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Interview mit Extrembergsteigerin«Es ist etwas ganz anderes, einer Frau zu folgen»

Berge seien nicht nur etwas für starke Männer, sagt Kletter-Pionierin Catherine Destivelle, die als erste Frau einen Piolet d’Or fürs Lebenswerk erhält. Überhaupt ändere sich was: Heute gebe es immer mehr Bergführerinnen.

Frau Destivelle, Sie waren Wettkampfkletterin, sind dann aber in den 90er-Jahren zum Free-Solo-Klettern gewechselt. Warum?

Ich hatte noch Träume. Ausserdem war ich schon 30 Jahre alt. Nun war es an der Zeit. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich eine richtige Alpinistin sein kann. In der Szene dachten viele, dass ich eigentlich «nur» eine Sportkletterin bin und vom Bergsteigen keine Ahnung hätte, dabei hatte ich als Jugendliche schon einige sehr schwierige Routen in den Alpen geklettert, zum Beispiel die Amerikaner-Route am Petit Dru im Montblanc-Gebiet.

Hat es Ihnen Ihr Frausein doppelt schwer gemacht, sich in der Szene durchzusetzen?

Ich wollte nie «die erste Frau, die …» sein, sondern für meine Leistungen respektiert werden. Deswegen musste ich bei der Tourenwahl aufpassen. Es ist einfach, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, zum Beispiel, indem man den Eiffelturm solo besteigt. Dafür würde ich mich aber schämen. Für mich ist es viel wichtiger, Anerkennung von der Klettergemeinschaft zu bekommen als von der Öffentlichkeit.

Die bekommen Sie nun – mit dem Piolet d'Or für Ihr Lebenswerk, als «die erste Frau, die ...». Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ich bin recht stolz auf mich, obwohl ich am Anfang ziemlich überrascht war und mich auch ein wenig geschämt habe. Ich habe viel weniger geleistet als die Preisträger vor mir, zum Beispiel Reinhold Messner, Doug Scott oder John Roskelley. Aber mittlerweile kann ich es gut annehmen. Mit dem Preis sind wir Frauen in der Mitte des Alpinismus angekommen und werden ernst genommen.

War das vorher nicht so?

Nein, aber es ändert sich. Leider sind viele Frauen noch zu ängstlich und lassen sich von den Männern abhalten, obwohl sie absolut in der Lage wären, vorzusteigen. Dieses Rollenverständnis gehört nicht mehr in den Bergsport. Inzwischen arbeiten immer mehr Frauen als Bergführerinnen. Das macht das Bergsteigen irgendwie menschlicher. Es ist etwas ganz anderes, einer Frau zu folgen. Das zeigt, dass die Berge nicht nur für starke Männer sind. Die Berge werden dadurch erreichbarer, auch für Frauen.

Die Route im Nationalpark Luberon, die Catherine Destivelle hier klettert, heisst «La Diagonale du Fou».
Die Route im Nationalpark Luberon, die Catherine Destivelle hier klettert, heisst «La Diagonale du Fou».
Foto: R. Robert/OH

Was das bedeutet, zeigten Sie an der Eiger-Nordwand. Ohne Seil, im Winter, ohne die Wand vorher gesehen zu haben, und alleine. Damit haben Sie 1992 einen Rekord aufgestellt.

Ich habe ein Jahr dafür trainiert, weil ich mir erst das Eisklettern beibringen musste. Als das dann gut funktionierte und ich alle verfügbare Literatur gelesen hatte, war ich sehr zuversichtlich. Ich hatte genügend Sicherheitspuffer. Es war wie bei einem Examen. Man fühlt sich ein wenig nervös, aber sobald ich meinen Fuss an der Wand hatte, war ich ruhig. Hätte ich Zweifel gehabt, wäre ich nicht gegangen. Ich spiele nicht mit meinem Glück.

Sehen Sie sich selbst als Vorbild für andere Frauen?

Nein. Aber viele Frauen haben mir gesagt, dass ich sie dazu inspiriert habe, in die Berge zu gehen. Das war nie meine Intention, aber es freut mich natürlich. Somit bin ich am Ende nicht nur für mich klettern gegangen, sondern auch für andere.

... für die Sie als Pionierin im Sportklettern gelten. 1988 haben Sie zum Beispiel als erste Frau eine Route im französischen Schwierigkeitsgrad 8a+ geklettert. Wie haben Sie sich damals selbst wahrgenommen?

Ich habe nicht darauf geachtet, ob da andere Frauen um mich herum waren. Ich bin einfach geklettert. Meine Freunde, die meist älter waren als ich, haben mich wie selbstverständlich vorsteigen lassen, also niemand ist vor mir hochgeklettert und hat die Route abgesichert. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Denn wenn man führt, hat man viel mehr Emotionen. Man muss seine Ängste überwinden. Mir ist erst mit 25 bewusst geworden, dass es nicht normal war, als Frau so stark zu klettern.

Hatten Sie nie Angst?

Eigentlich nur einmal. Am Trango Tower in Pakistan mit Jeff Lowe. Wir haben uns in der Wand verstiegen und sind in einer Rinne gelandet. Dort kamen viele Steine herunter. Wir hatten richtig Glück, dass sie uns nicht getroffen haben. In diesem Moment hatte ich echt Angst.

1996 hatten Sie einen schweren Unfall in den Ellsworth Mountains in der Antarktis.

Am Gipfel haben wir Fotos gemacht. Ich bin einen Schritt zurückgegangen, habe meine Balance verloren und bin 20 Meter tief gefallen. Ich dachte, ich würde sterben. In diesem Moment habe ich mich so geschämt, weil es ja meine eigene Schuld gewesen ist.

«Ich habe ständig meine Zehen und Finger bewegt, damit ich keine Erfrierungen bekomme.»

Wie ging es weiter?

Ich hatte einen offenen Bruch am rechten Bein. Mein Kletterpartner Erik Decamp und ich waren aber alleine unterwegs und hatten kein Satellitentelefon. Wir haben uns die 2000 Meter hohe Felswand abgeseilt. Das hat 16 Stunden gedauert. Nach drei weiteren Tagen Sturm konnte ich endlich ausgeflogen werden.

Hatten Sie genügend Schmerzmittel?

Ich habe keine genommen. Ich wollte wach bleiben, um mich auf die Rettung zu konzentrieren. Ausserdem habe ich ständig meine Zehen und Finger bewegt, damit ich keine Erfrierungen bekomme.

Wie hat der Unfall Ihre Karriere beeinflusst?

Danach habe ich entschieden, ein Kind zu bekommen. (lacht) Ich hatte das Gefühl, dass ich es sonst bereuen würde. Ich war ja auch schon 37. Meinen Sohn habe ich dann behütet wie eine Glucke. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis nach grossen Expeditionen.

Was machen Sie jetzt?

Ich halte Vorträge und habe einen kleinen Buchverlag, habe schon 72 Bücher publiziert. Das ist sehr viel Arbeit, aber ich mag es. Dieses Jahr habe ich das erste Mal seit sechs Jahren Urlaub genommen und war viel in den Bergen. Eine schöne Zeit.

2 Kommentare
    Benji Samisburg

    "Inzwischen arbeiten immer mehr Frauen als Bergführerinnen. Das macht das Bergsteigen irgendwie menschlicher. Es ist etwas ganz anderes, einer Frau zu folgen."

    Spricht diese Person ernsthaft der Hälfte der Menschheit ab weniger menschlich zu sein? Warum wird diese Misanthropie hier geduldet?