Rorbas

Die Zeit der grossen Wanderungen steht erst noch bevor

Ulrich Tilgner ist Experte im Bereich Nahostpolitik und sprach am letzten Freitag im Embrachertal über Flüchtlingsströme. Ob wirtschaftliche Ausbeutung oder schlecht durchdachte Einmischung – den Westen würden heute mit den -Flüchtlingsströmen die Konsequenzen eigener Taten erreichen.

Der deutsche Journalist und Buchautor Ulrich Tilgner hielt am Freitagabend in Rorbas einen Vortrag.

Der deutsche Journalist und Buchautor Ulrich Tilgner hielt am Freitagabend in Rorbas einen Vortrag. Bild: Keystone

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Der Flüchtlingstisch Embrachertal lud letzten Freitagabend einen wahren Kenner des Nahostkonflikts und der heutigen Flüchtlingsproblematik ein. Der deutsche Journalist und Buchautor Ulrich Tilgner hatte 15 Jahre lang sein Büro in der jordanischen Hauptstadt Amman. Während des Zweiten Golfkriegs und des Irakkriegs war er Kriegsberichterstatter in Bagdad, er leitete das ZDF-Büro in Teheran und arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2015 für die «Tagesschau» und «10 vor 10» von SRF. Vorträge hält er sehr selten, zuletzt in Rorbas letzten Freitag.

Ulrich Tilgner bei Markus Lanz über die Entstehung des IS (Quelle: Youtube)

Der Titel seines Vortrags im Steigwiessaal mit 160 Besuchern: «Flüchtlingsströme und west­liche Politik. Ein Zusammenhang?» Dieser galt als rhetorische Frage, denn für Tilgner steht fest: «Es ist mehr als ein Zusammenhang, es ist eine riesige Verantwortung, die man nicht her­unter­spielen kann.» Der Westen müsse Rechenschaft ablegen und anerkennen, dass bei den Konflikten im Nahen Osten «die Spur immer wieder in den Westen führt».

Die Terrormiliz Islamischer Staat – laut Barack Obama eine direkte, wenn auch unbeabsichtigte Konsequenz der amerikanischen Irakpolitik – sei heute zwar aus dem Irak und dem Grossteil von Syrien auch dank den USA vertrieben. Dennoch seien die Kollateralschäden an Zivilbevölkerung und an Gebieten gerade durch die Luftangriffe der von den USA gebildeten internationalen Allianz massiv und mitverantwortlich für die desolate Lage im Land. «Tausende Dörfer sind zerstört und unbewohnbar, dorthin kann niemand zurückgehen», sagte Tilgner und erzählte, dass er während eines Besuchs in einem solchen Dorf wegen mög­licher versteckter Minen keine Hausruine betreten durfte.

Fluchtgrund: Unerträglichkeit

Die Überlebensdynamik, die für Flüchtende aus den Kriegsgebieten entstehen würde, sei aus Notwendigkeit eine «systematische Erziehung zur Lüge. Die meisten Menschen, die flüchten, können gar nicht die Wahrheit sagen.» Denn der Fluchtgrund sei für die meisten die absolute Unerträglichkeit der Zustände, oft nicht allein Verfolgung oder Krieg. «Wenn in Ihrem Land alles zerstört ist und sie nicht wissen, was morgen wird, würde jeder von uns auch gehen», sagte Tilgner dem Publikum.

USA setzen auf Verbündete

Er zog die Verantwortung der USA für den Ausbruch des Konflikts ins Zentrum und zeigtedie Abkehr im amerikanischen Selbstverständnis vom «Demokratieexport», wie es George W. Bush während des Irakkriegs verstand. So würden die Amerikaner seit Obama einen anderen Ton anschlagen. Donald Trump sei auch nicht bereit, so Tilgner,mit militärischen Alleingängen Demo­kratie im Nahen Osten ­erzwingen zu wollen. «Amerika arbeitet mit Verbündeten und Partnern in Ländern, in denen Terroristen Fuss fassen wollen.» Die Bodentruppen der Stammeskrieger der schiitisch-arabischen Milizen sind für Tilgner auch der essenzielle Faktor im Kampf gegen den IS.

Tilgner nannte viele Zahlen, dar­unter die vorläufige Bilanz des Syrienkriegs: Von 20 Millionen Syrern haben 5,5 Millionen das Land verlassen, 6,3 Millionen ­gelten als Flüchtlinge im eigenen Land, mindestens eine halbe ­Million wurden getötet. Seit dem Irakkrieg 2001 starben in Afghanistan, Pakistan und Irak laut dem Watson-Institut der Brown-Universität knapp 400 000 Zivilisten.

Flüchtlingswellen aus Afrika

Neben den Kriegswirren kommen laut Tilgner auch klimatische und demografische Hürden auf Europa zu. «Die meisten Flüchtlinge heute kommen aus Afrika.» Südlich der Sahelzone ­jage eine Dürre die nächste, die Bevölkerungszahlen explodieren (allein in Afrika um 4 Milliarden bis zum Ende des Jahrhunderts), und die Einmischung des Westens in die politischen Konflikte wie den Arabischen Frühling trage weiteres zur Destabilisierung bei.

Lösungen für nachhaltigen Aufbau der Länder wie den Stopp von westlichen Waffenlieferungen, eine gerechte Wirtschaft und eine Abkehr von laut Tilgner nicht funktionierender Entwicklungshilfe nannte der Experte zwar, sagte aber nüchtern: «Die Wanderbewegung geht weiter. Wir kennen erst den Anfang.»

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 13.11.2017, 09:29 Uhr

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