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Neuer KampfjetFranzosen und Deutsche wehren sich gegen Schweizer Fehlinformation

Egal für welchen Kampfjet sich die Armee entscheidet, abhängig von US-Technologie werde sie auf jeden Fall sein. Das sagt die Schweizer Rüstungsbehörde. Frankreich und Deutschland lassen das nicht gelten.

Ist auch ohne Technologie aus den USA kampffähig: das französische Kampfflugzeug Rafale.
Ist auch ohne Technologie aus den USA kampffähig: das französische Kampfflugzeug Rafale.
Foto: EPA

Wie abhängig ist die Schweiz beim Kauf eines neuen Kampfjets von den USA? Diese Frage spielte im Abstimmungskampf vom September eine wichtige Rolle. Die Frage ist auch beim Typenentscheid des Bundesrats, der im zweiten Quartal des nächsten Jahres erwartet wird, ein wichtiger Faktor. Vier Kampfjets sind noch im Rennen, zwei von europäischen Herstellern, zwei aus den USA.

Von Brisanz ist deshalb ein internes Dokument der Rüstungsbehörde Armasuisse, in das diese Zeitung Einblick hatte. Es handelt sich um eine Folie aus einem Vortrag von Peter Winter, der bei Armasuisse für die Kampfjetbeschaffung zuständig ist. Das Dokument, auf dessen Basis bei Kampfjetbefürwortern geweibelt wird, trägt den Titel: «Abhängigkeiten von den USA». Darunter schrieb Winter über die Wettbewerbsteilnehmer: «Alle vier Kandidaten sind im Bereich der operationellen Fähigkeiten gleichwertig abhängig von den USA.» Das heisst mit anderen Worten: Egal ob die Schweiz einen in Europa entwickelten und hergestellten Jet wählt oder einen amerikanischen – die Abhängigkeit von den USA wäre immer gleich.

Diese Zeitung wollte es genauer wissen und konfrontierte die Botschafter Frankreichs und Deutschlands mit entsprechenden Fragen. Frankreich, Herstellerin des Kampfjets Rafale, und Deutschland, das am Eurofighter beteiligt ist, distanzieren sich von Winters Aussage:

Was passiert, fiele das amerikanische GPS aus oder würde dieses manipuliert?

Frédéric Journès, Botschafter Frankreichs in Bern, sagt, der Rafale könne seine Missionen auch dann fortsetzen, wenn das GPS nicht funktioniere. Der Jet sei mit zwei Trägheitseinheiten «Made in France» mit Gyrolasertechnologie ausgestattet. Diese Einheiten bildeten die Grundlage für das Navigationssystem des Kampfjets. Die Satellitennavigationssignale, ob europäisch (Galileo) oder amerikanisch (GPS), lieferten lediglich zusätzliche Informationen. Testhalber sei der Rafale sogar absichtlich gestörten Satellitensignalen ausgesetzt worden. Das Resultat: «Unser Jet führte seine Missionen auch dabei ohne Probleme erfolgreich aus», sagt Botschafter Journès.

Das deutsches Verteidigungsministerium sagt, beim Eurofighter werde das GPS als primäres, externes Korrekturelement in der Navigation eingesetzt. «Selbstverständlich ist bei einem Ausfall die Nutzung der weiteren flugzeugseitigen Navigationseinrichtungen möglich», schreibt das Verteidigungsdepartement. Für Deutschland sei mittel- bis langfristig die parallele Verfügbarkeit des europäischen Galileo-Systems vorgesehen.

Ist es korrekt, dass Ihr Jet von den USA gleichwertig abhängig ist wie die anderen drei Kampfjets, insbesondere im Bereich Kommunikation und Datenaustausch?

Frédéric Journès, Botschafter Frankreichs, sagt Nein. Der französische Jet sei mit mehreren elektronischen Systemen ausgestattet. Diese würden insbesondere zur Kommunikation, Orientierung, Information, Bedrohungserkennung und Entscheidungsfindung eingesetzt. Im Rafale gebe es also eine Vielzahl von elektronischen Komponenten. Fast alle davon seien in Frankreich entwickelt worden. Dies erlaube eine souveräne Kontrolle. Interessant ist, dass die Armasuisse in ihrer Ausschreibung gar keine Unabhängigkeit von Nato und USA verlangt hat. Botschafter Journès erklärt, die Schweiz habe in der Ausschreibung Nato-kompatible Ausrüstung verlangt, weil sie die Interoperabilität mit anderen Systemen der Nato garantieren wolle. «Diese Systeme ergänzen die Ausrüstung im Rafale, aber sie ersetzen sie nicht», sagt Journès. Es liege somit auf der Hand, dass der Rafale seine Missionen auch ohne Nato-kompatible Ausrüstung autonom durchführen könne.

«Deutschland ist gleich wie die drei anderen Eurofighter Nationen Nato-Mitglied», heisst es derweil aus Deutschland. Komponenten zur Freund-Feind-Erkennung, Datenlinks, Kommunikationsmittel und Verschlüsselungstechnik entsprächen Nato-Standards. Zweifellos seien die USA hier technologisch führend. Auch das deutsche Verteidigungsministerium teilt jedoch mit: «Selbstverständlich sind alternativ oder ergänzend völlig unabhängige, rein nationale Systeme denkbar.»

Erhält die Schweiz Zugang zur klassifizierten Kommunikation und den Blackboxes?

«Ich weiss, dass Frankreich darauf geachtet hat, Ihrem Land ein Angebot vorzulegen, das den Schweizer Erwartungen bei der Datenhoheit entspricht», sagt der französische Botschafter in Bern. Frankreich habe den Rafale als Instrument der eigenen Souveränität konzipiert. Der Jet werde mit allen enthaltenen Mitteln angeboten, die auch der Schweiz Autonomie gewährleisteten.

Deutschland sagt: «Die Unabhängigkeit des Eurofighters wird ständig ausgebautDas Freund-Feind-Erkennungssystem werde durch eine europäische Firma in Lizenz gebaut. Das Funkgerät sei die Entwicklung einer deutschen Firma. Und Gleiches sei für die Verschlüsselungstechnik geplant.

Mit diesen Antworten wird klar, dass die Aussagen von Armasuisse nicht der vollen Wahrheit entsprechen, jedenfalls nicht aus Sicht der Betroffenen. Frankreich hat Milliarden investiert und dabei auch das Ziel verfolgt, von den USA unabhängig sein zu können. Die Eurofighter-Nationen verfolgen dasselbe Ziel – ohne jedoch die grosse Nato-Partnerin USA zu sehr vor den Kopf zu stossen.

161 Kommentare
    Pesche FR

    Sie kommen, die Luxusflugis, und das Volk jubelt. Wieso auch für Lockdown ausgeben.