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Kolumne TribüneDie Zeit läuft…

Unserer Kolumnistin wird einmal mehr bewusst: Die Zeit vergeht nicht für alle gleich schnell. Und sie kennt nur eine Richtung.

Wo ist die Zeit geblieben? Zwischen diesem Bild von Eva Ashinze und der aktuellen Kolumne liegen auch schon über anderthalb Jahre.
Wo ist die Zeit geblieben? Zwischen diesem Bild von Eva Ashinze und der aktuellen Kolumne liegen auch schon über anderthalb Jahre.
Foto: Madeleine Schoder

Es ist November. Mehr als fünf Sechstel des Jahres sind vorbei, und ich weiss nicht so genau, wo sie hingekommen sind. Eben noch war Januar, und man musste sich an die neue Jahreszahl gewöhnen, nun naht die nächste Weihnachtszeit.

Die meisten kennen das Phänomen, dass die Zeit schneller zu vergehen scheint, wenn man älter wird, wohl wissend, dass dies eigentlich nicht sein kann, denn der 17-Jährige, der nicht schnell genug 18 – endlich volljährig! – werden kann, lebt in derselben Zeit wie der 55-Jährige, der die 60 im Eiltempo nahen spürt und dem nichts dagegen hilft, nicht einmal, dass er sich einen jugendlichen Look zulegt und die gleichen Sneakers trägt wie sein 17-jähriger Sohn.

Je mehr neue Eindrücke wir erleben, desto mehr bleiben davon im Gedächtnis hängen – das lässt den Zeitraum rückblickend länger erscheinen.

Die Zeit ist eine physikalische Grösse, sie läuft stetig und unaufhaltsam. Wir Menschen teilen die Zeit in Einheiten ein – Sekunden, Minuten, Stunden; sie ist wichtig für unser Verständnis der Welt. Angesichts der Tatsache, dass die Menschen dieselbe Zeit äusserst unterschiedlich empfinden, ist es dennoch keineswegs eine Zeit, in der wir leben. Es gibt ein subjektives Zeitempfinden, das nichts mit dem Ticken physikalischer Uhren zu tun hat. Psychologen definieren die Zeit als eine Dimension der Wahrnehmung des Erlebens: Je mehr neue Eindrücke wir innerhalb eines Zeitraums erleben, desto mehr bleiben davon im Gedächtnis hängen und lassen den verstrichenen Zeitraum rückblickend länger erscheinen. In jungen Jahren passiert vieles das erste Mal: Der erste Schultag, der erste Kuss, das erste Bier, die ersten Ferien ohne Eltern – all das ist aufregend. Mit dem Alter nimmt die Anzahl der neuen, aufregenden Eindrücke ab, was zum beschleunigten Zeitempfinden führt.

Im Angesicht des Todes vergeht die Zeit langsamer – das zeigt ein Experiment.

Im Angesicht des Todes aber vergeht die Zeit wieder langsamer – das behauptet ein amerikanischer Wissenschaftler. Um seine These zu stützen, stürzte er Freiwillige 50 Meter in die Tiefe in ein Fangnetz. Die Probanden, die Todesängste ausgestanden hatten, schätzten die Sekunden, während derer sie sich im freien Fall befanden, doppelt so lang ein, wie sie wirklich waren. Für sie verging die Zeit gedehnt langsam.

Zeit ist also relativ, das wissen wir bereits durch Einstein. Mal vergeht sie schneller, mal langsamer. Sicher ist, dass die Zeit nur in eine Richtung verläuft. Im Raum können wir umkehren, in der Zeit nicht. Die Zeit läuft von der Vergangenheit, die wir erforschen können, in die Zukunft, die offen ist, von der Geburt zum Tod. Was einmal geschah, ist vorbei. Unwiederbringlich.