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Wieder im AbstiegskampfEx-GC-Goalie Lindner durchlebt ein bitteres Déjà-vu

Der österreichische Goalie belegt mit Wehen Wiesbaden Platz 16 in der 2. Bundesliga – und verfolgt seinen alten Verein GC immer noch mit Interesse.

Heinz Lindner stand in der Abstiegssaison zwischen den Pfosten der Grasshoppers.
Heinz Lindner stand in der Abstiegssaison zwischen den Pfosten der Grasshoppers.
Foto: Freshfocus

Von Normalität kann noch nicht die Rede sein, natürlich nicht. Aber ein bisschen erinnert der Alltag wieder an das Leben von vorher. Die Fussballer des SV Wehen Wiesbaden trainieren auf dem Vereinsgelände, meistens in Kleinstgruppen und zeitlich gestaffelt. Das ist eine willkommene Abwechslung nach der kollektiven zweiwöchigen Quarantäne, die in der zweiten März-Hälfte notwendig war, weil sich ein Spieler mit dem Coronavirus infiziert hatte.

«Wir sind wieder auf freiem Fuss», sagt Christian Hock, Sportdirektor bei den Hessen, die in der 2. Bundesliga nach 25 Runden (vorläufig letzte Partie am 6. März) auf Barrageplatz 16 liegen. Und bei denen seit Oktober einer im Tor steht, der in Zürich Spuren hinterlassen hat: Heinz Lindner. Er meldet: «Es ist ein gutes Gefühl, wieder auf dem Rasen zu stehen und mit dem Ball arbeiten zu können. Jedes Training draussen mit noch so vielen Einschränkungen ist besser als die Fitnessübungen im Homeoffice.»

Vor einem Jahr noch war er der bedauernswerte Goalie bei GC, einer Mannschaft, die sich über Monate sehr schlecht präsentierte, bloss 5 von 36 Spielen gewann und sich kein anderes Schicksal verdiente als den Abstieg. Lindner musste sich oft einsam vorgekommen sein, im Stich gelassen, aber nach jedem noch so bitteren Erlebnis verlor er nie die Fassung, lief nie an wartenden Journalisten vorbei, sondern gab stets bemerkenswert anständig Auskunft. «Das gehört sich so», sagt er, «es ist einfach, nur dann zu reden, wenn es gut läuft.» Das verleitete die NZZ zum Satz: «Er wird als wohlerzogenster Torhüter in die GC-Geschichte eingehen.»

Der irritierte Goalie

Zwei Jahre war der 29-Jährige Angestellter der Grasshoppers. Als er 2017 von Eintracht Frankfurt kam, war er Nationalgoalie Österreichs sein Debüt hatte er 2012 unter Trainer Marcel Koller gegeben. Lindner unterschrieb in der Schweiz bei einem Club, der ihm sehr wohl ein Begriff war und über den er sich auch mit Koller unterhalten hatte. Er glaubte, das Erreichen eines internationalen Wettbewerbs sei keineswegs eine Illusion.

Die Realität aber war eine andere. Lindner drückt sich diplomatisch aus: «Es war sportlich eine Achterbahnfahrt.» Von der heftigen Kritik blieb er verschont, obschon er in 35 Einsätzen 68-mal bezwungen wurde. «Ausser Lindner könnt ihr alle gehen!», skandierten die Zuschauer. Am Ende gingen ganz viele, unter ihnen war trotz allem auch der Goalie. Mehrmals hatte Lindner in Zeitungen davon gelesen, dass die Verantwortlichen des Vereins alles daransetzen würden, ihn zu halten. Und er selbst sagte: «Die Grasshoppers sind mein erster Ansprechpartner.» Gespräche, von Vereinsseite vollmundig angekündigt, fanden allerdings nie statt. Der Mann aus Linz war verwundert darüber oder wohl eher: irritiert. Und noch vor Ende Mai fasste er den Entschluss: Das wars bei GC. Nach zwei Saisons mit fünf verschiedenen Trainern.

«Wichtig finde ich für GC, dass die operative Führung in Schweizer Hand bleibt.»

Lindner über den GC-Verkauf nach China

Lindner hatte keinen Job. Er war auch noch vereinslos, als in allen Ligen die Meisterschaften längst wieder begonnen hatten. Anfang Oktober erst kam er bei Wehen Wiesbaden unter, zwei Tage nach der Unterschrift gab er beim 2:1-Sieg in Stuttgart seinen Einstand. Vor 50’000 Zuschauern. Die Eingewöhnung fiel ihm leicht, zumal er wieder in einer Gegend wohnt, die er aus seiner Zeit bei Frankfurt kennt. «Es fühlt sich vertraut an», sagt er und klingt zufrieden. Obwohl er erneut im Abstiegskampf steckt.

Unklar ist aber, was ab Sommer sein wird. Sein Vertrag läuft aus, und bevor die Zukunft geklärt werden kann, sind einige Fragen zu beantworten. Schafft Wehen Wiesbaden den Ligaerhalt, falls der Betrieb wieder aufgenommen wird? Welchen wirtschaftlichen Schaden richtet die aktuelle Krise beim Verein an? Kann und will es sich der Club leisten, mit Lindner zu verlängern?

Lindner vertraut Djuricin

In Sachen Ungewissheit ist die Lage durchaus vergleichbar mit GC, das in der Challenge League den Tritt sucht und vorige Woche in chinesischen Besitz übergegangen ist. Lindner schaut regelmässig in die Schweiz, hält Kontakt mit Goalietrainer Christoph Born und Teammanager Christian Künzli und sagt zum Verkauf des Vereins: «Investoren aus dem Ausland sind Teil des modernen Fussballs geworden. Wichtig finde ich für GC, dass die operative Führung in Schweizer Hand bleibt.»

Überzeugt ist er, dass auch in der neuen Konstellation der aktuelle Trainer die richtige Besetzung ist. Goran Djuricin ist zwar von Fredy Bickel geholt worden, der inzwischen nicht mehr Sportchef ist. Aber Lindner traut «dem Gogo» zu, den Turnaround herbeizuführen, also: GC zurück in die Super League zu führen. Das sagt er nicht einfach, weil er ein anständiger Mensch ist, sondern weil er Djuricin kennen gelernt und seine bisherige Karriere verfolgt hat.

Was immer beim Club in naher Zukunft geschieht, wer immer Trainer sein wird Lindner fühlt sich ihm emotional immer noch verbunden. Auch wenn er sich eine andere Trennung gewünscht hätte. Aus Deutschland schickt er einen netten Gruss nach Niederhasli: «Ich wünsche GC nur das Beste.»

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