi entgegen. Der Bahnhof war für die meisten Leute bereits die urbane Vorhölle. Auch in der Aussprache gab es Zerfallserscheinungen: Manchmal hörte ich nur noch ein «zi». Gut, vielleicht waren es Rumänen, die mir «Tag» sagten.

Hoffnung spendet mir nur ein Gedanke: Im Wallis wurde noch nie ge-«grüezi»-gt, «Üsserschwiizer» werden deshalb als «Grüezini» verspottet. Und trotzdem steht das Matterhorn bis heute in der prächtigen Natur.