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ETF-Fonds in der KritikDie unheimliche Macht der Billigfonds

Weltweit haben Anleger über 6 Billionen Dollar in die beliebten börsenkotierten Fonds investiert. Doch in der Krise können die Vehikel zu einem Problem werden.

Börsenhändler an der New Yorker Börse. ETF-Fonds halten einen zunehmenden Teil der Wertpapiere, was Probleme auslösen kann.
Börsenhändler an der New Yorker Börse. ETF-Fonds halten einen zunehmenden Teil der Wertpapiere, was Probleme auslösen kann.
Foto: Johannes Eisele/AFP 

Der Siegeszug der börsengehandelten Fonds – kurz ETF (Exchange Traded Funds) – ist ungebrochen. Laut Daten des Börsenbetreibers SIX haben Anleger in der Schweiz allein in den ersten drei Monaten solche Fonds in einem Volumen von fast 40 Milliarden Franken gehandelt. Diese Fonds sind beliebt, weil sie einen Index, z.B. den SMI, nachbilden und auf aktive Wertpapierauswahl verzichten. Daher sind sie bei den Kosten günstiger als aktiv gemanagte Fonds. Doch mitten im Corona-Crash an den Weltbörsen offenbarten die Anlegerlieblinge ihre dunkle Seite, mutierten zum Risiko für ganze Märkte.

Für Jörg Richter zerschellten im März zumindest ein paar alte Gewissheiten. Tausendfach hatten die ETF-Anbieter dafür geworben, dass sich ihre Papiere immer verkaufen lassen, hatten es dem Berater für grosse Familienvermögen sogar persönlich versichert. Doch als sich die Turbulenzen an den Märkten aufschaukelten, da konnte er nichts mehr auf die Werbesätze geben. In Sekundenschnelle kaufen und verkaufen, das ging plötzlich nicht mehr.

Für Richter ging es um eine stattliche Summe, er wollte Staatsanleihe-ETF auf den Markt werfen. Doch was er auf seinen Bildschirmen sah, konnte sich der Finanzexperte nicht erklären: Die Kurspfleger stellten stundenlang keine vernünftigen Kurse mehr. «Der Fonds war nicht mehr richtig handelbar», sagt Richter.

Um sein Problem zu verstehen, muss man wissen, wie die Kurse für ETF zustande kommen. Alle paar Sekunden stellen Kurspfleger An- und Verkaufspreise in die Börsensysteme, zum Beispiel: «Wer verkaufen will, kriegt von uns 84,10 Euro – wer den Fonds haben will, muss jedoch 84,20 Euro zahlen.» Die kleine Preislücke kann der Kurspfleger einstreichen.

Kaum noch sinnvolle Kurse

Doch an jenem Märztag lagen bei der Deutschen Börse nicht zehn Cent zwischen den Kauf- und Verkaufskursen, sondern schnell 70 Cent, dann mehr als 1 Euro. Für einige Sekunden sprang die Lücke sogar auf mehr als 4 Euro, so zeigen es Handelsdaten des Börsensystems Xetra. Auch an ausserbörslichen Handelsplattformen gab es kaum noch sinnvolle Kurse. Denn wenn die Kurspfleger dem Investor Richter den ETF abkaufen und nicht sofort ein Interessent zum Weiterverkaufen da ist, müssen sie zumindest kurz selbst ins Risiko gehen oder sich teuer absichern.

Früher hoben die Kurspfleger an solchen Tagen einfach das Telefon nicht ab, heute stellen sie Mondkurse. «Das sind reine Abwehrpreise», sagt Finanzprofessor Josef Zechner von der Wirtschaftsuniversität Wien. Das ETF-Haus Horizon warnte Anleger im März sogar: «Wir würden empfehlen, keine Anleihe-ETF zu traden.» Richter hatte am Ende nach einem Telefonmarathon mit Bank und ETF-Anbieter schlichtweg Glück, dass seine Order doch noch klappte.

Doch an den Finanzmärkten war niemand auf das Problem vorbereitet gewesen. Dass es bei dubiosen Schrottanleihen mit den Preisen ruckeln kann, sicher. Aber der ETF von Vermögensberater Richter sollte Schritt auf Tritt einem Index folgen, der amerikanische und europäische Staatsanleihen abbildet, Papiere solidester Qualität. Viele Anleger schätzen diese Sektoren, weil sie sich stets handeln lassen. Eigentlich.

Rohstoff-Fonds wirbelt Ölmarkt durcheinander

Tatsächlich hat bereits ein ETF einen ganzen Markt auf den Kopf gestellt. Ende April ging bei der Börsenaufsicht SEC in den USA ein kryptisches Schreiben ein. Ein paar wenig verständliche Sätze hatten dramatische Folgen. Fast verniedlichend stand das Wichtige in dem Schreiben unter Punkt 8.01, mit dem Titel «andere Ereignisse». John Love, der Chef eines ETF-Unternehmens, schrieb darin, dass er mit seinem Öl-ETF künftig nicht mehr auf amerikanisches Öl für eine Lieferung im Juni setze. Sondern auf Öl-Kontrakte für August, September und andere Monate. Aus Sorge, dass der Juni-Preis ins Negative kippen und ihm Verluste bescheren könnte.

Nur Eingeweihte verstanden, was Loves Nachricht für den Ölmarkt bedeutete: Dass der Preis für US-Juni-Öl an diesem Tag um 30 Prozent fallen würde. Denn ausgerechnet Loves ETF war in der Vorwoche zum vielleicht grössten Spieler am Ölmarkt geworden. Sein Börsenfonds besass laut Rechnungen des Datendienstes Bloomberg zwischenzeitlich rund ein Viertel aller Juni-Ölpapiere, bevor er mit dem grossen Ausverkauf begann. «Danach ist der Preis kollabiert», sagt Finanzprofessor Josef Zechner.

Die ETF als Treiber der Krise – die Anbieter der Papiere sehen das naturgemäss anders. «Das ETF-Konstrukt hat sich im Crash gut behauptet», sagt Sebastian Külps, Deutschlandchef des Branchenzweiten Vanguard. Ausgerechnet der Erfinder der ETF und Vanguard-Gründer Jack Bogle hatte 2018 jedoch selbst vor seiner eigenen Erfindung gewarnt. Die ETF-Giganten zu kontrollieren, sei «eines der grossen Themen der kommenden Ära». Bogle ist inzwischen verstorben, nur eine Statue erinnert auf dem Firmengelände von Vanguard noch an ihn. An ihr kommen die Mitarbeiter nicht vorbei.

2 Kommentare
    Panja Flöte

    Selbst bei nicht bedonders liquiden Aktien gibt es bei Crashs keine fairen Preise. Das ist also nicht ein Problem, dass nur bestimmte ETFs betrifft, sondern generell alle illiquiden Titel.

    Viele ETF-Besitzer sind Buy-and-Hold-Anleger, die ihre ETFs bei einem Börsencrash gar nicht verkaufen wollen. Wichtig ist, dass man sich auf keine exotischen Produkte einlässt. Bei ETFs soll der normale Anleger nur die „Brot-und-Butter“-ETFs kaufen (also z.B. ACWI, World, Emerging Markets, S&P 500, Europe etc.). Immer auf das durchschnittliche tägliche Volumen achten. Je grösser, desto liquider.