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Kolumne LomoDie Minderheitenmeinung

Unser Kolumnist glaubt: Weil wir nicht mehr mit den Nervensägen reden mögen, gehen sie stattdessen ins Fernsehen.

Nervensäge oder wichtige Minderheitenmeinung? Komiker Marco Rima bei einer Corona-Kundgebung am Turbinenplatz.
Nervensäge oder wichtige Minderheitenmeinung? Komiker Marco Rima bei einer Corona-Kundgebung am Turbinenplatz.
Foto: Urs Jaudas

Kennen Sie auch den Bürokollegen, der in der Kaffeepause immer denselben Witz erzählt und immer noch der einzige ist, der ihn lustig findet? Kennen Sie die Tante, die, egal was in der Welt Schlimmes geschieht, immer erzählen muss, dass sie noch viel schlimmer leidet? Kennen Sie den Grossvater, der zwar jedes mal fragt, was man eigentlich arbeite, aber nie bei der Antwort zuhört, weil er ja sowieso viel besser weiss, was man eigentlich tun sollte? Kennen Sie den Bekannten der bei allem, was ihm passiert nie selber schuld ist, sondern sicher ist, dass die ganze Welt es auf nichts anderes abgesehen hat, als ihm zu schaden?

Ich glaub wir kennen sie alle. Man nennt sie Schnöris und Nervensägen und verhält sich entsprechend. Doch weil wir nicht mehr mit den Nervensägen reden mögen, gehen sie stattdessen ins Fernsehen. Wie sonst kann man es sich erklären, dass bei jeder TV-Diskussionsrunde und egal bei welchem Thema, auch noch jemand eingeladen wird, mit dem sich bei der Betriebsfeier schon längst niemand mehr an den Tisch setzen mag. Am Fernsehen hingegen wird der faktenresistente Schnöri dann als eigenwilliger Querdenker präsentiert, dessen provokante Minderheitenmeinung man doch im Sinne der Meinungsfreiheit auch anhören müsse.

Am Fernsehen wird der faktenresistente Schnöri als eigenwilliger Querdenker präsentiert.

Und ich frage mich: Wirklich? Wegen dem Bürokollegen und seinen Witzen mach ich schon längst die Kaffeepause auf einem anderen Stock, wenn die Tante wieder von ihren Leiden anfängt, leg ich den Telefonhörer hin und räum in der Zwischenzeit die Küche auf, mit dem Grossvater rede ich höchstens übers Wetter, aber sicher nicht über Berufliches und beim Bekannten mach ich rechts umkehrt, sobald ich ihn auf der Strasse sehe. Warum also muss in der Fernsehdebatte zu griffigen Massnahmen gegen den Klimawandel immer auch noch jemand drin sitzen, der zwar von Umweltwissenschaften keinen Schimmer hat, aber dafür sicher ist, dass der Klimawandel gar nicht existiert? Wenn Ignoranz schon als Expertise genügt dann frag ich mich bloss, warum ich bis heute nicht vom Hundezüchterverband eingeladen wurde, über meine Minderheitenmeinung bezüglich Aufzucht von Jack Russell Terriern zu referieren, dabei hätte doch ich bei dem Thema mindestens so wenig Ahnung, wie Marco Rima bei der Epidemologie.