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Moderne ArchäologieDie Wahrheit liegt im Müllhaufen

Jahrhundertealter Abfall von Siedlungen in der israelischen Negev-Wüste zeigt, warum diese einst blühenden Orte tatsächlich verlassen wurden.

Das einst wohlhabende Bauerndorf Shivta wurde zwischen dem siebten und dem neunten Jahrhundert nach Christus verlassen. Es gehört zusammen mit weiteren Negev-Siedlungen aus byzantinisch-frühislamischer Zeit zum Unesco-Weltkulturerbe.
Das einst wohlhabende Bauerndorf Shivta wurde zwischen dem siebten und dem neunten Jahrhundert nach Christus verlassen. Es gehört zusammen mit weiteren Negev-Siedlungen aus byzantinisch-frühislamischer Zeit zum Unesco-Weltkulturerbe.
Foto: De Agostini (Getty Images)

In einer kleinen Stadt inmitten der kargen Negev-Wüste pulsierte vor etwa 1500 Jahren das Leben. Theater, Kirchen, öffentliche Bäder – die rund 20’000 Einwohner von Elusa bildeten eine reiche Kulturgesellschaft. Heute sind dort nur noch Ruinen und Müllberge zu sehen, auf denen die Menschen über Jahrhunderte Bauschutt, zerbrochene Krüge, Essensreste und Mist abluden. Und noch immer finden Archäologen dort Tonscherben, Olivenkerne und Dungsedimente aus der Antike. Alles hochinteressantes Material für die moderne Müllarchäologie. Denn es war vor 1500 Jahren nicht anders als heute: Was eine Gesellschaft wegwirft, verrät viel über sie.

In diesem Fall könnten die Überreste das Rätsel lösen, warum die einst blühenden Ortschaften untergingen. Ein internationales Forscherteam hat dazu Abfallsedimente aus drei der sechs grossen Negev-Siedlungen aus byzantinisch-frühislamischer Zeit untersucht: die Unesco-Weltkulturerbestätten Elusa und Shivta sowie das antike Dorf Nessana. Ebenso wie die Stadt Elusa wurden die beiden einst wohlhabenden Bauerndörfer Shivta und Nessana zwischen dem siebten und dem neunten Jahrhundert nach Christus verlassen. Dass die Abfallhügel, die ihre Mauern flankierten, seither nicht von neuen Siedlungen überdeckt wurden, macht sie für die Forschung besonders interessant.

Die einstige Müllkippe von Elusa ist noch heute als sanfter Hügel in der Landschaft erkennbar.
Die einstige Müllkippe von Elusa ist noch heute als sanfter Hügel in der Landschaft erkennbar.
Foto: Guy Bar-Oz

Niedergang wegen Klimaschwankungen gilt als unwahrscheinlich

Aber was führte zum Niedergang der ehemals florierenden Städte? Während frühere Studien den Aufstieg des Islam Mitte des siebten Jahrhunderts, die Ausbreitung der Justinianischen Pest oder einen Klimaumschwung durch Vulkanausbrüche als mögliche Ursache erforschten, haben die Wissenschaftler in der aktuellen Studie in «Plos One» die Spuren in den Müllhügeln mit schriftlich festgehaltenen Veränderungen im Wirtschaftssystem der Städte abgeglichen. Grosse Klimaschwankungen in der Region halten die Forscher inzwischen für unwahrscheinlich.

Nahaufnahme von einem Müllhügel in Elusa.
Nahaufnahme von einem Müllhügel in Elusa.
Foto: Guy Bar-Oz

Analysen von Sedimenten aus der Region legen nahe, dass das Negev-Hochland bereits seit mehr als 5000 Jahren trocken ist. «Auch Isotopenanalysen von Schaf- und Ziegenzähnen aus dem Negev zeigen eine unveränderte Futterqualität während der byzantinischen und frühislamischen Zeit, was auf Klimastabilität hindeutet», schreibt das Forscherteam.

Trotz schlechter Bedingungen betrieben die Menschen in der Negev-Wüste Ackerbau. Obstgärten, Terrassenfelder und Weinberge umgaben Dörfer und Städte.

Das Leben der Menschen in der Wüstenregion war karg, Ressourcen knapp. «In den Müllhügeln des Negev gibt es Aufzeichnungen über das tägliche Leben der Bewohner», sagt Guy Bar-Oz, Zooarchäologe an der Universität Haifa. Trotz schlechter Bedingungen betrieben die Menschen in der Negev-Wüste Ackerbau. Obstgärten, Terrassenfelder und Weinberge umgaben Dörfer und Städte. Byzantinische Texte loben den Gaza-Wein als süssen Weisswein, der aus dem Hafen von Gaza im Mittelmeerraum und darüber hinaus exportiert wurde. «Eine solche grossflächige Landwirtschaft konnte nur durch eine umfassende menschliche Transformation und Pflege der Landschaft aufrechterhalten werden», schreibt das Forscherteam. Dazu gehörte ein kompliziertes Bewässerungssystem und nachhaltiger Dünger.

Hausmüll und Kot auf den Feldern

Um aus Wüstenland Ackerland zu machen, verteilten die Menschen sowohl Hausmüll als auch Kot von Pflanzenfressern wie Schafen und Ziegen auf den Feldern. Entsprechend wenig Dung landete auf den Müllbergen, die sich an den Rändern der Ortschaften türmten.

Auch Olivenkerne, die Menschen vor mehr als tausend Jahren ausspuckten, haben auf einem Müllhügel vor Elusa die Jahrhunderte überdauert.
Auch Olivenkerne, die Menschen vor mehr als tausend Jahren ausspuckten, haben auf einem Müllhügel vor Elusa die Jahrhunderte überdauert.
Foto: Guy Bar-Oz

Heute besteht dieser uralte Abfall aus bunten Lehmschichten. Braune, gelbliche, rötliche, schwarze und graue Segmente wechseln sich ab. Meist ist der Lehm weich und schlammig, mal mit und mal ohne Kies. Etwa vom Jahr 550 an wurde in Elusa kaum mehr Müll entsorgt, offenbar wanderten die Menschen bereits ab. Nessana und Shivta hielten sich länger. Aber ihr Abfall veränderte sich bereits und dokumentiert den beginnenden Niedergang.

So nahmen die während der Blütezeit der Städte nur sehr geringen Mengen an Mistasche und Mistkugeln in spätbyzantinischer und frühislamischer Zeit stark zu. Die Menschen nutzten das in der Wüste so wertvolle Düngemittel in immer grösseren Mengen als Brennstoff, teils verbrannten sie Rohmist sogar in grossen Mengen auf den Müllhügeln. Kontrolluntersuchungen im Umland der Städte belegen zudem, dass der Dung auf immer weniger Flächen verteilt wurde.

Wendepunkt im Mistmanagement

Dieser Wendepunkt im Mistmanagement passt zusammen mit dem Inhalt von Schriftrollen aus frühislamischer Zeit, die in Nessana gefunden wurden. Sie belegen, dass die Dorfbewohner Mühe hatten, die steigenden Steuern zu zahlen, vor allem solche auf Ackerland und landwirtschaftliche Produkte. Nachdem auch noch christliche Pilgerreisen durch Nessana seltener wurden und Handelsnetze in der Region zusammenbrachen, war die marktorientierte Landwirtschaft schlicht nicht mehr rentabel.

«Die Entsorgung potenziell wertvoller Düngemittel zeigt, dass es kaum mehr einen Anreiz gab, Landwirtschaft über den privaten Bedarf hinaus zu betreiben», schreibt das Team um Bar-Oz. Der einstige Glanz der Siedlungen, die grünen Felder und Weinberge verkamen, immer mehr Menschen verliessen die Region. Und irgendwann wurde auch in Shivta und Nessana kein Abfall mehr auf den Müllkippen abgeladen. Im Lauf des achten und neunten Jahrhunderts verliessen auch die letzten Bewohner ihre Heimat. Zurück blieben verfallende Häuser – und der Müll.

13 Kommentare
    Rolf Rothacher

    Also werden Müllberge umgegraben und analysiert, um das zu bestätigen, was man bereits aus Schriftrollen kennt? Hat die Wissenschaft nichts besseres zu tun? Geht ihr die Arbeit aus?