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Zeitlose Abenteuer-RomaneDie fantastische Welt des Heiner Gross

Das Jugendbuch «3:0 für die Bärte» soll verfilmt werden. Der Bestseller von 1959 ist bis heute erfrischend und enorm spannend.

«Was da vor ihnen dicht am Ufer im Flusse lag, war ohne Zweifel eine Schildkröte.» Illustration von Werner Büchi aus «3:0 für die Bärte».
«Was da vor ihnen dicht am Ufer im Flusse lag, war ohne Zweifel eine Schildkröte.» Illustration von Werner Büchi aus «3:0 für die Bärte».
Bild: PD

Dass es möglich ist, in eine andere Welt zu gelangen, fasziniert nicht nur Kinder. Neben der sichtbaren Welt gibt es eine andere, in der man völlig neue Abenteuer erlebt, in der eigene Gesetze gelten, wo bedrohliche Maschinen aufmarschieren und seltsame Wesen leben, die zum Zorn neigen, über die man auch lachen darf: In ihr verwandeln sich banale Dinge in solche mit überraschenden Fähigkeiten. Wer diese Welt einmal entdeckt hat, den begleitet sie ein Leben lang.

Der Eingang ist alltäglich und zugleich schon ein Teil dieser anderen Welt. Das Motiv findet sich auch in den «Chroniken von Narni, dort ist das Tor in das sagenhafte Land ein Kleiderschrank. In «3:0 für die Bärte», Heiner Gross’ 1959 erschienenem Jugendroman, ist es ein Holzreifen, wie ihn Kinder früher zum Spielen verwendeten. Durch ihn gelangt man nach Tansibor: Man schlüpft durch ihn hindurch und ist weg, in einem Gebiet, in dem die Uhren anders gehen, wo man Dinge erlebt, von denen die Erwachsenen nichts zu wissen brauchen.

Ein alltäglicher Gegenstand wird zum Tor in eine andere Welt.

Unter den Autoren der Gegenwart haben etwa Stephen King und Haruki Murakami den Trick in ihren Büchern für Reisen in die Vergangenheit oder in fantastische Parallelwelten genutzt. Bei Gross ist die Reise pädagogisch motiviert, die bärtigen Zwerge holen die Kinder in ihr Wunderland, weil sie sich von ihnen Tipps erhoffen, wie sie ihre Märchenwelt attraktiver machen könnten. Denn immer weniger Kinder interessieren sich für sie. Dies zumindest ist die Ausgangsthese des ebenso fantastischen wie lustigen Abenteuerbuches.

Schlosser von Beruf

Mit seinem ersten Roman, der sich über dreihunderttausend Mal verkaufte, gelang dem 1923 geborenen Autor ein Wurf. Dass er das konnte, entdeckte er mit 35 Jahren, als er das Buch zunächst für seine beiden Kinder Barbara und Werner schrieb. Sie sind die realen Vorbilder von Hans und Bärbel aus dem Roman, die dort aber keine Geschwister sind, sondern ein jugendliches Paar.

Gross war im Dorfkern von Veltheim aufgewachsen und hatte bei der Firma Sulzer eine Lehre als Schlosser und Maschinenzeichner gemacht. Nach einer Anstellung in einem Kieswerk der Firma Toggenburger war er zu Sulzer zurückgekehrt. Mit dem Erfolg von «3:0 für die Bärte» begann sein zweites Leben. Gross machte das Schreiben zu seinem neuen Beruf, arbeitete daneben bis zu seiner Pensionierung 1988 halbtags als Sprecher beim Zivilschutzamt der Stadt. «3:0 für die Bärte» wurde zur Trilogie erweitert, wobei der zweite Band, «Tumult auf der Kyburg», ganz in Winterthur und Umgebung spielt. Zwei Dutzend weitere Kinder- und Jugendbücher folgten, darunter Krimis und die Detektivroman-Reihe «AG Pinkerton». Sein Nachlass liegt in der Stadtbibliothek.

Heiner Gross war ein unermüdlicher Geschichtenerzähler. Undatierte Aufnahme aus dem Nachlass.
Heiner Gross war ein unermüdlicher Geschichtenerzähler. Undatierte Aufnahme aus dem Nachlass.
Foto: Stadtbibliothek Winterthur

Es ist ein Merkmal seiner Bücher, dass sie fantastische Erfindungen enthalten und zugleich in der realen Welt verankert sind. So spielt etwa der Kriminalroman «Der schwarze Jack» im Rosenberg-Quartier, in dem die Familie Gross wohnte. Manche technischen Geräte, darunter die ferngesteuerten, mit Kameras ausgestatteten Roboter, die der böse Zauberer Sabor gegen die Hauptstadt des Wunderlandes marschieren lässt, oder ein tragbares Fernsprechgerät namens «Traxoliluxli», wirken heute prophetisch.

Gross hatte überhaupt ein Talent für absurde Komik.

Wenn die Maschinen auf einmal alles falsch machen (weil die Leitungen entsprechend vertauscht wurden), kann man das als Warnung vor allzu grosser Technikgläubigkeit verstehen. Im Buch gibt es dann aber auch viel zu lachen. Gross hatte überhaupt ein Talent für absurde Komik. So schildert er in «3:0 für die Bärte» einen hohlen Baum, in dem jeder, der die Hand reinsteckt, einen Schlag abbekommt wie früher vom Stock des Lehrers. Darüber verheisst ein Schild: «Zur Beruhigung». Das wirksame Medikament kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn die Räuber des Wunderlandes nicht mehr aufhören können zu lachen. Auch die beiden anderen Bände der Trilogie sind voll von witzigen Einfällen.

Ein Klassiker der Jugendbuchliteratur: «3:0 für die Bärte» in der Auflage des Cardun-Verlags von 1992.
Ein Klassiker der Jugendbuchliteratur: «3:0 für die Bärte» in der Auflage des Cardun-Verlags von 1992.
Foto: Marc Dahinden

Gross’ 1955 geborene Tochter Barbara Nodari schildert ihren Vater als harmoniebedürftigen Menschen: Er habe immer gewollt, dass die Menschen gut miteinander auskämen. Meinungsverschiedenheiten waren erlaubt, sollten aber gelöst werden, damit man nicht im Streit auseinanderging. Bezeichnend, dass die teilweise unheimlichen Vorgänge auf der Kyburg am Ende in ein Fest münden, bei dem alle mitfeiern, sogar der unermüdliche Plagegeist Sabor. Nodari erinnert sich, dass ihr Vater gerne aus dem Stegreif Geschichten erzählte. Hatte eines der Kinder die Grippe, schilderte er ihm den Kampf der guten gegen die bösen Bazillen im Körper und dass es nun gelte, die guten zu unterstützen.

Journalist und Maler

Dass seine Bücher in der Realität verwurzelt sind, mag mit seiner journalistischen Ader zu tun haben. Gross schrieb als freier Mitarbeiter für den «Landboten», die «Winterthurer AZ» und die «Weinländer Zeitung», und er betreute den «Gallispitz», die Quartierzeitung für Veltheim. Oft sass er in einem kleinen Café an der Ecke Neumarkt/Marktgasse, erinnert sich Nodari. Dort habe er den Leuten zugehört und sich seine Ideen für die Zeitungskolumne geholt. Im Roman «Tumult auf der Kyburg» schreibt ein Journalist für die Lokalzeitung reisserische Berichteeine treffende Karikatur auf das Geschäft mit den News.

«Es kam vor, dass er eine Arztrechnung mit einem ‹Van Gogh› bezahlte.»

Barbara Nodari, Tochter von Heiner Gross

Heiner Gross war ein Multitalent: Er konnte ausgezeichnet malen und Gemälde berühmter Vorbilder wie Van Gogh täuschend echt imitieren. Seine Lieblinge waren Spitzweg und Breughel. Es sei vorgekommen, dass er eine Arztrechnung mit einem Bild bezahlt habe, erinnert sich seine Tochter. Wobei der Arzt natürlich wusste, dass er kein Original bekam. Gross schrieb grundsätzlich von Hand; Hedi Trindler, die Sekretärin des damaligen Stadtpräsidenten Urs Widmer, tippte die Texte dann ab, in einem rasenden Tempo.

Verfilmung geplant

«Seine Fantasie kannte keine Grenzen», sagt der Verleger Heiner Dübi. Er besitzt die Rechte und gab die «Wunderland»-Bücher 1992 und 1993 in seinem Cardun-Verlag neu heraus. Sie sind, wie alle Bücher von Heiner Gross, zurzeit höchstens noch antiquarisch oder in der Bibliothek verfügbar. Eine erneute Auflage fasst Dübi für die Zeitspanne 2025 bis 2030 ins Auge. Bis dann sollen nämlich die Abenteuer mit Sabor verfilmt werden. Ob als Kinofilm, Fernsehfilm oder Serie sei noch offen. Eine Schweizer Filmfirma habe die Exklusivrechte erworben und sei nun auf Geldsuche.

Vor Erscheinen des Films würde sich eine Neuauflage nicht lohnen, erklärt Dübi. «Der Buchhandel ist seit Jahren rückläufig, wir würden auf den Büchern sitzen bleiben.» Er bekomme schon seit einiger Zeit keine Anfragen mehr, auch nicht privat. Vor dem Druck würden die Bücher dann neu lektoriert und veraltete Ausdrücke ersetzt.

Das Auge als Kamera

Dübi war mit Gross befreundet, seit er ihn Ende der Achtzigerjahre bei einer Lesung kennen lernte, die Dübi als Jugendarbeiter in Marthalen organisierte. Gross las regelmässig in Schulen, Bibliotheken und Vereinen. Für die letzte Auflage der Trilogie Anfang der 1990er-Jahre schrieb er eine völlig neue Fassung des dritten Bandes mit dem Titel «Hal Rochels Landpiraten»; einmal mehr wird darin Tansibor von einer bösartigen Kraft bedroht, diesmal von einem selbst ernannten Kaiser namens Hal Rochel. Noch während der Niederschrift wurde bei Gross Krebs festgestellt; im Mai 1993 starb er, im Alter von nur 69 Jahren.

«Seine Fantasie kannte keine Grenzen.»

Heiner Dübi, Verleger und Freund von Heiner Gross

Warum die Neufassung? Gross habe neue Ideen gehabt und die in der ersten Fassung noch enthaltenen Karl-May-Figuren über Bord werfen wollen, erinnert sich Dübi. Im Wunderland der Zwerge begegnet man jetzt noch mehr visionärer Technik, zu Beginn etwa einem Auge, das wie eine Filmkamera funktioniert. Der Besitzer des Auges heisst Sehfax: Der Name stellt eine gedankliche Weiterentwicklung des Fax-Gerätes zum Beamer dar.

Die eindrückliche Inszenierung der Aufnahmen von Sehfix lässt den Gedanken zu, Gross habe am Ende die Übermacht der Bilder anerkannt. Die Zwerge, darunter der Admiral, der stets Pech hat, sind jetzt noch streitlustiger geworden. Nicht zuletzt wurde die Rollenverteilung der Geschlechter modernisiert: «Königin Bärbel», bis dahin «ein Hausmütterchen», wie Nodari sagt, hat hier ihren grossen Auftritt, sie muss nämlich ihren Freund, «General Hans», aus der Gefangenschaft befreien.