Der Stahlriese ist noch längst nicht über den Berg

Der Streit zwischen den Grossaktionären ist beigelegt. Schmolz + Bickenbach habe aber schwierige Hindernisse zu überwinden, warnt Präsident Jens Alder.

Verspürte einen Hauch von Weihnachten: Jens Alder, Präsident des Verwaltungsrats, an der Generalversammlung. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Verspürte einen Hauch von Weihnachten: Jens Alder, Präsident des Verwaltungsrats, an der Generalversammlung. Foto: Alexandra Wey (Keystone) Bild: Alexandra Wey/Keystone

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«Ich hätte nicht gedacht, dass schon am 2. Dezember Weihnachten ist», witzelte Jens Alder, Präsident von Schmolz + Bickenbach, am Montag an der Generalversammlung des Stahlkonzerns in Emmen LU. Die frohe Botschaft: Kurz nach 16 Uhr hatten die beiden Grossaktionäre Martin Haefner und Viktor Vekselberg die Aktionärsversammlung mit der Frohbotschaft überrascht, dass sie sich auf einen ­gemeinsamen Kurs für die Sanierung geeinigt hätten.

Damit war der Weg frei für die vom Verwaltungsrat beantragte Kapitalerhöhung von ­mindestens 325 Millionen bis maximal 614 Millionen Franken. Die Aktionäre stimmten der ­Kapitalerhöhung mit einem hohen Stimmen mehr von 79,3 Prozent zu.

Die Einigung kam zustande, weil Haefner und der Verwaltungsrat befürchten mussten, dass Vekselberg die Kapitalerhöhung bachab schickt. Denn der Oligarch und drei weitere Aktionäre halten über das Beteiligungsvehikel Liwet 26,9 Prozent an Schmolz + Bickenbach. Weitere rund 7 Prozent Anteile, die von Familienerben der Stahlfirma gehalten werden, stimmen jeweils in seinem Sinne. Martin Haefner mit nur 17 Prozent Beteiligung musste fürchten, dass Vekselberg einen Gegenantrag für eine viel kleinere Kapitalerhöhung von rund 200 Millionen Franken bei den Aktionären durchbringt. Haefner schwante, dass ihm als Aktionär eine Marginalisierung drohte.

Beginn der GV verschoben

Das Machtgerangel am Montag dauerte bis in den Nachmittag hinein. Zweimal verschob Alder den Beginn der GV um eine halbe Stunde in der Hoffnung auf eine Einigung in letzter Minute. Der kurz vor Beginn der eigentlichen Abstimmung unterschriebene Deal zeigt, dass Vekselberg einige Zugeständnisse herausholen konnte. Haefner liess sein Ansinnen, den Oligarchen von der Kapitalerhöhung weitgehend auszuschliessen, fallen. Vekselberg kann für nicht ausgeübte Bezugsrechte bieten, wie sein Anwalt betonte.

Sagte Ja zur Sanierung: der russische Investor Viktor Vekselberg. Bild: Keystone/Alessandro Della Bella

Geeinigt haben sich die Milliardäre auf folgende Machtformel: Der Verwaltungsrat soll bei der Zuteilung neuer Aktien so verfahren, dass das Lager von Vekselberg am Ende höchstens noch 25 Prozent am Stahlkonzern hält, knapp 2 Prozent weniger als heute; Haefner darf von 17 Prozent auf maximal 37,5 Prozent erhöhen. Haef­ner soll also neu grösster Aktionär werden. Vekselberg hat dafür verhindern können, dass er zum wenig bedeutenden Aktionär absteigt.

37.5 Prozent der Aktien sind in seinem Besitz: Der Amag-Erbe Martin Haefner. Bild: PD

Ist damit alles paletti? Mitnichten. Viel wird davon ab­hängen, wie der Entscheid der Finanzmarktaufseherin Finma nächsten Montag ausfällt. Entbindet die Finma Haefner von der Pflicht, den übrigen Aktionären ein Kaufangebot für ihre Aktien zu machen, falls er seine Beteiligung über ein Drittel erhöht, dann dürfte dieser seine Beteiligung auf 37,5 Prozent erhöhen.

Präsident Alder warnt

Zudem soll der Oligarch einer Klausel zugestimmt haben, wonach Haefner auf über 37,5 Prozent aufstocken kann, falls die Kapitalerhöhung nicht die nötigen 325 Millionen Franken einbringt. Kurz: Haefner ist dem Ziel, den Stahlkonzern mit einer «Kontrollminderheit» zu regieren, ein Stück näher gekommen.

Bleibt die Finma aber hart und hält an der Angebotspflicht fest, dann wird es für Haefner teuer, wenn er die Beteiligung über ein Drittel erhöht und den übrigen Aktionären ein Kaufangebot machen muss. Das dürfte ihn laut Berechnungen von Bankern rund 390 Millionen Franken kosten, basierend auf der Kursentwicklung des letzten halben Jahres. Und dies zu einem Preis, der viele Aktionäre zum Verkauf bewegen würde.

Der Stahlkonzern werde eine «sehr harte Restrukturierung» überstehen müssen.

Zudem braucht die Stahlfirma 140 Millionen Franken Liquidität, die Haefner beschaffen müsste. Weiter müsste er die versprochene Finanzierung bereitstellen, weil wegen des Kontrollwechsels Obligationen über 350 Millionen Euro sofort fällig werden. Etwa die Hälfte dieser Anleihe müsste er wohl zurücknehmen, rechnet ein Finanzspezialist.

Nächste Woche wird nach dem Entscheid der Finma auskommen, wie es weitergeht. Erhält Haefner einen Freipass, wird sich zeigen, ob er den Stahlkonzern voll unter seine Kontrolle bringen will und ob er bereit ist, dafür einen hohen Preis zu zahlen. Oder ob er sich mit einer Beteiligung knapp unter einem Drittel zufriedengibt, mit dem Trost, dass Vekselberg als Grossaktionär künftig der Juniorpartner sein wird.

Aktionäre äussern sich zur Einigung: Video: Keystone-SDA.

«Schmolz + Bickenbach ist noch lange nicht über den Berg», warnte Präsident Alder am ­Montag die Aktionäre. Nach der Kapitalerhöhung verblieben «zahlreiche Risiken». Banken, Kreditversicherer, Lieferanten und Kunden seien «nervös» und müssten bei der Stange gehalten werden. Und der Stahlkonzern werde eine «sehr harte Restrukturierung» überstehen müssen.

Erstellt: 02.12.2019, 23:08 Uhr

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