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Krimi der WocheEin Hacker unterwandert Neonazis

In seinem Hightech-Krimi «Hier ist Gomorrha» zeigt der Technologiephilosoph Tom Chatfield, wie sehr sich im Internet Identitäten manipulieren lassen. Und wie weit Überwachung gehen kann.

Hacker Azi Bello begibt sich auf die digitalen Spuren von Neonazis, dem Islamischen Staat und Geheimdiensten.
Hacker Azi Bello begibt sich auf die digitalen Spuren von Neonazis, dem Islamischen Staat und Geheimdiensten.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

Zuvor waren sie Cousins.

Das Buch

Die Digitalisierung beschleunigt sich und verändert laufend mehr Lebensbereiche. Nur in der Kriminalliteratur spürt man noch nicht viel davon. Da spähen die meisten Ermittler immer noch durch Türspalte. Für die Beschaffung digitaler Daten haben die Kommissare eine junge Kollegin, «die gut mit Computern kann», und die nicht beamteten Ermittler halten sich einen jungen Nerd warm, der ihnen die benötigen Informationen herzaubert. Viele Autoren haben schon mit der fortgeschrittenen Smartphone-Technologie Mühe und sind von den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz vollends überfordert. Um die digitale Welt in einem Roman glaubwürdig darzustellen, muss man sich damit nicht nur auskennen, sondern sie verständlich vermitteln können.

Einer, der das kann, ist der englische Technologiephilosoph Tom Chatfield, der bisher Sachbücher wie «50 Schlüsselideen Digitale Kultur» geschrieben hat. Der Held seines ersten Romans «Hier ist Gomorrha» ist ein Hacker. Von einem Gartenschuppen in London aus bewegt sich Azi Bello mittels eines Haufens selbst zusammengebauter Technik in der virtuellen Welt wie ein Fisch im Wasser. Zu seinen Projekten gehört die Unterwanderung einer Neonazi-Organisation mit einer digitalen Fake-Identität.

Plötzlich wird er aus seinem Einsiedlerleben herausgerissen. Eine Hacker-Kollegin bittet ihn um Hilfe. Nicht online, sondern von Angesicht zu Angesicht. Azi, der sich als «nicht für die reale Menschenwelt geschaffen» sieht, vergisst den Hacker-Grundsatz, dass man keinem trauen kann. Und steckt mitten in einer wilden Geschichte um den Islamischen Staat und Neonazis, in der Geheimdienste herumwursteln. Dies führt ihn aus seinem Schuppen nach Berlin und Athen und schliesslich ins kalifornische Silicon Valley. Das Gomorrha im Romantitel erweist sich als eine Art «Ebay des Bösen» im Darknet.

Der Hightech-Krimi ist spannend und actionreich. Und immer wieder witzig. Dass Azi aber gleich halb Europa vor einer Machtübernahme retten muss, ist etwas gar dick aufgetragen. Und vor allem in den ersten Kapiteln wird (zu) viel erklärt. Doch der Roman führt auch eindrücklich vor, was mit der digitalen Technologie alles möglich ist. Wie weitreichend die Möglichkeiten sind, uns zu überwachen und unsere Spuren im Netz zu manipulieren und zu missbrauchen. Und wie abhängig vom Internet wir längst sind. Wenn auch vielleicht noch nicht so extrem wie Azi, der von Agenten vorübergehend vom Netz getrennt wird: «Seit seinem vierzehnten Altersjahr war er noch nie so lange offline gewesen. Es fühlt sich an, als wäre sein Gehirn geschrumpft.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamtwertung: ★★★☆☆

Der Autor

Spielt gerne Pianojazz: Technologiephilosoph Tom Chatfield.
Spielt gerne Pianojazz: Technologiephilosoph Tom Chatfield.
Foto: Antony Irvine

Tom Chatfield, geboren 1980 in England, studierte englische Literatur und Philosophie am St John’s College in Oxford, wo er 2006 doktorierte. Er forscht in den Bereichen digitale Kultur, Ethik der Technologie, Critical Thinking, Games und Spiele, Technologie und Gesellschaft. Er ist Technologie-Kolumnist bei der BBC und gefragt als Berater und Redner in aller Welt.

Sein erstes Buch, «Fun Inc.» (2010), befasste sich mit der Rolle von Videospielen in der zeitgenössischen Kultur. Seitdem hat er über die Beziehungen von Technologie zu Sprache, Politik und Wirtschaft geschrieben. Er veröffentlichte mehrere Bücher über digitale Technologie. Sein bekanntestes Buch ist «Critical Thinking» (2017).

Auch auf Deutsch erschienen sind «Wie man im digitalen Zeitalter richtig aufblüht» (2012), «50 Schlüsselideen Digitale Kultur» (2013) und «Live This Book!» (2017).

«This Is Gomorrah» (2019; in den USA: «The Gomorrah Gambit») ist sein erster Roman; er wurde nebst ins Deutsche in mehrere weitere Sprachen übersetzt.

Wenn er nicht arbeite, spiele er Pianojazz und trinke zu viel Kaffee, schreibt Tom Chatfield auf seiner Website. Er lebt in der englischen Grafschaft Kent.

Tom Chatfield: «Hier ist Gomorrha» (Original: «This Is Gomorrah», Hodder & Stoughton/Hachette, London 2019). Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein. Rowohlt Polaris, Hamburg 2020. 396 S., ca. 24 Fr.