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Sternwarte Eschenberg«Die Konkurrenz zum Nachthimmel ist gross»

Keine Besucher wegen der Pandemie, kaum Nachwuchs, Lichtverschmutzung: Als Leiter der Sternwarte Eschenberg hat Markus Griesser mit diversen Problemen zu kämpfen. Trotzdem ist das Observatorium international ganz vorn mit dabei.

Markus Griesser schaut seit mehr als vier Jahrzehnten vom Observatorium auf dem Eschenberg aus in die Sterne.
Markus Griesser schaut seit mehr als vier Jahrzehnten vom Observatorium auf dem Eschenberg aus in die Sterne.
Foto: Archiv

Die Sternwarte Eschenberg ist seit Anfang März für Besucher geschlossen. Geht sie bald wieder auf?

Im Moment sieht es leider nicht so aus. Wir haben ein so kleines Gebäude, dass es unmöglich ist, darin die Abstandsregeln einzuhalten.

Einnahmen fallen damit weg. Wie gut überstehen Sie diese Zeit?

Wir haben zum Glück ein solides Fundament. Mit einer Pandemie haben wir natürlich nicht gerechnet. Aber wir verfügen über genügend Rücklagen und haben ein breites Netz an Gönnern.

Seit gut zwei Jahren liegt die Jugendgruppe der Astronomischen Gesellschaft Winterthur mangels Beteiligung auf Eis. Interessiert das Weltall gar nicht mehr?

Das würde ich nicht sagen. Aber es ist schwieriger geworden, dass die Jungen sich verbindlich für etwas engagieren. Wir haben fast keine Nachwuchsmitglieder mehrvor allem nicht solche, die bereit sind, regelmässig ehrenamtlich mitzuarbeiten.

Das Interesse an der Himmelsbeobachtung wäre aber da?

Was die Besucherzahlen angeht, schon. 2018 war mit über 3500 Personen sogar ein Rekordjahr. Wir merken aber, dass sich die Einstellung zur Technik drastisch geändert hat. Als wir Ende der 70er-Jahre loslegten, war das allgemeine Interesse am Weltall aufgrund der Mondlandungen und anderer Raumfahrtmissionen riesig. Heute haben viele eine sehr kritische Haltung gegenüber technischen Errungenschaften. Das spüren auch wir.

«In den Innenstädten den Himmel beobachten zu wollen, ist illusorisch.»

Markus Griesser, Leiter Sternwarte Eschenberg

Das All war Neuland, bereit zur Entdeckung. Ist diese Faszination verloren gegangen?

Ich begleite immer wieder Matur- oder Abschlussarbeiten der Berufsschule in diesem Gebiet. Die Jugendlichen, die sich dafür interessieren, sind noch so begeistert davon wie wir damals. Aber es sind weniger geworden, die sich damit beschäftigen. Die Freizeitgestaltung hat sich stark individualisiert, das Internet bietet unzählige Ablenkungsmöglichkeiten. Die Konkurrenz zum Nachthimmel ist gross.

Als Städter sieht man nachts beim Blick nach oben meist kaum mehr als eine schwarze Fläche. Fehlt uns der persönliche Bezug zu unserer kosmischen Nachbarschaft?

Die Lichtverschmutzung hat in den letzten Jahrzehnten schon sehr stark zugenommen. In den Innenstädten den Himmel beobachten zu wollen, ist illusorisch. Aber in Winterthur sind wir eigentlich in einer komfortablen Lage: Der Wald ist nie weit weg, und dort gibt es auch heute noch gute Beobachtungsplätze.

Merken Sie die Lichtverschmutzung auch in der Sternwarte?

Es gibt einige Stellen, die vor rund 50 Jahren, als wir uns für den Standort im Eschenbergwald entschieden haben, noch völlig dunkel waren und die mittlerweile deutlich heller sind. Aber verglichen mit anderen Sternwarten, etwa der Urania mitten in Zürich, haben wir es noch immer geradezu paradiesisch.

Der Herz- und Seelennebel, eine Gas- und Staubwolke in einem Spiralarm unserer Galaxie, aufgenommen von der Sternwarte Eschenberg aus. Das Bild entstand aus über 100 Einzelaufnahmen über vier Nächte hinweg mit einer Gesamtbelichtungszeit von neun Stunden.
Der Herz- und Seelennebel, eine Gas- und Staubwolke in einem Spiralarm unserer Galaxie, aufgenommen von der Sternwarte Eschenberg aus. Das Bild entstand aus über 100 Einzelaufnahmen über vier Nächte hinweg mit einer Gesamtbelichtungszeit von neun Stunden.
Foto: Gianni Tiloca / Sternwarte Eschenberg

In normalen Zeiten empfangen Sie regelmässig Schulklassen. Wie ist die Reaktion, wenn die Kinder zum ersten Mal einen Blick ins All werfen?

Viele sind nur schon ganz aufgeregt, wenn sie bei uns ankommen, weil sie noch nie nachts im Wald waren. Wenn wir ihnen dann all die Dinge am Himmel zeigen können, von denen sie nicht einmal wussten, dass sie existieren und dass man sie beobachten kann, merkt man jeweils, wie fasziniert sie sind. Einige bringt man kaum mehr vom Teleskop weg! Es ergeben sich daraus auch regelmässig philosophische Diskussionen.

Was bedeutet der Blick hinaus in den Kosmos Ihnen selbst?

Ich muss da unterscheiden zwischen meinem persönlichen Interesse und meiner wissenschaftlichen Arbeit. Bei einer Führung gehört es dazu, dass ich meine Begeisterung über diese grandiosen Welten, die uns umgeben, auch zeige. Wenn ich einen Himmelskörper wissenschaftlich untersuche, dann muss ich das ausblenden, und die Daten stehen im Vordergrund.

«Es gibt höchstens eine Handvoll Objekte, die für die Erde eine Gefahr darstellen.»

Markus Griesser, Leiter Sternwarte Eschenberg

Sie haben über 20'000 Messungen an sogenannten erdnahen Kleinplaneten vorgenommen. Worum geht es da?

Unsere Sternwarte ist Teil eines weltweiten Netzes aus Beobachtungsstationen für solche Objekte. Das Sonnensystem ist voll von diesen Gesteinsbrocken unterschiedlicher Grösse. Zum Teil geistern sie auch in der Nähe der Erde umher und können uns potenziell gefährlich werden. Deshalb vermessen wir ihren Weg, wenn sie am Himmel auftauchen. Die amerikanische Nasa und die europäische ESA errechnen dann aus unseren Daten die Umlaufbahn und ob ein Risiko besteht, dass das Objekt mit der Erde kollidiert.

Wie gross ist diese Gefahr?

Man kennt unterdessen mehrere Hundert Objekte, bei denen das Risiko theoretisch vorhanden ist. Meist liegt das aber daran, dass wir die Umlaufbahn nicht genau genug bestimmen können. Objekte, die für die Erde in den nächsten 100 Jahren tatsächlich eine Gefahr darstellen, gibt es höchstens eine Handvoll.

Wie kommt es, dass die kleine und ehrenamtlich geführte Sternwarte Eschenberg bei dieser Arbeit international ganz vorn mitmischt?

Fleiss! (lacht) Meine Kollegen und ich sind seit langem mit grossem Enthusiasmus und Einsatz dabei. Das zahlt sich halt aus. Ich war letztes Jahr an einer europäischen Fachtagung in Salzburg, wo verschiedene Statistiken präsentiert wurden. Bei der Beobachtung erdnaher Objekte war Winterthur auf dem ersten Platz! Und in der Astronomie gilt: Wer fleissig genug ist, wird auch belohnt. Wir haben unterdessen zehn neue solche Objekte entdeckt, neun davon tragen nun Namen von Winterthurer Orten oder Persönlichkeiten. Am zehnten studiere ich noch herum.