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Gartenkolumne «Nachgehackt»Erdbeer-Babys machen

Unsere Gartenkolumnistin vermehrt ihre Pflanzen immer häufiger selber. Sie muss nur aufpassen, dass sie dabei
nicht zu emotional wird.

Erdbeer-Baby: Spätestens im September müssen die Setzlinge vom Topf in den Boden, damit sie noch vor dem Winter anwachsen können.
Erdbeer-Baby: Spätestens im September müssen die Setzlinge vom Topf in den Boden, damit sie noch vor dem Winter anwachsen können.
Foto: Getty

Immer wenn ich Knoblauch stecke, muss ich an meinen Nachbarn denken. Manchmal werde ich dann auch ein bisschen traurig. Seit ich Mutter bin, bin ich sehr anfällig für sentimentale Gefühle. Mir kann jemand Wildfremdes eine bewegende Geschichte erzählen, und schon kommen mir die Tränen.

Die Tochter findet das voll peinlich und macht mich immer lautstark darauf aufmerksam. Aber immerhin
sieht es jetzt im Garten niemand.

Den Knoblauch verdanke ich meinem Nachbarn. Und auch die Erdbeeren, die süss sind wie Walderdbeeren und so weich, dass man sie am besten noch im Garten in den Mund steckt. Jetzt stecke ich Knoblauch zwischen die Baby-Erdbeerpflanzen und stelle mir vor, dass beide seit Jahrzehnten hier in der Erde sind, jedes Jahr eine neue Generation mit denselben Genen.

Sorten, die sich an den Boden angepasst haben und Jahr für Jahr besser gewachsen sind. Weil sie sich mittlerweile hier zu Hause fühlen.

Ein Baby zu machen, geht wirklich schnell

«Das klingt jetzt aber esoterisch», meint der Mann, ganz der Naturwissenschaftler. «Könnte der Zusammenhang nicht auch umgekehrt sein? Die Pflanzen wachsen besser, weil du sie besser kennst?» Vielleicht.

Und weil ich mir einbilde, eine gute und erfolgreiche Pflanzenmama zu sein, vermehre ich seit einiger Zeit auch Stangenbohnen und Popcorn-Mais selber. Sogar Petersilie und Haberwurz habe ich dieses Jahr blühen lassen, um Samen abnehmen zu können.

Am aufwendigsten sind aber die Erdbeeren: Wenn die letzten Früchte Anfang Juli abgeerntet sind, beginnen die Erdbeerstauden, Ausläufer zu machen. Diese kann man später im Sommer kappen, in Töpfe setzen, und schon hat man ein Baby gemacht.

Spätestens im September müssen die Kleinen, die nun Wurzeln gebildet haben, raus in den Boden, damit sie noch vor dem Winter anwachsen können. In der Zwischenzeit hat sich bei mir eine veritable Pflanzen-Kita angesammelt.

Eine Ehrerweisung an den Nachbarn

Den Ursprung dieser Pflanzen-Kita habe ich meinem Nachbarn zu verdanken: Vor ein paar Jahren steckte er mir eines Tages einen Knoblauch entgegen. Mein Nachbar war alt, er lebte für seinen Garten, von morgens bis abends war er am Hacken, Säen und Jäten.

In meinen Gartenanfängen kopierte ich ihn einfach: Wenn er Kefen steckte, steckte ich am nächsten Tag auch Kefen, wenn er im Herbst die Karotten einkellerte, tat ich es ihm gleich. Manchmal streckte er mir wortlos ein paar Zuckerhut-Setzlinge entgegen, sie waren ihm übrig geblieben – und so kam auch ich zur rechten Zeit zu meinen Setzlingen.

Aber das mit dem Knoblauch war mir neu. Er stecke die Zehen immer zwischen die Erdbeeren. Das helfe gegen Graufäule. Und jedes Jahr behalte er die schönsten zwei, drei Pflanzen zurück, um ihre Zehen wiederum in die Erde zu stecken. Es war eine Aufforderung, das von nun an auch zu machen.

Es sind grosse Zehen in diesem Jahr, es sind starke Erdbeer-Babys. Der Nachbar ist letztes Jahr gestorben. Es war das erste Jahr gewesen, dass ich die Kefen vor ihm gesteckt hatte. Ehrensache, dass ich mit der Pflanzen-Kita weitermache. «Mama, du hast wieder Tränen in den Augen», schreit die Tochter quer durch den Garten. «Das ist vom Knoblauch», sage ich.

3 Kommentare
    Edi Huber

    Ich lasse die Pflanzen einfach machen. Die wandern dann im Garten rum, ich habe ausser ernten nichts zu tun. Machen viele Pflanzen so, die scheinen zu wissen, wo sie die Nährstoffe holen wollen. Meine Melisse hat sich von ihrem ursprünglichen Standort verabschiedet und wächst 10 m weiter wie noch nie. Je weniger Mensch rumfummelt, desto mehr Insekten hats auch. Bei den Rossschnecken hört der Spass dann allerdings auf.:)