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SVP-Präsidium: Reaktionen«Forza Marco!»: Applaus von links für SVP-Überraschungsmann Chiesa

Die unerwartete Kandidatur des Tessiner Ständerats zum SVP-Präsidenten führt zu ebenso unerwarteten Reaktionen.

«Besser als irgendein anderer»: Der designierte SVP-Präsident Marco Chiesa.
«Besser als irgendein anderer»: Der designierte SVP-Präsident Marco Chiesa.
Foto: Keystone/Gian Ehrenzeller

Im Tessin gratulieren linke Politiker Chiesa öffentlich zur Nomination durch die SVP-Findungskommission. «Tanti auguri Marco», schreibt auf Facebook Igor Righini, bis vor kurzem Präsident der SP Tessin. Martino Rossi, eine bekannte kommunale SP-Grösse aus Lugano, schreibt: «Forza Marco, besser du (als SVP-Präsident; die Red.) als irgendein anderer von den deinen!»

Der linke Applaus für Chiesa ist nicht etwa dadurch zu erklären, dass der 45-jährige Politiker im Tessin als Linksausleger gelten würde. Im Gegenteil: «Chiesa ist voll auf SVP- und Blocher-Linie», sagt Nenad Stojanovic. Der Tessiner Politologe politisierte bis 2013 selber für die SP und sass damals zusammen mit Chiesa im Stadtparlament von Lugano und im Kantonsparlament.

«Vernünftig und rational»

Aber auch Stojanovic hat Chiesa – trotz unterschiedlichen Ansichten – schätzen gelernt. Anders als mit anderen Rechtspolitikern könne man mit Chiesa «auch als Linker vernünftig und rational Argumente austauschen», sagt Stojanovic.

Die SP-Sympathien für Chiesa dürften teilweise auch damit zusammenhängen, dass für Linke im Tessin nicht – wie in der Deutschschweiz – die SVP der politische Hauptfeind ist, sondern die radikaler auftretende Lega dei Ticinesi.

Auf Bundesebene fallen die Reaktionen auf den wahrscheinlichen neuen SVP-Präsidenten teilweise noch vorsichtig aus. Selbst viele SVP-Parlamentarier sind von der Nomination völlig überrascht worden. Chiesa sitzt zwar bereits seit 2015 im Bundesparlament, profilierte sich dort aber weder bei den Ratsmitgliedern noch bei politischen Beobachtern.

Hannes Germann, SVP-Gruppenchef im Ständerat, sagt, bis zu Chiesas Wechsel vom National- in den Ständerat vor acht Monaten sei der Tessiner auch ihm nicht besonders aufgefallen. Im Stöckli habe sich Chiesa nun aber rasch als echter Vertreter seines Standes erwiesen «und nicht in erster Linie als Parteisoldat».

Wie funktioniert die Achse Chiesa – Blocher?

Zu Rätseln Anlass gibt hingegen – inner- und ausserhalb der Partei –, wie eng Chiesa mit Vater und Tochter Blocher verbunden ist.

Chiesa selber bezeichnet Christoph Blocher im Interview mit dieser Zeitung als einen «Helden» seiner Jugend, weil Blocher 1992 – es war die allererste Volksabstimmung des damals 18-jährigen Chiesa – den EWR-Beitritt der Schweiz gebodigt habe. Im Ständeratswahlkampf 2019 wurde Chiesa von seinem damaligen FDP-Gegenkandidaten Giovanni Merlini als «Emissär der Familie Blocher» abqualifiziert. Die Wahl gewann dann allerdings Chiesa, was im Tessin einem politischen Erdbeben gleichkam.

Wie der «Blick» berichtet, hat Chiesa zudem sein Ferienhaus auf der Lenzerheide GR - von allen 2200 Schweizer Gemeinden ausgerechnet in jener, in der auch Magdalena Martullo-Blocher ihren Zweitwohnsitz hat.

Umgekehrt berichtet die «NZZ am Sonntag», noch im November 2019 habe selbst Christoph Blocher in einem Gespräch Chiesas Namen nicht korrekt nennen können.

Die Wahl könnte schon am 22. August sein

Der St. Galler SVP-Nationalrat Rino Büchel verlangt nun in der «SonntagsZeitung», dass Chiesa seine Unabhängigkeit unter Beweis stelle. «Damit wir ihn wählen können, muss er jetzt Führungsstärke zeigen und sich sein eigenes Führungsteam zusammenstellen.» Das heisst: Chiesa solle sich mit einer von ihm zusammengestellten Parteileitung zur Wahl stellen, statt wie einfach mit dem bisherigen neunköpfigen Parteileitungsausschuss weiterzuarbeiten, dem auch Magdalena Martullo-Blocher angehört.

Gewählt werden soll der neue SVP-Präsident bereits am 22. August von der Delegiertenversammlung der SVP. Noch nicht ganz ausgeschlossen ist, dass es dann zur Kampfwahl kommt. Der von der Findungskommission übergangene Zürcher Kandidat, Nationalrat Alfred Heer, hat sich bislang nicht zur Frage geäussert, ob er trotzdem antritt oder nicht. Der zweite Gegenkandidat, der Aargauer Nationalrat Andreas Glarner, hat Chiesa hingegen bereits Platz gemacht und seine Kandidatur zurückgezogen.

26 Kommentare
    Paul Buchegger

    Den Treueid auf Christoph Blocher und den Kotau vor ihm hat Marco Chiesa schon mal geleistet, indem er diesen einen "Helden" nennt. Der unschweizerische Personenkult mit dem Herrliberger geht also munter weiter. Wo wird wohl dereinst sein Mausoleum errichtet, wo seine Gläubigen in tiefer Verehrung hinpilgern können, um ihrer Haddsch-Pflicht nachzukommen? ;-)