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Landluft-KolumneEichelfrau
pflückt halbtags
Schaffellen

Verstehen geht oft übers Hören. Doch manchmal verhört man sich auch – nicht nur als Kind.

«Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache», sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Wollen wir also ein Wort verstehen, müssen wir die Regeln lernen, wie wir dieses Wort zu gebrauchen haben. «Tisch» verstehen wir nur, weil wir gelernt haben, dass dieses Ding da mit den vier Beinen so genannt wird. Die Gesellschaft könnte auch übereinkommen, den Vierbeiner fortan «Stuhl» zu nennen – und ebendiesen «Tisch». Ein Abtausch der Wortbedeutungen.

Als Kind muss man solche Sprachregeln erst lernen, Wort für Wort. Als ich noch nicht lesen und schreiben konnte, missverstand ich so einiges. Da war zum Beispiel das Halbtax-Billett. Ich meinte, dass man damit nur halbtags herumfahren dürfe und um Mittag wieder zu Hause sein müsse. Oder beim Ruf des Vogels Eichelhäher, sprich «Eichelherr», fragte ich einmal meine Eltern, wo denn die «Eichelfrau» sei. Und eine Redaktionskollegin schrieb als Kind «an einem Pfirsich» in ihr Tagebuch – sie meinte «an und für sich».

Als ich beim «Landboten» begann, durchforstete ich die Baugesuche in den Mitteilungsblättern der Gemeinden. «Carport» stand da. Echt jetzt? So was wird hier gebaut? Und wieder stiess ich auf das Wort – das kann nicht sein: Die bauen so viele Hallen für Cars, also Reisebusse? Dass ein «Carport» ein simpler Unterstand für Autos ist, lernte ich so. Oder kürzlich las ich das Wort «Schaffelle», auch von «biologisch» stand da etwas. Ah, eine Kirsche, wie diese Schattenmorelle. Oh, doch nicht: Jemand verkaufte Felle von Schafen aus biologischer Haltung. «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt», sagte Wittgenstein.