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Bürgermeisterin in RusslandEine Frau – das war zu viel für den Kreml

Sardana Awxentjewa regierte Jakutsk, die kälteste Grossstadt der Welt, mit Fantasie und Engagement. Nun geht sie.

Hat den Kreml-Kandidaten ausgebootet, sieht sich aber nicht als Oppositionelle: Die abgetretene Bürgermeisterin Sardana Awxentjewa.
Hat den Kreml-Kandidaten ausgebootet, sieht sich aber nicht als Oppositionelle: Die abgetretene Bürgermeisterin Sardana Awxentjewa.
Foto: PD

Dass sie die Wahl zur Bürgermeisterin überhaupt gewinnen konnte, hatte wohl damit zu tun, dass Sardana Awxentjewa eine Frau ist. Eine Frau, so dachten offenbar die Strategen der Kreml-Partei Vereintes Russland, wird sowieso nicht Bürgermeister, schon gar nicht itiefen Sibirien. Und den gefährlichsten Gegner des eigenen Kandidaten hatten sie ja schon ohne grosses Federlesen aus dem Rennen geworfen.

Doch dann kam alles anders: Im September 2018 gewann Awxentjewa die Wahl und machte sich sogleich daran, das Bürgermeisteramt in Jakutsk umzukrempeln. Sie beschnitt ihren Beamten die Löhne, verbilligte den öffentlichen Verkehr, sagte teure Festivitäten für die Verwaltung ab und kündigte dem Bauherrn den Vertrag, der einen Weg statt im August mitten im Winter asphaltiert hatte – über den Schnee.

Und sie verkaufte die Flotte an teuren Geländewagen, die zum Rathaus gehörte. Die Bürgermeisterin fuhr in einem normalen Personenwagen durch die Stadt. Als man ihr erklärte, dieses Gefährt sei wegen der schlechten Strassen nicht angemessen, antwortete sie spitz: «Wenn die Strassen so schlecht sind, dass die Autos kaputtgehen, müssen wir die Strassen in Ordnung bringen, statt Geländewagen zu kaufen.» Doch nun, nach gut zwei Jahren im Amt, hat Sardana Awxentjewa genug. Sie könne nicht mehr weiter «24/365» arbeiten, begründete sie ihren Rücktritt. Sie müsse sich in Spitalpflege begeben, schon bald müsse sie sich einer Operation unterziehen. Die 50-Jährige hat Herzprobleme.

Putin ist hier nicht beliebt

Manche Beobachter glauben, dass der Kreml bei dem Entscheid nachgeholfen hat, weil man eine Bürgermeisterin, die nicht aus den eigenen Reihen kommt, nicht gebrauchen kann im grössten Landesteil. Die Teilrepublik Sacha macht flächenmässig einen Fünftel Russlands aus und ist so gross wie ganz Mitteleuropa. Die ressourcenreiche Region ist auf ihre eigene Art aufmüpfig: Hier hat Präsident Wladimir Putin bei den Wahlen 2018 am schlechtesten abgeschnitten im ganzen Land. Bei den Parlamentswahlen im September wolle der Kreml für ein besseres Wahlresultat sorgen, sagen Kritiker. Zum Beispiel mit einem eigenen Mann im Jakutsker Rathaus.

Doch als Oppositionspolitikerin hat sich Sardana Awxentjewa nie verstanden: Ihr Mann gehört Vereintes Russland an, sie arbeitet eng mit der Fraktion der Kreml-Partei zusammen, die im Stadtrat die Mehrheit hat. Allerdings wird sie auch nicht müde zu betonen, dass die Jakuten ihren eigenen Willen haben und sich nicht einfach dreinreden lassen. Sie hat gegen die Verfassungsreform gestimmt, mit der letzten Frühling alle Amtszeitbeschränkungen für Putin gekippt wurden. Nicht wegen Putin, sagt sie, sondern weil darin das Direktwahlrecht in den Regionen und Städten abgeschafft werde – genau die Art von Wahl, die sie selber ins Amt gebracht hat. In ihrem Büro hängt kein Porträt des russischen Präsidenten an der Wand, sondern ein Bild von einem jakutischen Volksfest: «Damit ich nicht vergesse, wer mein Arbeitgeber ist», sagt sie in einem Interview mit der russischen Oppositionsplattform Medusa lachend.

40 Grad Minus ist im Januar die Norm, da braucht es keinen Tiefkühler: Fischverkäufer in Jakutsk.
40 Grad Minus ist im Januar die Norm, da braucht es keinen Tiefkühler: Fischverkäufer in Jakutsk.
Foto: Mladen Antonov (AFP)

Sardana Awxentjewa ist mit Herz und Seele Jakutin. Neben dem Russischen spricht sie die einheimische Turksprache, eine schwierige Sprache, wie sie selber sagt. Sie hat praktisch ihr ganzes Leben in Jakutsk verbracht, wo die Temperaturunterschiede zwischen ultrakurzen, heissen Sommern und eiskalten, endlos langen Wintern über 100 Grad betragen können. Im Januar liegt die Durchschnittstemperatur bei rund 40 Grad Frost, der Rekord liegt bei minus 63 Grad. Jakutsk ist mit seinen gut 300’000 Einwohnern die einzige Grossstadt der Welt, die auf Permafrost steht. Gold wird in der Umgebung abgebaut, Diamanten, Uran, Öl, Gas. Und hierher wurden einst die Gefangene des sowjetischen Gulag verschickt, bevor sie in die Straflager verteilt wurden.

Das Bürgermeisteramt sei in Russland ein Männerjob, sagt sie, überhaupt sei die ganze Politik patriarchalisch.

Die Frau in Jakutsk, 5000 Kilometer von Moskau entfernt im ewigen Eis, hat nicht nur die Bewohner ihrer Heimat inspiriert. In ganz Russland wurde sie bekannt für ihre energische Politik, auf Instagram hat sie über 200’000 Follower. Populär ist sie nicht nur für ihre mitunter populistischen Aktionen. Sie gilt als lebender Beweis dafür, dass es möglich ist, mit bescheidenen Mitteln gegen einen Kandidaten des Kremls zu gewinnen. Weil man Awxentjewa keine Plakatfläche zugestand, montierte sie ihre Wahlplakate kurzerhand an Lastwagen und Bussen, die sie in der Stadt parkieren liess. Auch versuchte sie gar nicht erst, grosse Säle zu mieten. Die Kandidatin traf ihre Wähler in Hauseingängen und Hinterhöfen, oft nur eine Handvoll, dafür gab es unzählige dieser Treffen.

Hier kann der Temperaturunterschied zwischen Sommer und Winter über 100 Grad betragen: Ein Wohnblock in Jakutsk.
Hier kann der Temperaturunterschied zwischen Sommer und Winter über 100 Grad betragen: Ein Wohnblock in Jakutsk.
Foto: Mladen Antonov (AFP)

Und natürlich war sie ein Profi. Mehrere Jahre hat Awxentjewa vor ihrer Wahl als stellvertretende Bürgermeisterin geamtet. Dennoch war es für sie ein grosser Schritt zum Chefsessel. «Du bist kein kleines Mädchen mehr, du bist jetzt Bürgermeisterin», habe ihr Mann ihr oft gesagt, wenn sie einen Satz mit «ich denke» oder «ich möchte» angefangen habe. Das Bürgermeisteramt sei in Russland ein Männerjob, sagt sie, überhaupt sei die ganze Politik patriarchalisch. Dass Russland mal eine Präsidentin bekomme, sei zwar theoretisch möglich, aber bestimmt nicht so bald. Und sie selber werde nach ihrem Job im Rathaus wieder das werden, was sie vorher war: eine ganz normale Bürgerin.

11 Kommentare
    A. Amsel

    Jammerschade, dass nicht mehr solche Menschen in Landesregierungen 'das Sagen' haben.