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Leitartikel zur Abstimmung der reformierten Kirche WinterthurDie Reformierten sollten die Chance nutzen

Wenn sich die reformierte Kirche bewegen will, muss sie ihre Strukturen vereinfachen, die Abläufe straffen und die Verantwortlichkeiten klären. Eine bessere Gelegenheit wird nicht kommen.

Modell 1 oder Modell 2? Am Sonntag, 27. September, entscheiden die Winterthurer Reformierten über neue Strukturen.
Modell 1 oder Modell 2? Am Sonntag, 27. September, entscheiden die Winterthurer Reformierten über neue Strukturen.
Foto: Marc Dahinden

In der Abstimmung über die Zukunft der reformierten Kirche Winterthur stehen den Mitgliedern drei Wege offen: nichts zu ändern, die Zusammenarbeit der sieben bestehenden Kirchgemeinden zu stärken oder diese zu einer einzigen Gemeinde zu fusionieren.

Nichts zu tun, ist keine Alternative. Die Kirche braucht Schub, wenn sie nicht bloss den Niedergang verwalten will. Es fehlen ihr Frauen und Männer, denen die christlichen Werte nicht nur Steuergeld wert sind, sondern Arbeit, Zeit und Schweiss. Auch Jugendliche fehlen ihr. Die Reformierten sind zurzeit wenig erfolgreich unterwegs.

Sieben Präsidentinnen und Präsidenten, sieben Finanzvorsteher und unzählige Kirchenpflegerinnen und -pfleger sind viel zu viel.

Die Befürworter eines stärkeren Stadtverbandes und die Befürworter einer Fusion wollen die Kirche bewegen. Uneinig sind sie sich darüber, wie die sieben Gemeinden künftig zusammenarbeiten sollen. Die Befürworter einer Fusion sagen: voll und ganz. Die Befürworter eines stärkeren Stadtverbandes sagen: mehr als bisher.

Stärker kooperieren hätte der Stadtverband schon in den letzten Jahren können. Projekte mit Strahlkraft hat er nicht auf den Weg gebracht. Eine gemeinsame Trägerschaft für das Kirchgemeindehaus Liebestrasse kam nicht zustande und auch kein Gefäss für die Zuzüger in den Neubaugebieten Neuhegi und Sulzer-Areal Stadtmitte.

Woran der Stadtverband krankt, zeigt das Beispiel Hinterer Hecht. Das Café in der Altstadt wird vom Stadtverband und der Kirchgemeinde Seen grosszügig mit Steuergeld unterstützt. Dies mit dem Ziel, die Kirche wieder näher ans Leben zu bringen. Geführt wird das Café aber von einem privaten Verein. Innerhalb der bestehenden komplizierten Strukturen liess sich das Projekt nicht in die Tat umsetzen.

Die reformierte Kirche Winterthur will beweglicher werden. Das ist nur möglich, wenn sie die Struktur vereinfacht, die Abläufe strafft und die Verantwortlichkeiten klärt. Sieben Präsidentinnen und Präsidenten, sieben Finanzvorsteher und unzählige Kirchenpflegerinnen und -pfleger sind viel zu viel. Eine Person pro Ressort reicht, solange diese von einem Parlament oder einer Gemeindeversammlung kontrolliert wird.

Auf diese Fragen gibt es bei einer Fusion keine einfachen Antworten.

In einer fusionierten Kirchgemeinde gehe die Nähe zwischen den Mitgliedern und der Führung verloren, warnen die Befürworter eines stärkeren Stadtverbandes. Wer wird in einer Gemeinde mit über 30000 Mitgliedern schnell auf Fragen antworten und Probleme lösen?, fragen sie. Wer entscheidet darüber, wie viel Geld das Strick-Kaffee, das Singe mit de Chliine oder der Manneträff erhalten soll? Und besonders wichtig: Wer hält Kontakt mit den freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und dankt diesen für ihr Engagement?

Auf diese Fragen gibt es bei einer Fusion keine simplen Antworten. Da wäre es tatsächlich einfacher, es bliebe alles beim Alten. Aber eben: Beim Alten kann es nicht bleiben, wenn die Reformierten mehr sein wollen als eine ehrwürdige Gemeinschaft auf dem absteigenden Ast. Der Trend spricht gegen ihre Kirche, der die Mitglieder wegsterben und das Geld ausgeht. Daran könnte auch ein stärkerer Zweckverband nichts ändern. Auch er müsste mit weniger Ressourcen auskommen und Nähe aufgeben.

Noch können sich die sieben Gemeinden als gleichberechtigte Partner zusammenschliessen.

Nicht allen sieben Kirchgemeinden steht das Wasser schon bis zum Hals. Seen und Oberwinterthur nennen sich vital und glauben, nötigenfalls allein zugange zu kommen. Sie sehen keinen Bedarf, sich mit den kleineren Gemeinden zusammenzuschliessen. Töss, Veltheim und Mattenbach stehe es offen, miteinander zu fusionieren, wenn sie es für nötig hielten.

Das ist zu kurz gedacht. Schon bald werden auch die grossen Winterthurer Kirchgemeinden klein sein. Wer wird ihnen dann die helfende Hand reichen? Noch können sich die sieben Gemeinden aus freien Stücken und als gleichberechtigte Partner zusammenschliessen. Eine bessere Gelegenheit wird nicht kommen. Höchstens schlechtere Zeiten.