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Nachruf auf David GraeberEin Anarchist mit Charme

Er wollte das gute Leben nicht den Reichen überlassen, sondern auf möglichst viele verteilen. Nun ist David Graeber, Autor von «Schulden» und «Bullshit Jobs», mit 59 Jahren gestorben.

 Auf Besuch in Zürich: Der Anthropologe und Anarchist David Graeber im September 2018.
Auf Besuch in Zürich: Der Anthropologe und Anarchist David Graeber im September 2018.
Foto: Urs Jaudas

In dem Buch, mit dem David Graeber 2011 die Weltbühne betrat, schrieb er etwa über die Sumerer vor 5000 Jahren. Die Sumerer setzten eine frühe Geldform ein, den Silber-Schekel. «Die Tempelverwalter kalkulierten damit Pacht und Schulden, das war faktisch Geld», so der Autor. Dass mancher Bauer in Verbindlichkeiten versank, bestärkte Graeber in seiner These: Geld drückt Unterdrückung aus.

Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise forderte er den weltweiten Erlass von Krediten, weil sie nur ein Instrument der Herrschaft seien. «Schulden – die ersten 5000 Jahre» wurde ein Bestseller. Schon sein Vater war Anarchist, erzählte Graeber 2018 im Interview. «Mein Vater sah bei den Linken im Spanischen Bürgerkrieg, dass das funktioniert.»

Job in Yale verloren

Als Anthropologe in Madagaskar fand sich der Sohn bestätigt: «Als die Polizisten verschwanden, lief alles gut weiter.» Gruppen ohne klassische Hierarchien zu erforschen, etwa Kurden im Irak, blieb einer seiner Schwerpunkte. Wobei er manchem zu radikal wurde, so sah er es jedenfalls. 2007 verlor «einer der grössten Denker unserer Zeit», wie ihn der Historiker Rutger Bregman nannte, seine Professur an der berühmten Yale University.

Danach lehrte er Anthropologie in London. In New York half er, die verbreitete Wut über den Turbokapitalismus zu artikulieren. Graeber erfand für die Occupy-Bewegung den Slogan: «Wir sind die 99 Prozent!» Dass daraus keine Massenbewegung wurde, schreibt Graeber der Polizeigewalt gegen den Protest zu. Als Teil der Repression sei er aus der Wohnung geflogen, in der er seit 1962, damals war er ein Jahr alt, gewohnt habe.

Die Bullshit-Jobs

Graeber war radikal gegen den Kapitalismus, aber er war es mit einem Charme, der anderen abgeht. Nie laut, immer ein freundliches Lächeln, ein selbstironischer Witz. Und das gute Leben bloss nicht den Reichen alleine überlassen, sondern auf möglichst viele verteilen.

Bei einer Lesereise in die Berliner Paris Bar eingeladen, erfuhr er, dass sein Tischnachbar es nicht wagte, auf Kosten des Verlags Austern zu bestellen wie er. Sofort rief er den Keller: «Noch einmal Austern, bitte!»

Graeber lieferte den Slogan: Occupy-Wall-Street-Demonstration in New York, November 2011.
Graeber lieferte den Slogan: Occupy-Wall-Street-Demonstration in New York, November 2011.
Foto: Keystone

Im Werk «Bürokratie» von 2015 wagte er eine Kritik der Verwaltung von links – sonst eine Domäne der Konservativen. Die Administrative paktiere mit Konzernen, um den Neoliberalismus global durchzusetzen. Um diese Zeit fragte der Chef eines radikalen Magazins, ob er eine radikale These habe, die sonst keiner drucke? Graeber hatte: Millionen Jobs von heute seien nutzlos für die Gesellschaft und frustrierend für den Einzelnen.

Mittels dieser Jobs maximierten Chefs ihre vorgetäuschte Bedeutung – und schickten dann Mitarbeiter ins Kaufhaus, um für die eigene Ehefrau Geschenke zu kaufen. Oder beschäftigten Telefonisten an einer Rezeption, an der nur einmal am Tag jemand anrufe. Aus dem Aufsatz wurde das Buch «Bullshit-Jobs». Firmen im Kapitalismus handeln unvernünftiger, als sie uns glauben machen, so Graeber. Während Arbeiter oder Putzfrauen für wenig Lohn schuften, wird das grosse Geld anderswo verdient, bei Banken, Versicherern, Immobilienfirmen.

«Die verdanken ihre Gewinne oft nicht dem Markt, sondern staatlichen Entscheidungen. Sie schaffen Jobs, und seien es sinnlose Verwaltungsjobs, weil sie dafür Applaus von Politikern kriegen.»

Ein «sicheres Zuhause»

Graeber stützte seine These weniger auf Empirie als auf die Anekdoten von Bullshit-Jobbern, die ihm schrieben. Dass man dies aus wissenschaftlicher Sicht kritisieren könnte, wischte er im Gespräch mit dem selben Charme weg wie immer. Zu später Stunde hatte er einst erzählt, er bekomme für das Buch 350 000 Dollar Vorschuss.

Und was macht ein Anarchist damit? In London ein Haus kaufen. Das sei überhaupt nicht kapitalistisch. «Ich möchte einfach ein sicheres Zuhause.» Schließlich hätte ihn die Staatsgewalt ja damals in New York aus der Wohnung geworfen.

Wie seine Ehefrau am Donnerstagnachmittag auf Twitter mitteilte, starb Graeber tags zuvor mit nur 59 Jahren aus noch unbekannten Gründen: «Yesterday the best person in a world, my husband and my friend David Graeber died in a hospital in Venice».

15 Kommentare
    sdf

    ein brillanter Kopf und äusserst sympathischer und humorvoller Mensch. ein grosser Verlust für die Menschheit.