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Kunstweg am HochrheinFreier Kunstgenuss am Wasser

Kunst im öffentlichen Raum kann man zu jeder Tageszeit, auf Abstand und ohne Maske besuchen. Da kommt die Eröffnung des Hochrhein Kunstwegs gerade recht. Bei Feuerthalen wäre eine Skulptur fast weggeschwemmt worden.

So sollte Till Augustins Kunstwerk «Reuse» in einem ausgesprengten Felsbogen im Rhein ruhen (1996).
So sollte Till Augustins Kunstwerk «Reuse» in einem ausgesprengten Felsbogen im Rhein ruhen (1996).
Foto: Till Augustin

Der Schaffhauser Kunstverein ist Initiant eines Regiokunstwegs, der Installationen seit 1960 wieder stärker in die Wahrnehmung rücken möchte. Derzeit gibt es fünf miteinander verbundene Routen, die bisher durch das südliche Baden-Württemberg führten und erstmals auch die Schweiz erfassen. Der neue Hochrhein Kunstweg führt vom Bodenseeausgang bei der Insel Werd über Stein am Rhein, Diessenhofen und Schaffhausen bis Neuhausen am Rheinfall. Dabei touchiert er in Feuerthalen Zürcher Gebiet. Die gut 20 Kilometer lange Strecke sei ideal für Velotouristen, erläutert Stephan Kuhn, Präsident des Schaffhauser Kunstvereins.

Eine Arbeit des Stammheimer Künstlers Eugen del Negro, «Ohne Titel»
Eine Arbeit des Stammheimer Künstlers Eugen del Negro, «Ohne Titel»
Foto: Gunar Seitz

Er möchte aber auch eine Lanze für Kunst im öffentlichen Raum brechen: «Was Schaffhausen betrifft, ist da in den letzten 30 Jahren herzlich wenig passiert», sagt er. Man wolle Kunstinteressierte darauf aufmerksam machen, damit auch auf privater Basis wieder Kunst im öffentlichen Raum entstehe – in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und möglicherweise einer Jury, betont er. Man sei im Begriff, Unternehmen, die ein Jubiläum feierten, oder kulturnahe Institutionen anzugehen; sie könnten beispielsweise Skulpturen stiften. Dabei schielt er auch rheinabwärts, Richtung Weinland. Gemeinden wie Rheinau hätten viele Möglichkeiten, zeitgenössische Kunst auszustellen, und durchaus potente Sponsoren.

Beschilderung mit QR-Code und GPS-Daten

Mittels einer Broschüre, GPS-Daten, aber auch Schildern mit einem QR-Code lassen sich die interessanten Kunstwerke auffinden. Dabei sind sie nicht L’ art pour l’ art, sondern Zeitzeugnisse. Man trifft in Schaffhausen auf den «Epitaph für die unbeirrbare Hoffnung» von Claudia Girard in Erinnerung an die Kämpfe für das Frauenwahlrecht. Oder das Eisenobjekt «Doppelpendel (Friedensfeuer)» von Vincenzo Baviera, das im Jahr 2003 als Protest gegen den amerikanischen Einsatz im Irakkrieg entstand.

«Doppelpendel (Friedensfeuer)», eine Skulptur von Vincenzo Baviera
«Doppelpendel (Friedensfeuer)», eine Skulptur von Vincenzo Baviera
Foto: Gunar Seitz

Die Winterthurer Künstlerin Alexandra Meyer (*1984) ist mit ihrer Installation «Breath» im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen in der Abteilung Gegenwartskunst vertreten. Von Eugen del Negro (*1936) aus Oberstammheim wurde die abstrakte Wandarbeit «Ohne Titel» in der Altstadt von Stein am Rhein eingebunden. Auf einer nackten Hausfassade gestaltete er schwarze Linien, die an automatische Schrift erinnern. In Feuerthalen stehen zwei Werke. «Fabelwesen» (2001) befindet sich im Rhein, vor dem Laufwasserkraftwerk, und ist eine Fantasie des Bildhauers Kurt Bruckner. Drei Tiere sitzen in einem Weidling und geniessen die sommerliche Fahrt. Das Boot kann aber auch einen Rettungsring darstellen, denn bald lauert der Rheinfall.

Kurt Bruckners «Fabelwesen» im Rhein vor Feuerthalen.
Kurt Bruckners «Fabelwesen» im Rhein vor Feuerthalen.
Foto: Gunar Seitz

Ebenfalls in Feuerthalen mag sich schon mancher gewundert haben, warum das Werk «Reuse» von Till Augustin (*1951) auf der Grünfläche an der Rheinbrücke steht. Es war nicht immer dort. Der Nürnberger erinnert sich noch lebhaft an die Montage an einer Felsnase über dem Rhein – auf Schaffhauser Seite. «Die Reuse wurde mit einem Transporthelikopter installiert. Ich stand auf der Felsplatte, wo sie gelagert war, dazu zwei Helfer in Schutzausrüstung.» Durch den Helikopter, der 20 Meter über den Männern schwebte, entstand ein starker Winddruck. «Ich habe mich an der Reuse festgehalten, damit ich nicht fortgeblasen wurde.» Doch der Helikopter habe massenhaft Steine vom Felsvorsprung herabgeschleudert. «Ich trug nur ein Hemd», sagt Augustin, «im Nachhinein war ich wirklich froh, dass es niemanden erwischt hat.»

Für den Künstler ist das Objekt nicht einfach eine Fangreuse, in die zum Beispiel Hummer klettern und nicht mehr herausfinden. «Sie steht für ein Mannloch, ein Gefängnis», erklärt er, «man läuft so lange um den Käfig herum, bis einen die Gier hineintreibt.» Auch der Hummer versuche immer wieder hinauszukommen und spüre die Strömung. «Würde er einen Schritt zurücktun, nachdenken, dann würde er eine Lösung und den Ausweg finden.» Insofern habe die «Reuse» für ihn gerade in der Corona-Situation hohe Aktualität.

Wie die «Reuse» 1996 installiert und drei Jahre später vom Jahrhunderthochwasser «vertrieben» wurde.
Fotos: Till Augustin
Der Künstler und zwei Helfer brachten das Werk auf der Rheinbrücke in Position
Der Künstler und zwei Helfer brachten das Werk auf der Rheinbrücke in Position
Till Augustin
Nach erfolgreicher Rettung platzierte man das Kunstwerk in der Grünanlage an der Rheinbrücke
Nach erfolgreicher Rettung platzierte man das Kunstwerk in der Grünanlage an der Rheinbrücke
Till Augustin
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Die Kunst am Bau der N4-Rheinbrücke erfreute die Vorbeigehenden, die an der saisonal vom Rhein umspülten Reuse den Wasserstand ablasen. Dann kam das Jahrhunderthochwasser 1999 und riss das schwere Kunstwerk mit sich. «Sie war komplett verschwunden», sagt Till Augustin. «Taucher suchten sie in Richtung des Rheinfalls. Sie hing aber noch an einer Kette.» Mitarbeiter des Kraftwerks hätten die Reuse gerettet und an Land gestellt. «Auf einmal kamen Naturschutzverbände und sagten, sie kann da nicht mehr hin.» Die Suche nach einem neuen Standort sei kompliziert gewesen, zu viele hätten Rechte am Rhein geltend gemacht. Dass die Reuse nun im Trockenen liegt, findet der Künstler suboptimal. «Jetzt muss man viel nachdenken, warum eine Reuse in der Parkanlage steht. Sie war fürs Wasser gedacht.»

Die gedruckte Broschüre kann im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen gekauft werden. Weitere Informationen und Download der Broschüre: www.kunstverein-sh.ch/hochrheinkunstweg