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230 Untermieter im Marthaler Pfarrhaus

Rund 230 Fleder­mausweibchen und ihre Neugeborenen waren die Stars des Public-Viewing beim Pfarrhaus in Marthalen.

Rund 100 Besucher kamen, um die Fledermäuse zu sehen, erhaschten beim nächtlichen Abflug der Tiere aber meist nur einen Schatten.
Rund 100 Besucher kamen, um die Fledermäuse zu sehen, erhaschten beim nächtlichen Abflug der Tiere aber meist nur einen Schatten.
Marc Dahinden

Die Fledermauskolonie im Dachstock des Pfarrhauses gewährte am Samstag rund 100 Besuchern einen Einblick in ihre Kinder­stube. Rund 230 Weibchen der Art Grosses Mausohr verbringen dort die wärmere Jahreszeit mit ihren 78 Neugeborenen. Ab April «hängen sie ab» in ihrem Sommerdomizil, gebären und säugen die Jungen. Die Weibchen paaren sich im August erneut. Im Spätherbst verlassen sie den Dachstock, fliegen ins Winterquartier und verharren im Winterschlaf. So leben sie Jahr für Jahr einträchtig, nur durch eine Holzdecke getrennt, unter einem Dach mit der Pfarrfamilie Friedauer. Da passiert hie und da auch mal etwas kurioses, wie am Samstag zu erfahren war.

Als Pfarrer Ernst Friedauer eines Tages in seine Schuhe schlüpfen wollte, sass ein frierendes Fledermausneugeborenes darin. Unter dem Dachfirst war dem Kleinen wohl zu heiss; an der Wand suchte es Abkühlung, fand durch einen Deckenspalt den Weg bis ins Parterre und in den Schuh. Pfarrer Friedauer alarmierte Hans Caspar Ryser, den ehrenamtlichen Betreuerder Kolonie. Vorsichtig brachte Ryser das Entlaufene wieder auf die Bühne.

Immer wieder bringen die kleinen Mitbewohner ein bisschen Abwechslung in den Alltag der Pfarrfamilie. Sie gehören dazu, auch wenn der Pfarrer mal sagt: «Da oben stinkts.»

Einblick dank Videotechnik

Bei schönstem Wetter beobachteten die Besucher das geheimnisvolle Leben der Fledermäuse. Mit vier Infrarotvideokameras wurden die Bilder aus der Mausohrkolonie auf eine Leinwand vor dem Pfarrhaus übertragen. In Nahaufnahme sehen die Grossen Mausohren sehr possierlich aus. Kopfüber hängen sie an den Balken, in mehreren Fledermausknäueln.

Sie putzen, dehnen, strecken sich. Zwischendrin säugt eine Fledermausmutter ihr Junges. Eine andere streckt den Flügel aus, drückt den Kopf hinein, dass sich die Gesichtskonturen abzeichnen, und säubert sich von Parasiten.

Immer wieder staunten die Besucher. Ob die Fledermäuse ihr «grosses und kleines Geschäft» auch in der ungünstigen Kopfüber-Position verrichten, fragte jemand. Die bildhafte Vorstellung belustigte. «Nein, sie kehren sich», erklärte Lea Morf, Fledermausbeauftragte des Kantons. Mit rund 170 ehrenamtlichen Helfern betreut sie die Kolonien der 17 Fledermausarten im Kanton. Das Grosse Mausohr ist, mit einer Spannweite bis 43 Zentimetern und bis 40 Gramm Gewicht sowie acht Zentimetern Körperlänge, die grösste der 30 Arten in der Schweiz. Insgesamt existieren noch zehn Mausohrkolonien im Kanton.

Das Ziel des Fledermausschutzes sei deren Erhalt, sagte Morf. «Es sind gute, nützliche Tiere. Pro Nacht frisst eine Fledermaus bis zu vier Kilogramm Insekten.»

Mit viel Engagement betreiben die Helfer den Fledermausschutz. Vom Zählen der Bestände bis zum Entfernen des Kots im Winter, wenn der Dachstuhl leer ist. Lea Morf stehen dafür 90 000 Franken zu Verfügung.

Die geheimnisvollen Wesen

Nach Einbruch der Dunkelheit flatterten die Weibchen fast hyperaktiv mit den Flughäuten. «Sie machen sich bereit zum Abflug», kommentierte Morf. Die Besucher warteten gespannt auf das Ende der akrobatischen Aufwärmflüge. Eigentlich waren nur Schatten zu sehen. Vielleicht macht dies Fledermäuse so unheimlich. Seit Jahrhunderten ranken sich Gerüchte und Mythen um die Tiere. «Wir kämpfen gegen die Ängste der Bevölkerung. Diese Veranstaltung ist Aufklärungsarbeit», sagte Morf.

Dass Fledermäuse einzigartig sind in der Tierwelt, zeigt sich bei der Fortpflanzung. Nach der Paarung verbleiben die Spermien im Weibchen. Die Befruchtung der Eizelle erfolgt erst circa fünf Monate später, jeweils im Frühling.

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