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Stillstand wegen CoronaDie Wirtschaft will arbeiten

In der Corona-Krise intervenieren die Wirtschaftsverbände gemeinsam beim Bundesrat. So wollen sie den kompletten Stillstand verhindern. Ein Komitee fordert gar eine Normalisierung in zwei Schritten.

Noch wird die Bevölkerung dazu aufgerufen, daheim zu bleiben: Doch die Wirtschaft will, dass der Bundesrat ein Ende der Massnahmen vorbereitet.
Noch wird die Bevölkerung dazu aufgerufen, daheim zu bleiben: Doch die Wirtschaft will, dass der Bundesrat ein Ende der Massnahmen vorbereitet.
Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Es ist ein besonderer Brief, den besonderen Zeiten angemessen, adressiert an alle Bundesräte einzeln. Die Liste mit den Unterschriften, verteilt über zwei Seiten, ist länger als das eigentliche Schreiben. Erstunterzeichner ist Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer, aber signiert haben auch die Chefs der Arbeitgeber, des Gewerbes, der Hotellerie, der Banken, der Versicherungen, des Baus, der Pharma, der Uhren-, der Textil- und der Maschinenfabrikanten. Die geballte schweizerische Wirtschaftsmacht.

Neunzehn Namen unterstreichen den Ernst der Lage. Und ernst ist auch der Ton. «Für viele Unternehmen, insbesondere KMUs, und ihre Arbeitsplätze spitzt sich die finanzielle Lage bedrohlich zu», warnen die Verbandsvertreter vor den Folgen des Corona-Shutdowns.

Es drohen «dauernde Schäden»

Die Wirtschaftsführer fordern den Bundesrat auf, Betriebsschliessungen durch einzelne Kantone zu unterbinden. Die höchsten Verbandsvertreter machen in ihrer bislang nicht publik gewordenen Intervention zwar deutlich, dass sie die «drastischen Massnahmen» der Landesregierung zum Schutz der Bevölkerung unterstützen. Sie fürchten aber bei einer Ausdehnung einen Stillstand der Wirtschaft, der auch den Finanz- und Kapitalmarkt in Mitleidenschaft ziehen würde. Es drohen gemäss dem Schreiben «immense dauernde Schäden» und eine massiv geschwächte Wettbewerbsfähigkeit.

«Sehr dankbar wären wir für Corona-Tests und Schutzmasken.»

Aus dem Brief der Wirtschaftsvertreter an den Bundesrat

Die Verbandschefs wollen aber nicht nur weitere Einschnitte verhindern. «Sehr dankbar» wären sie auch, wenn den Firmen Corona-Tests und Schutzmasken, an denen es weltweit mangelt, zu Verfügung gestellt würden, damit sie weiterarbeiten können. «Ebenfalls gefragt ist der Blick voraus», heisst es gegen Ende des Schreibens. «Damit die wirtschaftlichen Kapazitäten und die umfassende Versorgung des Landes in Zukunft sichergestellt werden können, gehen wir davon aus, dass die Landesregierung sich bereits jetzt mit der konkreten Planung für die Rückkehr zur Normalität nach dem 19. April 2020 befasst.» Nur so liessen sich wirtschaftliche Schäden in Grenzen halten.

Bis zum 19. April gilt die «ausserordentliche Lage» gemäss Epidemiegesetz. Experten gehen davon aus, dass die bundesrätlichen Massnahmen über das Datum hinaus verlängert werden müssen. Ob das nötig wird, liess Bundesrat Alain Berset gestern offen. Bundesrat Parmelin sprach allerdings davon, dass es eine Normalisierung geben müsse, wenn die Gefahr gebannt sei.

Normalisierung in zwei Schritten

Wie eine Lockerung der Schutzmassnahmen aussehen könnte, skizziert die Gruppe Insidecorona.ch von rund hundert Medizinern und Unternehmern um den Arzt und Medtech-Unternehmer Stephan Rietiker. Die Gruppe fordert den Bundesrat wie die Wirtschaftsvertreter auf, jetzt die schrittweise und kontrollierte Lockerung der Massnahmen vorzubereiten. Weil die Jüngeren fast gar nicht vom Virus betroffen seien, sei ein komplettes Herunterfahren der ganzen Wirtschaft auf Dauer nicht nötig.

Mit Verweis auf mehrere Studien sagt Rietiker, es sei sogar sinnvoll, dass sich das Virus bei den Jüngeren kontrolliert ausbreite, auch um die Bevölkerung immun zu machen. «Sonst droht, dass wir alle paar Monate wieder einen Ausbruch des Virus erleben», sagt Rietiker.

Unternehmer Stephan Rietiker fordert, eine Lockerung der Sicherheitsmassnahmen vorzubereiten.
Unternehmer Stephan Rietiker fordert, eine Lockerung der Sicherheitsmassnahmen vorzubereiten.
Foto: Walter Bieri (Keystone)

Was hiesse das konkret? In einer ersten Welle, gemäss Rietiker sinnvollerweise noch im April, sollten Personen bis zum Alter von 40 Jahren wieder zur Arbeit gehen. Die Schulen würden wieder geöffnet. Das sei nicht gefährlich, findet Rietiker. Das Bundesamt für Gesundheit habe selber betont, dass die Kinder nicht die Treiber der Epidemie seien. Die Läden könnten ebenfalls wieder öffnen, Bau und Industrie weitgehend normal funktionieren.

«Wer das Virus gehabt hat, der kann normal arbeiten.»

Stephan Rietiker, Insidecorona.ch

Nach drei Wochen, also ungefähr Ende April oder Anfang Mai, würden in einer zweiten Welle auch die 40- bis 65-Jährigen wieder an die Arbeit gehen. Dann könnten auch Restaurants, Museen und Freizeitanbieter wieder aufmachen, findet Rietiker. «Wiederum drei Wochen später müssen wir mit grossflächigen Antikörpertests herausfinden, wie sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet hat», sagt Rietiker. Solche Tests stünden im Labor bereit und seien kurz vor der Einführung. Wer das Virus gehabt habe, sei mindestens eine gewisse Zeit lang geschützt.

Schon jetzt vermute man aufgrund von Untersuchungen eine hohe Dunkelziffer an Personen, welche das Virus in sich trügen und sich so immunisiert hätten. «Diese Personen können normal arbeiten», sagt Rietiker. Ziel sei, Ende Mai wieder ungefähr so arbeiten zu können wie vor der Krise. Nur Risikogruppen müssten unter Umständen noch länger geschützt werden. «Wenn aber grosse Teile der Bevölkerung immunisiert sind, dann ist auch das Risiko für sie kleiner.»

Es gehe ihm und seiner Gruppe darum, dass der Bundesrat nun nach der wichtigen ersten Reaktion auf das Virus ruhig und nüchtern überlege, wie er wieder eine Normalisierung erreichen könne. «Die Menschen und die Unternehmen müssen wissen, dass und wie es weitergeht», sagt Rietiker. Dann seien sie in der Lage, sich darauf einzustellen. Die Ungewissheit sei gefährlich. Die Schweiz habe die Chance, Fehler zu vermeiden und international eine Vorreiterrolle zu spielen.

93 Kommentare
    Sybille B.

    Interessanterweise sind die meisten derjenigen, die die Leute um jeden Preis so bald als möglich wieder zur Arbeit treiben und "durchseuchen" wollen, in einem Alter, wo sie selbst zu den gefährdeten Gruppen gehören. Stephan Rietiker (63), Arzt, macht sich wohl keine Sorgen, dass es auch ihn treffen könnte, weil er wahrscheinlich in seinem klimatisierten Büro sitzt, keine ÖV benutzt und mit Sicherheit nicht an der Front bei den ÄrztInnen und PflegerInnen anzutreffen ist, die um das Leben der Kranken kämpfen. Solche Leute sind doch unglaubwürdig.