Zum Hauptinhalt springen

Vergleich mit Spanischer Grippe Die zweite Welle war die schlimmste

Die Spanische Grippe forderte 1918 Dutzende Millionen von Menschenleben. Wie heute wurde die «Diktatur der Wissenschaft» kritisiert. Auch andere überraschende Ähnlichkeiten gibt es.

Notlazarett in Zelten auf einer Grünfläche in Brookline, Massachusetts, USA. Die Aufnahme entstand im Oktober 1918.
Notlazarett in Zelten auf einer Grünfläche in Brookline, Massachusetts, USA. Die Aufnahme entstand im Oktober 1918.
Foto: Keystone

Wenn man Buchhändler fragt, welche Werke in diesen aussergewöhnlichen Wochen stark nachgefragt werden, nennen sie oft drei Titel: Der «Decamerone» von Giovanni Boccaccio, «Die Pest» von Albert Camus und «1918. Die Welt im Fieber» von Laura Spinney.

Letzteres Werk war nach dem Ausbruch des Coronavirus schnell vergriffen, und so hat der Münchner Hanser-Verlag eine Neuauflage in Auftrag gegeben. Nun kommt das Buch, das auf der Bestseller-Liste des «Spiegels» steht, bereits in der fünften Auflage wieder in den Handel, und wer es liest, erfährt viel Wissenswertes. Nicht nur darüber, weshalb die Spanische Grippe fälschlicherweise so heisst, sondern auch, wieso China, Frankreich und die USA als eigentliche Ursprungsländer infrage kommen.

Die englische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney hat für ihr Projekt jahrelang auf allen Kontinenten recherchiert und eine Art Panorama der Pandemie entworfen: von Bombay über Tokio bis nach London und New York. Weltweit erkrankte jeder dritte Mensch an der Influenza, und man schätzt, dass 50 bis 100 Millionen daran gestorben sind.

Da der Erste Weltkrieg 17 Millionen und der Zweite Weltkrieg 60 Millionen Menschenleben gefordert hat, bezeichnet die 48-jährige, heute in Paris lebende Autorin die Spanische Grippe als die grösste Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Dezember 1918: Vorsichtsmassnahmen im öffentlichen Nahverkehr in Seattle, Washington.
Dezember 1918: Vorsichtsmassnahmen im öffentlichen Nahverkehr in Seattle, Washington.
Foto: Keystone

Obwohl sich die Welt in den letzten 100 Jahren stark verändert hat, sind die Empfehlungen zum Umgang mit Viren fast gleich geblieben. Insbesondere hinsichtlich dessen, was zu tun ist, um das Schlimmste zu verhindern: zu Hause bleiben und Abstand wahren.

Die weitverbreitete Angst, die heute vor einer zweiten Corona-Welle herrscht, könnte gar im kollektiven Unbewussten gespeichert sein: Denn im Herbst 1918 hat die Spanische Grippe, die im Frühjahr erste Opfer gefordert hatte, mit voller Wucht zugeschlagen. Erst zwei Jahre später war das Virus ganz verschwunden.

In dem 2017 auf Englisch erschienenen Buch gibt sich Laura Spinney denn auch keinen Illusionen hin: Sie prophezeite neue Pandemien in absehbarer Zeit, zumal durch die Globalisierung die Übertragungswege und -zeiten kürzer geworden und natürliche Cordons sanitaires auf ein Minimum geschrumpft seien.

Der Erste Weltkrieg trug zur aussergewöhnlichen Virulenz des Virus bei.

Klar habe der Erste Weltkrieg die Menschen in Europa geschwächt und damit anfälliger gemacht für eine Erkrankung, aber die Spanische Grippe grassierte nicht nur in kriegsversehrten Ländern, sondern auf der ganzen Welt (Europa und Nordamerika verzeichneten sogar die tiefsten Todesraten, wogegen Indien mit 13 bis 18 Millionen die meisten Menschen verlor).

Die Wissenschaftler seien sich einig, «dass das ursächliche Ereignis, das Überspringen des Erregers vom Vogel auf den Menschen, auch dann eingetreten wäre, wenn sich die Welt nicht im Krieg befunden hätte». Aber der Krieg, so fährt Spinney weiter, habe zur aussergewöhnlichen Virulenz des Virus beigetragen und geholfen, es um die ganze Welt zu tragen: «Es lässt sich kein effektiverer Verbreitungsmechanismus denken als die Truppendemobilisierung mitten in der Herbstwelle, als zahllose Soldaten in sämtliche Himmelsrichtungen in ihre Heimat zurückfuhren und dort von jubelnden Menschenmengen empfangen wurden.»

Wie viele Opfer eine Pandemie fordere, hänge darum entscheidend von der aktuellen Weltlage ab und vom Zustand der Gesundheitssysteme.

Angriffe aufs Establishment

Wie heute hatten auch damals Vorwürfe an die Politiker Hochkonjunktur. Die Behörden, so fasst Spinney etwa die Kritik an der brasilianischen Regierung zusammen, hätten die Gefährlichkeit der Krankheit, die doch nur alte Menschen dahinraffe, übertrieben, um eine Diktatur der Wissenschaft errichten und die Bürgerrechte mit Füssen treten zu können.

Dass vor allem junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren von der Spanischen Grippe betroffen waren, kümmerte die Kritiker nicht. Während solche Angriffe auf das sogenannte Establishment gleich geblieben sind, ebenso die Diskussion über Sinn und Unsinn von Masken, sorgte der damals noch weitverbreitete katholische Glauben für einen schmerzlichen Unterschied.

«Die grösste Überlebenschance bot egoistisches Verhalten.»

Autorin Laura Spinney

Insbesondere in Spanien, wo zahlreiche Geistliche Messen zum gemeinsamen Gebet gegen die Pandemie in übervollen Kathedralen abhielten, hatte das Virus leichtes Spiel. So verzeichnete etwa die im Norden des Landes gelegene Stadt Zamora eine doppelt so hohe Verlustrate wie der nationale Durchschnitt.

Der Bischof, der in der Pandemie den «rächenden Arm der ewigen Gerechtigkeit» für die Sünden und Verfehlungen sah, lud allabendlich zum Gedenken an den heiligen Rochus ein. Während der Zeremonien küssten die Gläubigen nacheinander die Reliquien des Schutzpatrons der Pestkranken. An solchen Anlässen und bei dicht gedrängten Prozessionen mit Tausenden von Schaulustigen fand der Parasit reichlich Nahrung, um sich in kurzer Zeit zu verbreiten.

Das amerikanische Rote Kreuz im Einsatz in St. Louis, Missouri, im Oktober 1918.
Das amerikanische Rote Kreuz im Einsatz in St. Louis, Missouri, im Oktober 1918.
Foto: Keystone

Besser informierte Kreise vor allem unter den Wissenschaftlern wussten schon damals, dass sich das Virus weniger schnell verbreiten konnte, wenn die Menschen auf Distanz zueinander gingen. «Die grösste Überlebenschance bot absolut egoistisches Verhalten», pointiert die Autorin.

Denn wenn alle zu Hause geblieben wären, «wäre die Zahl infektionsanfälliger Personen rasch immer mehr gesunken, bis die Epidemie von selbst erloschen wäre». Und Laura Spinney kritisiert: Während der technologische Fortschritt die Massentötung auf den Feldern überhaupt ermöglicht habe, sei es der Wissenschaft nicht gelungen, das millionenfache Sterben durch das Virus zu verhindern

Laura Spinney: 1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Aus dem Englischen von Sabine Hübner. Carl-Hanser-Verlag, München 2018. 377 S., ca. 39 Fr.

73 Kommentare
    F.Bohl

    Hören Sie bitte endlich auf, Äpfel mit Birnen zu vergleichen! Machen Sie doch bitte endlich Ihre Augen auf. Die spanische Grippe hat Menschen jedes Alters tödlich getroffen. Corona verläuft nur für sehr alten Menschen oder ohnehin für sehr schwer chronisch Erkrankten tödlich. Und selbst aus dieser Gruppe überleben die meisten Corona. Wobei auch bei Verstorbenen sind die Wissenschaftler aktuell untereinander nicht einig, ob die Menschen von Corona Virus oder mit Corona Virus sterben d.h. sowieso dieses Jahr sterben würden. Egal wie, aber selbst wenn die alten Menschen von Corona sterben, kommt die bisher einzige empirische wissenschaftliche Studie aus Heinsberg in Deutschland auf die Sterberate von 0.37 Prozent.

    Ach ja, beim Vergleich der Länder mit und ohne Lockdown machen Sie sich bitte den Gefallen und vergleichen Sie bitte die Sterbezahlen und andere Kurven zwischen UK, Belgien und Schweden. Warum nach USA schauen, wo auch nicht nachgewiesen ist, dass die dortigen Staaten mit Lockdown besser abschneiden als die ohne Lockdown.

    Das Gesamtbild sieht für mich wohl so aus:

    Die aktuelle politische und mediale Diskussion führt zur Steigerung der Ängste und weiteren irrattionalen Handlungen auf privaten und politischen Ebene. Social Distancing und Einsamkeit schwächt die Immunität, haben die früheren wissenschaftlichen Studien gezeigt. Deshalb wird die Sterblichkeit vor allem bei isolierten alten Menschen tatsächlich steigen! Der wirtschaftliche Schaden, den wir uns Menschen jetzt antun ist fast irrepparabel. Wir Menschen vernichten uns wegen Herden Panik und Angst mehr als das Virus das tut. Die Angst, Furcht und Panik (bewusst oder unbewusst), führt und zu Äpfel-Birnen Vergleichen, schaltet wohl unseren Verstand und Vernunft aus und führt zu eher suizidalen als lebenserhaltenden Massnahmen...