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Nachhaltigkeit und KlimawandelDie Nationalbank sucht Umweltexperten

Geplant ist der Aufbau einer Abteilung, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt und das Direktorium beraten soll. Experten fordern vor allem ein Umdenken der Notenbank bei den Aktienanlagen.

Der Klimawandel wird die Geldpolitik der Nationalbank tangieren – daher will sie über mehr Know-how in Sachen Nachhaltigkeit verfügen.
Der Klimawandel wird die Geldpolitik der Nationalbank tangieren – daher will sie über mehr Know-how in Sachen Nachhaltigkeit verfügen.
Foto: Peter Schneider (Keystone)

Vertieftes Wissen über Nachhaltigkeit und den Klimawandel ins eigene Haus holen auf eben diesem Weg ist allem Anschein nach die Schweizerische Nationalbank (SNB). Per Stelleninserat sucht sie eine(n) «Leiterin/Leiter Nachhaltigkeit». Diese Position, vorgesehen auf Direktionsebene, gibt es beim Noteninstitut bislang nicht.

Zu den Kernaufgaben der künftigen Stelleninhaberin oder des -inhabers gehört laut der Ausschreibung der Aufbau einer Fachstelle Nachhaltigkeit in der SNB. Auch soll diese Person die oberste Führung um Präsident Thomas Jordan «in Nachhaltigkeits- und Klimawandelfragen» beraten.

Aktienanlagen in der Kritik

Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich, wertet den Schritt der Nationalbank als «grundsätzlich positives Signal». Allerdings werde sich erst zeigen müssen, ob der Aufbau eines Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit unter dem Dach der SNB «substanziell etwas bringen wird».

Chesney verweist auf die Aktienanlagen des Noteninstituts: «Eine Nachhaltigkeitsstrategie würde bedeuten, dass die SNB aus Investitionen in fossile Energieträger aussteigt.» Der Finanzprofessor hat die Nationalbank wiederholt kritisiert, weil sie als eine der weltweit grössten öffentlichen Investorinnen ihre Anlagepolitik nicht an den Erfordernissen des Pariser Klimaabkommens ausrichtet.

«Die Tatsache, dass im Stelleninserat weder die Anlagepolitik noch andere Kernaufgaben der SNB erwähnt werden, lässt offen, ob dieser Stelle viel Gewicht beigemessen wird.»

Reto Ringger, Gründer und Chef der Globalance Bank

Skepsis ist auch herauszuhören bei Reto Ringger, Gründer und Chef der Globalance Bank in Zürich und einer der internationalen Vorreiter für nachhaltige Anlagestrategien. Gefragt, ob die neu geschaffene Stelle ein Fingerzeig für eine stärker auf Nachhaltigkeit bedachte Anlagetätigkeit der SNB sei, antwortet er: «Ich würde auf andere Signale achten.» Und er fügt hinzu: «Die Tatsache, dass im Stelleninserat weder die Anlagepolitik noch andere Kernaufgaben der SNB erwähnt werden, lässt offen, ob dieser Stelle viel Gewicht beigemessen wird.»

Die Nationalbank wollte sich zur Ausschreibung der Stelle und ihren Einflussmöglichkeiten nicht äussern. Stein des Anstosses ist auch für Ringger das von der SNB gehaltene Aktienportfolio. Dieses orientiert sich stark an den gängigen internationalen Aktienindizes wie dem S & P 500 in den USA oder dem Euro Stoxx 600 in der Eurozone.

An Öl- und Waffenkonzernen beteiligt

Der indexbasierte Ansatz bringt es mit sich, dass die Nationalbank an Ölkonzernen wie Shell oder Chevron und an Waffenschmieden wie Boeing oder Raytheon beteiligt ist. Sie nennt denn die Ausrichtung an Aktienindizes als Grund dafür, dass Nachhaltigkeitsaspekte nicht berücksichtigt werden können (lesen Sie dazu passend den Artikel: Schweizerische Nationalbank ist Kritikern nicht grün genug).

«Dieses Argument ist für mich wenig überzeugend», entgegnet Ringger. «Dies einerseits wegen der Vielzahl von Nachhaltigkeitsindizes, die im Markt eingesetzt werden, und andererseits wegen den von der SNB selber erwähnten Klimarisiken.»

So hatte Thomas Jordan im vergangenen Dezember davon gesprochen, dass der Klimawandel zum einen zu strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft führe. Dieser langsam vorangehende Prozess müsse, wie der SNB-Präsident ausführte, «in unseren Prognosemodellen über die Zeit berücksichtigt werden». Zum andern könnten «regulatorische Massnahmen zum Schutz des Klimas zu abrupten Preisveränderungen wichtiger Güter führen».

Spätzünder im Vergleich zu anderen Notenbanken

Die Nationalbank ist laut Jordan dabei, beide Veränderungen im Hinblick auf Wachstum und Inflation und auf allfällige Konsequenzen für die Geldpolitik zu analysieren. Auf die neue Leiterin Nachhaltigkeit oder den Neuen wartet offenkundig ziemlich viel Arbeit.

Da setzt Reto Ringgers zweiter Kritikpunkt an: «Mit der Schaffung einer Fachstelle Nachhaltigkeit ist die SNB arg im Rückstand – nicht nur im Vergleich zur Privatwirtschaft, etwa zu Banken und Versicherungen.» Es gelte vor allem auch mit Blick auf die stetig wachsende Zahl von Zentralbanken, die Nachhaltigkeitsthemen – insbesondere Klimarisiken – ein deutlich grösseres Gewicht beimessen würden als die Nationalbank.

11 Kommentare
    Sacha Meier

    Da Umweltwissenschaften nicht so ganz richtig zu den Finanzwissenschaften passen, aber Wissenschaften (auch die nicht exakten) grundsätzlich den Anspruch auf Exaktheit erheben, wäre es doch sinnvoll, eine neue Studienrichtung zu schaffen: Den Umweltfinanzwissenschaftler in den Graduierungen Bachelor of Arts, Master of Arts und Doctor of Arts. So könnten Finanzierungsentscheide auf höchstem wissenschaftlichen Niveau gefällt und dem staunenden Publikum auch begründet werden. Soweit haben wir es schon gebracht in unseren modernen, postindustriellen, MINT-analphabetisierten Konsumdienstleistungswirtschaftsgesellschaften. Nach dem Vorbild des alten Roms.