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Kommentar zur Affäre an der Zürcher HerzklinikDie Spitalleitung hat den Whistleblower verheizt

Der beschuldigte Ex-Klinikleiter und der Hinweisgeber müssen gleichzeitig gehen. Das setzt ein ganz schlechtes Zeichen.

Unispital Zürich: Die Klinikleitung hat die Situation in der Maisano-Affäre falsch eingeschätzt.
Unispital Zürich: Die Klinikleitung hat die Situation in der Maisano-Affäre falsch eingeschätzt.
Foro: Urs Jaudas

Spitalratspräsident Martin Waser und der CEO des Zürcher Universitätsspitals, Gregor Zünd, haben in der Maisano-Affäre den Whistleblower ins offene Messer laufen lassen.

Als er im Dezember schwere Vorwürfe gegen den Leiter der Herzklinik, Francesco Maisano, erhob, wurde er zuerst entlassen. Als ein Teil der Kritik durch eine externe Untersuchung bestätigt und später durch Tamedia-Recherchen publik wurde, holte man ihn wieder zurück. Quasi um zu helfen, das verlorene Vertrauen in die Klinik wieder aufzubauen. Nun, da es intern zu Spannungen gekommen ist, setzt ihn die Spitalleitung wieder vor die Tür. Und stellt ihn damit auf dieselbe Stufe wie Maisano, der ebenfalls gehen muss sozusagen als einer von zwei Streithähnen, die man entfernt, damit in der Herzklinik wieder Ruhe einkehrt.

Statt sich vom umstrittenen Professor zu distanzieren, überschüttet ihn die Spitalleitung zum Abschied mit Lob.

Die Spitalführung hat damit in zwei Punkten massiv versagt.

Erstens hat sie die Situation nach Publikwerden der Affäre vollkommen falsch eingeschätzt. Was hat sie sich denn gedacht? Dass die Involvierten nach der Rückkehr des Hinweisgebers in Minne zusammenarbeiten werden? Es war zu erwarten, dass es zwischen ihm und den Ärztinnen und Ärzten, die zum Maisano-Lager gehören, zu Konflikten kommt. Sie sind teilweise in Vorfälle involviert, die der Whistleblower kritisiert hat. Und trotzdem hat man die zwei Lager ohne professionelle Mediation aufeinander losgelassen.

Spitalratspräsident Martin Waser und Spitaldirektor Gregor Zünd geben an einer Medienmitteilung bekannt, dass Maisano und der Whistleblower gehen müssen.
Spitalratspräsident Martin Waser und Spitaldirektor Gregor Zünd geben an einer Medienmitteilung bekannt, dass Maisano und der Whistleblower gehen müssen.
Foto: Anna-Tia Buss

Und zweitens werfen Zünd und Waser die beiden Ärzte in denselben Topf, wenn jetzt auch der Whistleblower gehen muss. Bisher sind gegen ihn keine belegbaren Vorwürfe bekannt geworden. Hingegen hat eine externe Untersuchung bei Maisano gravierende Missstände bestätigt. Er verschwieg in Publikationen und gegenüber der Heilmittelbehörde schwerwiegende Komplikationen bei Eingriffen mit Implantaten, an deren Entwicklung er beteiligt war. Er hat laut Untersuchung keinen einzigen Patienten darüber informiert, dass er Aktien der Herstellerfirmen besass. Er klärte die Kranken auch ungenügend über Risiken auf. In Patientendokumentationen herrschte ein Chaos. Studienunterlagen waren in der Untersuchung teils unauffindbar.

Vieles wird nun dank den Hinweisen des Whistleblowers verbessert, wie das Spital bekannt gibt. Doch statt sich vom umstrittenen Professor zu distanzieren, überschüttet ihn die Spitalleitung auf der USZ-Website zum Abschied mit Lob. Er verkörpere international die neue Ära der modernen Herzchirurgie. Er habe sich in der Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten engagiert. Kenner der Situation kritisieren seit Jahren, dass Maisano praktisch keine Fachärzte ausgebildet hat. Dies muss der neue Klinikleiter Paul Vogt jetzt nachholen. Zum Schluss der Mitteilung heisst es, man bedauere «die gegen ihn gerichtete Medienkampagne».

Am Schluss bezahlen die Hinweisgeber den höchsten Preis.

Das zeugt von einem seltsamen Verständnis von der Rolle der Medien, deren Kernauftrag es ist, über Missstände zu berichten. Zumal das USZ selbst immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hat: Indem es einen Bericht in Auftrag gab, der die Missstände teilweise belegte. Indem es den Whistleblower entliess und wieder einsetzte. Und dann auch noch bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Maisano einreichte.

Der 3. September ist ein schwarzer Tag für diejenigen in unserer Gesellschaft, die bei Missständen nicht einfach wegschauen mögen und die sich Zivilcourage zutrauen. Denn die Entscheidung des USZ vom Donnerstag bestätigt, was man von unzähligen Fällen der letzten Jahre kennt: Am Schluss bezahlen die Hinweisgeber den höchsten Preis.

68 Kommentare
    Silvia Donner

    Menschlich verständlich, dass wir allzu gerne bereit sind dem scheinbar "unschuldigen" Whistleblower Sympatie entgegen zu bringen. Doch darf nicht vergessen werden, dass auch dieser eine Strafanzeige wegen Gefährdung der Patientensicherheit hängig hat. Nicht von ungefähr kommt auch die klare Aussage vom Kantonsspital St. Gallen, der wichtigste Zuweiser von Patienten, dass sie auf keinen Fall möchten, dass der Whistleblower ihre Patienten operiert. Sie halten ihn für unfähig. Eine Aussage welche nicht zum ersten Mal gemacht wird. Es ist ja auch merkwürdig, wenn ein scheinbar erfahrener Arzt nur noch unter der Instruktion des interimistischen Leiters der Herzchirurgie operieren darf. In der Anzeige wird dem Whistleblower auch vorgeworfen, durch sein Verhalten zu Mobbing und einem unguten Arbeitsverhältnis beigetragen zu haben. Dies schon seit 2014! Dies alles sind jedoch auch Gründe warum es unverständlich ist, dass die Führungsspitze dem Whistleblower erst kündigt um ihn nachher wieder einzustellen um ihn dann wieder zu entlassen. Einmal mehr ein Zeichen dass die verantwortlichen Herren Zünd und Waser gänzlich überfordert sind und baldmöglichst ihren Hut nehmen sollten. Die erneute Kündigung jedoch hat kaum mit seiner Funktion als Whistleblower zu tunm sondern ist wohl die Erkenntnis, dass eine Zusammenarbeit mit jemandem der wegen seiner fachlichen Fähigkeiten stark angezweifelt wird für das USZ nicht tragbar ist.