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Kolumne TribüneDrei Küsschen für immer

Die «Landbote»-Kolumnistin Franziska von Grünigen nimmt Abschied von Hansjörg. Ihr ist trotzdem warm ums Herz.

An einem Tag im Sommer blieb Hansjörg sitzen: «Ha Chrebs», sagte er.
An einem Tag im Sommer blieb Hansjörg sitzen: «Ha Chrebs», sagte er.
Foto: Stefan Bohrer

Es verging kaum ein Tag, an dem ich Hansjörg nicht begegnete. Hansjörg, mein Nachbar aus der Lebensgemeinschaft Chupferhammer, der betreuten Wohngruppe in meiner Siedlung. Ein Bär von einem Mann. Stark, stattlich, behäbig.

Wir hatten uns kurz nach meinem Einzug vor rund 4,5 Jahren kennen gelernt, und seither verband uns ein Ritual, das jedes Mal mein Herz erwärmte: Wann immer ich in 30 Meter Radius von Hansjörg auftauchte, rief er meinen Namen und kam auf mich zu, um mir die Hand zu schütteln und drei Küsschen auf die Wangen zu geben.

Dafür liess er alles stehen und liegen. Er unterbrach seine Gespräche, verliess Besprechungen, legte seine Arbeit nieder. Es waren feuchte Küsschen von Herzen. Dazu ein bis zwei Minuten Smalltalk. Wie gaats? Was machsch? «Ha Ruggewee», sagte er öfter, und seine tiefen Augenringe liessen ahnen, dass die Nacht nicht erholsam war.

«Chli d Hand hebe.»

«Seisch em Maa en Gruess», beauftragte er mich jeweils, verabschiedete sich wiederum mit drei Küsschen und machte dort weiter, wo er zwei Minuten zuvor aufgehört hatte. Diese Küsschen-Intermezzi, zwei- bis dreimal am Tag, machten mir Freude. Hansjörgs so offensichtlich gezeigte Zuneigung amüsierte mich und schmeichelte mir gleichermassen.

An einem Tag im Sommer blieb er sitzen, als ich an seinem Gartensitzplatz vorbeiging. «Hansjörg, gaat s nöd guet?» Er sah schlecht aus. «Nei. Ha Chrebs», sagte er – einsilbig wie so oft. Das nächste Mal besuchte ich ihn im Spital. Aus dem stattlichen 47-Jährigen war unterdessen ein schmaler Wurf geworden. Er vermisse seine Mitbewohner aus dem Chupferhammer, seufzte er, während ich ihm die Füsse massierte.

Kurz darauf verliess er das Spital. «Er möchte daheim sterben», sagte mir einer der Betreuer. «Daheim», das sei hier, in seiner Wohngruppe. Tag für Tag sass Hansjörg in den folgenden Wochen draussen, auf dem WG-Sitzplatz, umgeben von seinen Mitbewohnern, die ihn auf beeindruckende Art und Weise durch seine Krankheit begleiteten.

In seinem Liegestuhl liegend, den Blick in die Wolken, seine Freunde um sich herum, brachte Hansjörg den Tod auf wunderbar selbstverständliche Art direkt in die lebhafte Siedlung. Die einen Nachbarn setzten sich auf einen Schwatz zu ihm, andere winkten ihm im Vorbeigehen zu, mit Kindern entwickelten sich aufgrund seiner Präsenz Gespräche über Krankheit und Tod.

Aber irgendwann war ihm nach mehr Ruhe. Ich besuchte ihn jeweils nur noch für wenige Minuten in seinem WG-Zimmer. «Chli d Hand hebe», flüsterte er. Und drei Küsschen zur Begrüssung und zum Abschied. Ehrensache.

Die letzten drei Küsschen gab ich Hansjörg diesen Dienstag zum Abschied für immer. Seine Wangen waren da bereits kalt. Warm ums Herz wurde mir dabei trotzdem.

Franziska von Grünigen ist Radiofrau, Audiobiografin und Winterthurerin.