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Pop-BriefingDie sehr deutlichen Worte von Endo Anaconda

Der Sänger von Stiller Has sagt, 2021 werden wir uns abrackern – oder sterben. Derweil zeigen Clipping, dass Hip-Hop auch völlig ohne Klischees auskommt.

Endo Anaconda, als es noch mehr Gelegenheiten für Konzertauftritte gab.
Endo Anaconda, als es noch mehr Gelegenheiten für Konzertauftritte gab.
Foto: Patric Spahni

Das muss man hören

Clipping – «Visions of Bodies Being Burned»

Fans anspruchsvoller Hip-Hop-Musik werden verwöhnt in diesem an Verwöhnung so armen Jahr: Nach Run the Jewels veröffentlichten auch Clipping ein Album. «Visions of Bodies Being Burned» verweigert sich (mehr noch als «RTJ4») gängigen Klischees und kommt fast ohne zeitgeistige Trap-Avancen aus. Hier herrscht Finsternis, tribalistische Drum-Muster und schwärende Synth-Flächen irritieren die Hörer. Rapper Daveed Diggs, der heuer auch in der Netflix-Serienadaption von «Snowpiercer» zu sehen war, unterstreicht seinen Rang als einer der versiertesten MCs seiner Zeit. Beeindruckend.

Christian Löffler – «Ronda»

Christian Löffler gehört zur Riege deutscher Electro-Musiker, die Inspiration aus der Natur ziehen. Ähnlich wie Pantha Du Prince oder Dominik Eulberg vermengen sich bei ihm organische Sounds mit deepen Electronica. Nach dem vierten Album «Lys» aus dem Frühjahr legt er jetzt mit der Nummer «Ronda» nach. Wärmende Nahrung für graue Herbsttage.

Gorillaz Song Machine, Season One: Strange Timez

Wenn die virtuelle Supergroup Alben veröffentlicht, wird mit der ganz grossen Kelle angerührt. So auch diesmal: Auf «Song Machine, Season One» gastieren Robert Smith (The Cure), Beck, St. Vincent, ein starker Elton John, Peter Hook (Joy Division, New Order) und Joan As Police Woman. Die jüngere Generation wird vertreten von unter anderem Slowthai und Jpegmafia. So illuster sich die Gästeliste liest, der ganz grosse Wurf ist nicht dabei. Für eine Stunde kurzweiligen Hyper-Pop reicht es trotzdem.

Laura Veirs My EchoGewohnte Qualität liefert Laura Veirs auch auf ihrem mittlerweile elften Studioalbum. Die Singer-Songwriterin gehört zu der Sorte Musikerin, die selten mit grossen Hits auffällt, dafür jederzeit gehört werden kann. Man darf sich nur nicht von der vermeintlich süssen Musik einlullen lassen: Auf «End Times» singt Veirs «When I think of the end times, you come to mind». Charmant! Auch hier passt das Prädikat: der Soundtrack zur heissen Tasse Tee.

Die Ärzte Hell

Zwölf Studioalben, 36 Jahre Bandgeschichte (brutto), eigentlich könnten Die Ärzte sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Aber welche Musiker können das schon? So beglückt uns die beste Band der Welt mit Longplayer Nummer 13, «Hell». Ausser ratlosem Schulterzucken bleibt nach 18 Stücken und einer Stunde Spielzeit leider wenig. Auch wenn Bela, Farin und Rod (und ganz besonders Hagen, Gott hab ihn selig, und sogar Sahni) auf ewig einen besonderen Platz im Herzen dieses Pop-Redaktors haben werden: Spätestens mit «Geräusch» von 2003 ist eigentlich alles – aber auch wirklich alles – gesagt gewesen. «Hell» stellt das einmal mehr unter Beweis.

Das Schweizer Fenster

Balint Dobozi, seines Zeichens Mitglied von Kalabrese & Rumpelorchester, wandelt mal wieder auf Solopfaden. Auf «Avarnes» lotet er die leiseren Tonlandschaften irgendwo zwischen Jazz, Experimentalmusik und moderner Klassik aus. Während man sich über weite Strecken der hypnotischen Wirkung der Musik hingeben möchte, reissen einzelne Stücke wie der Titeltrack mit einem lässigen Groove aus der wohltuenden Lethargie.

Was blüht

Mit der verschärften Corona-Lage in der Schweiz dürfte es auch für die Kulturschaffenden wieder enger werden. Die Schweizer Beizer informierten bereits am Dienstag und zeichneten ein dramatisches Bild der Lage: Bis zu 100’000 Jobs könnten bedroht sein, «wir stehen vor dem Kollaps», sagte Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer vor der Presse. Dass es in der Kultur- und Eventbranche in eine ähnliche Richtung gehen könnte, belegen auch die Aussagen von Endo Anaconda (Stiller Has) und des ehemaligen Tagi-Popredaktors und jetzigen Autors und Theatermachers Christoph Fellmann.

Das Fundstück

Eine schöne, aber leider viel zu kleine Spielerei haben sich die Macher von Brews & Grooves ausgedacht: Auf der Website werden Biere und Platten miteinander gepaart. So passt Neil Youngs Klassiker «Harvest» angeblich am besten zum Crosspath Golden Ale der amerikanischen Brauerei Allagash oder Black Midis «Schlagenheim» zum Portland Pale Ale der Lone Pine Brewing Company. Wer dem Genuss von guter Musik und einer anständigen Hopfenschorle nicht abgeneigt ist, kann eigene Pairings vorschlagen. Und: Sollte man sich sowieso nicht viel mehr Gedanken über bewussten Genuss machen?

Die Wochentonspur

Alles, was Sie diese Woche wirklich hören müssen, findet sich in dieser Playlist. Der beste Track vom Clipping-Album, die Nummer der Gorillaz mit Elton John, darüber hinaus etwas Grimeiges von Truth und etwas von Ela Minus, einer hoffnungsvollen Newcomerin aus dem Electro-Pop-Bereich.

2 Kommentare
    Rick Sanches

    Cool ein Sound Artikel! Ein paar paar gute Empfehlungen zum Entdecken.. - Danke.