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Sexistische Medizinalforschung«Frauen sind etwa doppelt so oft von Nebenwirkungen betroffen wie Männer»

Frauen nehmen Medikamente, die ihnen nicht helfen, erleiden bei Herzkathetereingriffen öfter Komplikationen und sind in vielen Studien kaum vertreten. Welche Folgen hat diese stiefmütterliche Behandlung in der Medizin?

Arzneimittel: «Die Bedeutung des Geschlechts wird in vielen Studien ignoriert»
Arzneimittel: «Die Bedeutung des Geschlechts wird in vielen Studien ignoriert»
Foto: Bartek Szewczyk (Getty Images)

Hunderttausende Menschen in der Schweiz nehmen Aspirin zur Vorbeugung. Wie gut schützt dieses Medikament, Frau Gebhard?

Das hängt vom Geschlecht ab. Bei gesunden Frauen über 45 Jahre beugt es weder einem Herzinfarkt vor noch senkt es die Sterblichkeit. Bei Männern dagegen senkt es als Präventionsmassnahme das Risiko für einen Herzinfarkt.

Also nehmen diese Frauen das Medikament umsonst?

In Bezug auf die Herzinfarkt-Prophylaxe wohl schon. Aspirin senkt aber bei Frauen das Risiko für einen Schlaganfall besser als bei Männern.

Was ist mit den Nebenwirkungen: Fallen die – je nach Geschlecht – auch unterschiedlich aus?

Ja. Bei Frauen verursacht dieser Wirkstoff öfter schwere Blutungen im Magen oder im Darm als bei Männern. Die höhere Rate an Nebenwirkungen ist ein generelles Problem bei Medikamenten: Frauen sind etwa doppelt so oft davon betroffen wie Männer.

Weshalb?

Medikamente werden überwiegend an Männern getestet, da in der Medizin immer noch der junge männliche Körper als Norm gilt. Die Wirksamkeit der Medikamente wird somit bei Frauen nur lückenhaft erfasst, obwohl man weiss, dass der Abbau im weiblichen Organismus aufgrund von Unterschieden bei der Nierenfunktion, Fett-, Wasser- und Muskelanteil deutlich anders ist.

Bei welchen Medikamenten sollten Frauen besonders aufpassen?

Da kann man Dutzende nennen. Eine kürzliche Studie hat gezeigt, dass Frauenherzen zum Beispiel auf Medikamente für Herzschwäche viel stärker ansprechen als Männer und davon profitieren, wenn hier die Dosis um bis zu 50 Prozent gesenkt wird. Mit diesen Medikamenten sollte man daher bei Frauen sehr vorsichtig sein und mit niedriger Dosierung beginnen.

Wie ist es bei anderen Arzneimitteln?

Fast die Hälfte der 668 gebräuchlichsten Medikamente zeigt bezüglich der Nebenwirkungen geschlechtsspezifische Unterschiede. Dazu zählen das gebräuchliche Schlafmittel Zolpidem, die sogenannten «Statine» zum Cholesterinsenken, die Migräneprophylaxe mit Propranolol … Die Europäische Gesellschaft für Medizinische Onkologie hat letztes Jahr festgehalten, dass Frauen bei vielen Krebsmedikamenten eine Dosis erhalten, die rund ein Fünftel zu hoch ist.

«Ich bin immer wieder verblüfft, wie sehr diese geschlechtsspezifischen Unterschiede noch immer ignoriert werden.»

Cathérine Gebhard, Kardiologin und Professorin für Gender-Medizin

Sind diese geschlechtsspezifischen Unterschiede den Fachleuten bekannt?

Ich bin immer wieder verblüfft, wie sehr sie noch immer ignoriert werden, obwohl sie doch offensichtlich sind. Mittlerweile gibt es über 8000 Fachartikel pro Jahr zur Gender-Medizin – aber wir setzen das Wissen kaum um. Immerhin anerkennen nun mehr und mehr Fachorganisationen und Behörden, dass das Geschlecht eine Rolle spielt.

Frauen leben meist länger als Männer. Dann kann die Medizin doch so schlecht nicht sein, auch wenn sie das Geschlecht nicht explizit berücksichtigt?

Dieses Argument höre ich seit zehn Jahren. Frauen leben zwar länger, aber die zusätzlichen Jahre sind nicht so viel wert, weil sie von schlechterer Lebensqualität sind. Es gibt immer wieder Beispiele, wo man erst nach Jahren gemerkt hat, dass die Behandlung den Frauen geschadet hat. Der früher viel benutzte Wirkstoff Digoxin zum Beispiel hat die Sterblichkeit bei den Frauen erhöht.

Digoxin wird heute kaum noch eingesetzt. Werden neue Wirkstoffe inzwischen systematisch auf geschlechtsspezifische Unterschiede untersucht?

Nein. Die Daten stammen ganz überwiegend von männlichen Populationen. Nur fünf Prozent der Versuche mit Zellen im Labor wurden an weiblichen Zellen gemacht. Oft wird nicht einmal angegeben, welches «Geschlecht» die Zellen hatten. Das zeigt, wie wenig Bedeutung dem beigemessen wird.

Welche Rolle spielt es denn, ob die Zellen im Reagenzglas von einer Frau oder von einem Mann stammen?

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: Weibliche Nervenzellen nehmen den Nervenbotenstoff Dopamin doppelt so schnell auf wie männliche. Und weibliche Herzmuskelzellen sind resistenter gegenüber Sauerstoffmangel als männliche.

Das muss ja nichts heissen.

Es könnte beim Dopamin aber dazu beitragen, dass die Schmerzwahrnehmung bei Frauen anders ausfällt als bei Männern. Unter Laborbedingungen empfinden Frauen bei Wärme- oder Kältereizen mehr Schmerzen. Es stimmt also nicht, wie oft behauptet, dass sie weniger schmerzempfindlich sind. Aber Männer und Frauen gehen unterschiedlich mit Schmerz um und Frauen können diese besser ertragen. Im täglichen Leben leiden sie auch öfter an chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat. Aber dem trägt die Grundlagenforschung nicht Rechnung.

«Osteoporose wird bei Männern oft verpasst.»

Cathérine Gebhard, Kardiologin und Professorin für Gender-Medizin

Spätestens bei den Tierversuchen wird man geschlechtsspezifische Unterschiede doch feststellen?

Eben nicht. Sie werden zu 90 Prozent an männlichen Tieren durchgeführt. Gerade in der Neurologie gibt es kaum Daten zu weiblichen Mäusen.

Wie ist das Geschlechterverhältnis bei den Arzneimittelstudien an Menschen?

Frauen sind dort nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Die Bedeutung des Geschlechts wird in vielen Studien ignoriert. Das betrifft fast alle Fachgebiete. Ein ganz aktuelles Beispiel sind zwei grosse Studien, bei denen der Wirkstoff Colchicin bei Herzinfarkt untersucht wurde. Dort waren nur 15 respektive 19 Prozent der Teilnehmenden weiblich. Beide Male sieht man in der detaillierten Analyse, dass das Medikament nur den Männern half. Die Hersteller werden nun vermutlich die Zulassung als Medikament anstreben. Aber es ist momentan völlig unklar, ob es überhaupt bei Frauen wirksam ist. Auch wissen wir nichts über die Nebenwirkungen bei Frauen.

Welche Erkrankungen werden bei Männern am ehesten verpasst?

Die Osteoporose zum Beispiel. Wenn es bei einem Mann deshalb zum Knochenbruch kommt, ist seine Prognose schlechter als die einer Frau. Auch Depressionen werden bei Männern oft nicht erkannt. Viele versuchen, sie mit Alkohol «runterzuspülen», kommen stattdessen mit – scheinbar – körperlichen Beschwerden zum Arzt oder melden sich gar nicht.

Und was wird bei Frauen oft verpasst?

Zum Beispiel die Alzheimer-Demenz. Sie betrifft zu zwei Drittel Frauen, wird bei ihnen aber oft erst spät erkannt, weil Frauen sich meist besser an Wörter erinnern als Männer.

Sie sind Herzspezialistin. Ist das Genderproblem in der Kardiologie besonders gross?

Die Kardiologie ist eine «männerdominierte» Medizin. Herzerkrankungen galten lange als Krankheiten, die fast nur Männer betreffen. Mehr als die Hälfte der Herzpatientinnen sind aber Frauen. Trotzdem stellen sie in den kardiologischen Studien nur etwa ein Fünftel der Teilnehmerinnen.

«Nach einem Herzinfarkt gehen viele Frauen nicht in die Reha, weil sie meinen, dass sie ihren Verpflichtungen daheim wieder nachkommen müssten.»

Cathérine Gebhard, Kardiologin und Professorin für Gender-Medizin

Welche Folgen hat das?

Wenn eine Frau einen Herzinfarkt hat, ist ihre Prognose schlechter als bei einem Mann. Frauen sind danach auch psychisch stärker belastet. Die Komplikationsrate bei Kathetereingriffen am Herzen ist bei ihnen ebenfalls höher, vor allem Blutungskomplikationen sind häufiger bei Frauen, weil Material und Katheter nicht optimal für ihre kleinen Gefässe sind.

Frauen sprechen meist offener über ihre Befindlichkeit, sie stellen auch mehr Fragen. Werden ihre Beschwerden manchmal vorschnell als «psychisch» eingeordnet?

Ja, sicher öfter als bei Männern. Es ist aber nicht so selten, dass man bei Frauen mit einem angeblich «psychischen» Herzproblem eine körperliche Ursache findet, wenn man sie gründlich untersucht. Deshalb lohnt es sich, da genau hinzuschauen.

Tragen die Frauen selbst etwas dazu bei, dass die Behandlungsergebnisse bei ihnen schlechter sind?

Sie zögern länger, bis sie bei einem Herzinfarkt die Ambulanz rufen oder einen Arzt konsultieren. Und nachher gehen viele nicht in die Reha, weil sie meinen, dass sie ihren Verpflichtungen daheim wieder nachkommen müssten. Man darf aber den Frauen nicht den Schwarzen Peter zuspielen. In die Gänge kommen sollten vor allem die Ärzteschaft, die Universitäten und die Industrie, damit sich etwas ändert. Da gibt es noch viel zu tun.

15 Kommentare
    Adrian H.

    Die Zellen in der Forschung stammen, wenn es sich um HEK Zellen handelt, von einer Frau. Auch sonst werden Zellen von beiden Geschlechter verwendet. Abgesehen davon spielt es jedoch keine Rolle ob die Zellen von einer Frau oder einem Mann stammen. In der Kultur herrschen für alle Zellen die gleichen Bedingungen.