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Gelockerte Corona-RegelnFitness ohne Center – Kunden kommen nur langsam zurück

Nach dem Lockdown zögern Kunden, wieder in die Fitnesscenter zu gehen. Wen es an die Kraftgeräte zurückzieht und wer sich Alternativen gesucht hat.

In den Fitnessstudios ist regelmässiges Desinfizieren angesagt – wie hier in einem Studio in Lugano.
In den Fitnessstudios ist regelmässiges Desinfizieren angesagt – wie hier in einem Studio in Lugano.
Foto: Elia Bianchi (Keystone)

Nur wenig Leute sind an diesem Vormittag im Fitnessstudio am Rande der Zürcher Innenstadt. Eine ältere Dame mit Gesichtsmaske sieht sich neugierig um. Was hat die Corona-Krise hier verändert? Wie ist die Atmosphäre? Die Geräte stehen weiter als sonst voneinander entfernt. Dazwischen rot-weisses Absperrband und kleine Tischchen mit Desinfektionsmittel. Ansonsten ist alles wie immer. Die Dame und ihre Begleitung – ein älterer Herr – gehören ganz offensichtlich zur Risikogruppe. Aber besondere Berührungsängste scheinen sie nicht zu haben. Seelenruhig setzt sich die Frau an ein Gerät und beginnt gemächlich, sich aufzuwärmen. Die Gesichtsmaske behält sie vorsichtshalber an.

Die beiden sind an diesem Tag nicht die einzigen Besucher jenseits der 65: Besonders ältere Kunden kommen nach dem Lockdown gern wieder zurück in die Studios. «Sie haben ein besonderes Bedürfnis, sich gesund zu halten», sagt eine Sprecherin des Fitnesscenter-Betreibers Activ Fitness.

Dieses Bild zeigt sich auch bei dem auf ältere Kunden spezialisierten Anbieter Kieser Training. Dort ist die Auslastung bereits wieder auf 70 Prozent des Vorkrisenniveaus gestiegen, wie ein Sprecher sagt. «Bei Kieser Training geht es um ein medizinisches Krafttraining.» Das sei nicht einfach zu ersetzen. Die Fitnesscenter sind froh um jeden, der kommt – denn noch ist der Zustrom verhalten, wie die Activ-Fitness-Sprecherin sagt. «Es gibt viele, die abwarten, wie sich die Lage entwickelt.»

Jüngere Kunden könnten auf Alternativen umsteigen

Viele der etwas jüngeren Fitnesshungrigen haben während der vergangenen Monate anderweitig trainiert – mit der Fitness-App zu Hause, auf der Parkbank oder beim Joggen. Nicht alle von ihnen dürften in die Studios zurückkommen – wie die junge Frau, die sich im Fitnesscenter erkundigt, wie lange ihr Abo noch läuft. «Die letzten Wochen habe ich zu Hause trainiert», sagt sie. «Mein Abo läuft noch – aber ich überlege mir schon, ob ich nicht einfach ein Set Hanteln kaufen soll und zu Hause weitermache.»

Wie sie haben es viele gemacht. Selten hat man so viele Leute joggen gesehen. In den Städten wurden Spielplätze und Parks kurzerhand zu Turnstätten umfunktioniert. Trainings-Apps und -gruppen wie Freeletics dürften in der Krise daher grossen Zulauf erfahren haben. Sie kommen mit einfachsten Mitteln und weitgehend ohne Geräte aus. Details über die Entwicklung der Nutzer gibt Freeletics nicht bekannt.

Die Corona-Krise könnte dem Wachstumsmarkt Fitness also einen dauerhaften Dämpfer versetzen. Mit einem Umsatz von umgerechnet über 900 Millionen Franken zählt der Schweizer Markt laut einer Studie von Deloitte zu den zehn grössten in Europa.

Nun freuen sich Personal Trainer über reges Interesse. «Während dem Shutdown haben wir vermehrt Anfragen gehabt, ob unsere Trainer draussen mit zwei Meter Abstand trainieren können», sagt der Gründer des Trainer-Netzwerks Aarefit in Bern, Adrian Reber. Während der Krise habe das Unternehmen jedoch auf persönliche Beratung verzichtet und fahre diese erst langsam wieder hoch. Stattdessen haben die Betreuer Übungen zum Selbermachen zusammengestellt. «Draussen, auf einer Bank oder im Wald an einem Baumstamm. Was man im Fitnesscenter machen kann , kann man gut auch draussen machen», sagt Reber.

Schwinden jetzt die Mitgliederzahlen?

Ob die Corona-Krise das Sportverhalten nachhaltig verändert hat, lasse sich im Moment noch nicht absehen, sagt Sportwissenschaftlerin Jennifer Eymann von der Crossklinik in Basel. Sie gibt zu bedenken, dass die Fitnesscenter derzeit nicht mit voller Kapazität fahren. Noch dürfen die beliebten Gruppenkurse nicht angeboten werden. «Da kann man nur eine Hälfte der Klientel abdecken.»

Activ Fitness rechnet damit, dass sich ein erster Trend zum Kundenverhalten nach der Krise frühestens in einem Monat ablesen lässt. Bislang sei die Zahl der Mitglieder stabil, sagt die Sprecherin. Viele von ihnen sind froh, dass sie nun wieder wie gewohnt trainieren können.

Er sei zum ersten Mal seit dem Lockdown wieder im Studio, sagt der selbstständige Unternehmensberater Dirk Winterer. «Das hat gutgetan, ein bisschen Ausgleich zu schaffen.» Auch Lionel Tschudi findet die Atmosphäre sehr entspannt – trotz Schutzvorkehrungen. «Man merkt, dass weniger Leute da sind, es gibt mehr Platz. Es ist ein bisschen bequemer», sagt er. Den nötigen Abstand von zwei Metern hab er gut einhalten können. «Man merkt, dass an dem Schutzkonzept gut gearbeitet wurde», sagt er.

22 Kommentare
    Karl Sutter

    Nun, da ja eigentlich das Fitnesscenter vor allem sich selbst nutzt ist die Reaktion der Kunden verständlich. Aus Bequemlichkeit ging man früher in eine Art "Laufstall" um das zu tun, was den Fitnesscenters am meisten Geld bringt, nämlich Geräte zu benutzen. Zu Coronazeiten hat man herausgefunden, dass man die gar nicht braucht. Das geht ohne genau so gut, und kann bestens auch zu Hause "erledigt" werden.