Glattfelden

Die Hammoodis und ihr Glattfelder «Götti»

Seit einigen Wochen lebt die Familie Hammoodi aus Bagdad in Glattfelden. Ein «Götti» hilft der Familie, sich in der Schweiz zurechtzufinden.

Urs Risch (links) unterstützt die Familie Hammoodi (von links: Abdalqader, Shams, Ahmed, Naida und Hajir) seit kurzem in seiner Funktion als «Götti». Die Familie wohnt in einem Haus in Glattfelden, das Ende Jahr abgerissen werden soll.

Urs Risch (links) unterstützt die Familie Hammoodi (von links: Abdalqader, Shams, Ahmed, Naida und Hajir) seit kurzem in seiner Funktion als «Götti». Die Familie wohnt in einem Haus in Glattfelden, das Ende Jahr abgerissen werden soll. Bild: Balz Murer

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Die Fahrt führt zu einem schmucken, etwas in die Jahre gekommenen Einfamilienhäuschen in Glattfelden. Die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Franziska Schlegel, weist den Weg. «Das Haus wird Ende Jahr abgerissen und durch einen Neubau ersetzt», sagt Schlegel. Sie hat das Treffen zwischen dem ZU und der Familie Hammoodi sowie ihrem «Götti» Urs Risch organisiert. Das «Götti»-Konzept, wonach ein Einheimischer eine Familie mit Migrationshintergrund unterstützt, soll mehr und mehr in der Gemeinde eingeführt werden. Es beruht auf Freiwilligenarbeit.

Schlegel selber stand, noch bevor sie Integrationsbeauftragte wurde, einer Familie mit Rat und Tat bei. Risch wiederum bot ihr vor drei Wochen seine Hilfe für Schreibarbeiten oder Behördengänge an, worauf sie ihm sogleich vorschlug, die neu in die Gemeinde gezogene Familie Hammoodi zu unterstützen. «Ich bin pensioniert und habe deshalb Zeit. Man hört immer wieder, dass sich Leute nicht auf Deutsch artikulieren können und zuweilen von den Behörden von oben herab behandelt werden», erklärt der 66-Jährige, ehemals Leiter des Alters- und Pflegeheims Eichhölzli, sein Engagement. Ein Freund habe ihn ermuntert, sich zu melden.

Die Flucht vor dem Terror

Oft haben sich die Hammoodis und Risch noch nicht getroffen, jedoch scheint der Umgang vertraut. Die Sprachbarriere wird mittels Englisch überwunden: Die 20-jährige Hajir, das älteste Kind der Familie, übersetzt, was ihre Eltern auf Arabisch sagen und was Risch auf Englisch erwidert. Risch spricht einwandfrei Englisch, er arbeitete lange bei der Swissair und war davor zwei Jahre lang in einem Londoner Reisebüro tätig. Hajir wiederum hat in der Schule in Bagdad Englisch gelernt, aber auch durch Fernsehserien, wie sie schmunzelnd sagt. Sie trägt Skinny-Jeans, das Kopftuch hat sie locker um den Kopf drapiert, ihr Haaransatz ist sichtbar.

Hajir wollte bald mit einem Sprachstudium an der Universität in Bagdad beginnen, als die Familie sich gezwungen sah, aus der Stadt zu fliehen. Als Fächer wollte sie Englisch, Französisch und Italienisch wählen. Ihr 15-jähriger Bruder Ahmed und ihre 10-jährige Schwester Shams (der Name bedeutet Sonne) gingen zur Schule, Mutter Naida war Hausfrau und Vater Abdalqader arbeitete als Koch. Auf die Frage, wer denn besser kocht, seine Frau oder er, antwortet er, ohne zu zögern, «meine Frau» und lacht. Die Gäste, die in der kleinen Stube Platz nehmen, behandeln sie mit orientalischer Gastfreundschaft: Traditionelles Sesamgebäck, eine Süssspeise aus Griess sowie Kaffee werden serviert.

Hajir erzählt von der Flucht aus ihrer zerbombten Heimatstadt. Diese hat die Hammoodis vor einigen Jahren zunächst von Bagdad nach Damaskus in Syrien geführt. «Mittlerweile weiss man in Badgad nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist», sagt sie. Als sich aber auch in Syrien die Lage verschlimmerte, ging die Familie zurück in den Irak. Im Norden von Bagdad, im Gebiet Saladin, angekommen, seien sie eines Tages von der Terrororganisation Islamischer Staat bedroht worden. «Sie haben gesagt, sie werden meinen Bruder als Kämpfer mitnehmen und mich als Frau», erzählt Hajir. In derselben Nacht habe die Familie ihre Sachen zusammengepackt und sei geflohen.

Über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute kamen die Hammoodis schliesslich in die Schweiz. «Das ist das sicherste Land der Welt, der perfekte Ort, um eine neue Zukunft aufzubauen», erklärt Vater Abdalqader, weshalb er und seine Frau hierherkommen wollten. «Die Schweiz bedeutete für uns das Ende eines Albtraums», ergänzt Hajir. Nach Stationen in Basel, Zug und Embrach wurde die Familie schliesslich in Glattfelden untergebracht.

Der Wunsch nach Arbeit

Interessiert hört «Götti» Urs Risch zu und fragt immer wieder nach. Es wird angeregt über Diktatoren und Politik im Irak und in seinen Nachbarländern diskutiert. «Ich habe mich schon immer für Politik interessiert», sagt Risch. So sei Abdalqader Hammoodi beim ersten Gespräch ziemlich erstaunt gewesen, dass Risch so gut informiert war über den Irak und die Akteure in den Konflikten des Landes, aber auch über die Richtungen des Islam. Heute übersetzt Risch einen Brief vom Bund ins Englische.

Für Risch ist klar, dass die beiden jüngeren Kinder keine Probleme bei der Integration haben werden. Der Sohn fängt bald mit dem Deutschunterricht in einer Zürcher Schule an. Risch hat ihn bereits zu einem Informationsanlass begleitet. Die zehnjährige Tochter wiederum geht bereits in Glattfelden in die reguläre Schule – und erhält zufällig von Rischs Tochter, einer Heilpädagogin, Deutschunterricht. «Bei Hajir befürchte ich, dass sie wegen ihres Alters zwischen Stuhl und Bank fallen wird», sagt Risch. Derzeit besucht sie dreimal wöchentlich einen durch Private organisierten Deutschunterricht in Zürich. In Zukunft würde sie am liebsten am Flughafen arbeiten. Vater Abdalqader wiederum macht es zu schaffen, dass er nicht arbeiten darf. Gerne würde er wieder den Kochlöffel schwingen oder einer anderen Tätigkeit nachgehen. Die Asylsuchenden mit dem Status N warten derzeit auf ein zweites Gespräch mit den Bundesbehörden.

In Glattfelden fühlen sich die Hammoodis wohl. «Ablehnung haben wir bisher nicht gespürt, alle lächeln zurück, wenn wir sie lächelnd grüssen», sagt Hajir. Ihre Nachbarn hat die Familie bereits kennen gelernt und ein Essen für sie organisiert. Sicher waren sie aber nicht, ob die Glattfelder ihre irakischen Spezialitäten mögen werden. Nach dem Essen waren sie erleichtert: «Es hat allen geschmeckt.» Der grösste Unterschied zu ihrem Leben im Irak sei, dass der Austausch mit anderen Menschen fehle: «In Bagdad hat ständig jemand an der Türe geklingelt», sagt Hajir schmunzelnd.

Während der Tochter das Gefühl von Heimat fehlt, sehnen sich ihre Eltern nach nichts im Irak. «Wir sind jahrelang geflüchtet, weshalb sollte ich etwas vermissen?», sagt Abdalqader. Die Situation in Bagdad verschlimmere sich stets. Diese Woche meldeten Medien, dass eine Mauer um die Stadt Bagdad gebaut wird, um die Bewohner vor Terrorangriffen zu schützen.

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Erstellt: 24.02.2016, 21:52 Uhr

«Götti»-Konzept in embrach

Freiwillige mit und ohne Migrationshintergrund gesucht
Der Gemeinderat von Embrach hat 25'000 Franken für den Aufbau einer «Integrationsbegleitung mit einem Götti oder einer Gotte» gesprochen (der ZU berichtete). Die Asylorganisation Zürich (AOZ) wird für den Aufbau zuständig sein. Das Geld setzt die Gemeinde über zwei Jahre hinweg für die Beratungen durch die AOZ und die Spesen der Freiwilligen ein. Laut Gemeinderätin Rebekka Bernhardsgrütter soll damit das kommunale Integrationsprogramm, das letztes Jahr vom Gemeinderat beschlossen wurde, umgesetzt werden. Es werden nun Freiwillige mit oder ohne Migrationshintergrund gesucht, die sich als «Götti» oder «Gotte» engagieren wollen. Sie sollen nicht nur Migranten begleiten, die neu in Embrach sind, sondern auch solche, die schon länger in der Gemeinde wohnen. Die Freiwilligen – angesprochen sind solche, die in der Gemeinde oder ihrer Umgebung leben – sollten die Strukturen und das gesellschaftliche Leben in Embrach kennen und die deutsche Sprache beherrschen. Voraussetzung ist zudem, dass sie sich für mindestens sechs Monate verpflichten. Ihre Aufgabe ist es, den Migranten Unterstützung zu bieten bei Themen wie Schule, Arbeit oder auch Abfallentsorgung und Freizeitaktivitäten. Gemäss Bernhardsgrütter ist es schwierig, eine Zahl von Haushalten zu nennen, die Bedarf für einen «Götti» oder eine «Gotte» hätten. Zufrieden wäre sie, wenn das Projekt mit etwa zehn Haushalten und 10 bis 15 Freiwilligen gestartet werden könnte. Die Gemeinde wird demnächst einen Aufruf in ihrem Mitteilungsblatt machen. Ausserdem findet am Montag, 21. März, um 20 Uhr im Gemeindehaussaal an der Dorfstrasse 9 eine Informationsveranstaltung für interessierte Freiwillige statt.

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