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Zwischen Frankreich und TunesienDie Frau, die ganz Tunesien auf die Couch legt

Regisseurin Manele Labidi hat einen Film über eine Psychoanalytikerin gedreht, die in Tunis eine Praxis eröffnen will. Eine durchaus persönliche Erfahrung.

Manele Labidi ist in der Pariser Banlieue aufgewachsen, wo sie sich fremd fühlte. Aber auch in der Heimat ihrer Eltern, in Tunesien, ist sie eine Fremde.
Manele Labidi ist in der Pariser Banlieue aufgewachsen, wo sie sich fremd fühlte. Aber auch in der Heimat ihrer Eltern, in Tunesien, ist sie eine Fremde.
Foto: Joel C. Ryan (AP)

Vor ein paar Jahren sagte die angehende Filmemacherin Manele Labidi ihrer Mutter, sie unterziehe sich einer Psychoanalyse. Ganz klassisch, nach Sigmund Freud. Die Mama war entsetzt. «Wie kannst du es wagen, all die persönlichen Dinge einem Fremden zu erzählen, dabei über mich und unsere Familie zu sprechen und erst noch viel Geld dafür zu bezahlen?», warf sie der Tochter vor. Und machte ihr einen Vorschlag: «Erzähl es mir, ich mache es gratis.»

Dazu ist es nicht gekommen. Aber Manele Labidi hatte ein Sujet für ihren ersten Spielfilm gefunden. Sie wuchs als Tochter einer tunesischen Immigrantenfamilie in der Pariser Banlieue auf. Als Kind war ihr bald aufgefallen, dass Menschen wie sie, die anders aussahen, in den französischen TV-Programmen nicht vorkamen, oder höchstens als Witzfiguren. Andere Geschichten zu erzählen, wurde deshalb bald ihr Traum, aber so einfach war das nicht. Zunächst arbeitete sie einige Jahre auf einer Bank. Schmiss dann alles hin. Und fuhr in die Heimat ihrer Eltern, nach Tunesien.

«Ich merkte, dass ich zwischen Stuhl und Bank gefallen war.»

Manele Labidi

«Ich hatte die Illusion, dort keine Fremde zu sein», erzählt Manele Labidi. Aber selbstverständlich war es nicht so. Den Menschen fiel sofort auf, dass die «Französin» andere Musik hörte, über andere Witze lachte, anders sozialisiert war. «Ich merkte, dass ich zwischen Stuhl und Bank gefallen war», sagt sie: «Aber auch, dass mir das die Kraft geben könnte, einen Film zu machen.»

Das war die Geburt von «Un divan à Tunis», diese nun in den Kinos laufende Komödie über eine Frau, die in Tunis eine Praxis für Psychoanalyse eröffnen will und dabei über ein Hindernis nach dem andern stolpert: Sie braucht die Bewilligung der verschiedensten Ämter, sie braucht die Räumlichkeiten. Und sie braucht nicht zuletzt eine Klientel in einem Land, in dem man eben nicht gerne vor Fremden über Intimes spricht.

Der Film spielt kurz nach dem Sturz der Diktatur in Tunesien im Jahr 2011. Das Gefühl damals sei demjenigen einer Psychoanalyse nicht unähnlich gewesen, sagt Manele Labidi, alles sei dekonstruiert worden, Tabula rasa, um neu zu beginnen. Und die sonst so verschlossenen Menschen hätten zu erzählen begonnen: «Manchmal dauerte der Gang zur Bäckerei zwei Stunden, weil dir die Verkäuferin unbedingt noch dieses und jenes mitteilen wollte.»

Ein Spiel mit Klischees

Manele Labidi legt im Film sozusagen das ganze Land auf die Couch. Dabei sind durchaus persönliche Erfahrungen eingeflossen. Die Regisseurin hat zum Beispiel tatsächlich einen Onkel gehabt, der Alkohol in Cola-Büchsen abfüllte, um ihn unauffällig zu konsumieren. «Alle wussten es, aber alle taten so, als ob er nur Limonade trinken würde.»

Labidis Film spielt mit den Klischees, die man im Westen über das nordafrikanische Land hat, und unterwandert sie. Zum Beispiel tritt ein durch und durch unbestechlicher Polizist auf. «Dafür musste ich kämpfen, alle, die das Drehbuch lasen, wollten mir weismachen, dass es in Tunesien doch nur korrupte Polizisten gebe», sagt die Regisseurin.

So ist ein Film entstanden, der ernsthaft und doch komödiantisch mit westlichen und arabischen Vorurteilen spielt. Und zwar bereits in der ersten Szene. Da hängt die von der Exil-Iranerin Golshifteh Farahani – auch sie eine Heimatlose – gespielte Psychoanalytikerin ein Porträt von Sigmund Freud in ihrer Praxis auf. «Ah, das ist bestimmt dein Onkel. Ein guter Muslim!», sagt ein Beobachter. Sie antwortet trocken: «Nein, ein Jude.»