Winterthur

Absage an regimekritisches Tanztheater

Vertreter von Chinas Regierung wollten eine Aufführung im Stadttheater Winterthur verhindern und wandten sich an Stadtpräsident Michael Künzle. Künftig ist das betreffende Tanztheater unerwünscht, laut Künzle aber aus anderen Gründen.

Die chinesische Tanzgruppe Shen Yun trat gestern im Winterthurer Stadttheater auf. Künftig ist sie nicht mehr erwünscht.

Die chinesische Tanzgruppe Shen Yun trat gestern im Winterthurer Stadttheater auf. Künftig ist sie nicht mehr erwünscht. Bild: DaiBing

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gestern Abend ging im Winterthurer Stadttheater die dritte und letzte Vorführung des chinesischen Tanztheaters Shen Yun über die Bühne. Das von Exilchinesen in New York gegründete Ensemble widmet sich der chinesischen Geschichte und thematisiert auch die Menschenrechts­situation in China. Das missfällt dem chinesischen Regime.

Der chinesische Botschafter in der Schweiz, Geng Wenbing, wandte sich deshalb an den Winterthurer Stadtpräsidenten Michael Künzle (CVP) mit der Aufforderung, die Darbietungen zu untersagen.

«Ein spezielles Ereignis, an das ich mich mein Leben lang erinnern werde»Barack Obama 2007 über das chinesische Tanztheater Shen Yun

Künzle bestätigt auf Anfrage eine entsprechende Kontaktaufnahme des Botschafters. Dieselbe Aufforderung formulierte das chinesische Konsulat in Zürich, danach erfolgte ein Besuch von Vertretern des Konsulats in Winterthur.

Die Aufführungen des weltweit anerkannten und erfolgreichen Tanztheaters fanden dennoch statt. «Das Theater Winterthur ist als öffentliches Gemeinwesen dazu verpflichtet, alle Anfragen an das Theater gleich zu behandeln und eine einmal abgeschlossene Nutzungsvereinbarung mit Veranstaltern nicht zu verletzen», sagt Künzle.

Er selbst sah die Tanzshow von Shen Yun letztes Jahr und spricht von einer «farbigen, unterhaltsamen, ansprechenden Vorstellung». Für Barack Obama, noch als Senator, war eine Vorführung in Chicago 2007 laut «Tages-Anzeiger» ein «spezielles Ereignis», an das er sich sein Leben lang erinnern werde.

Die gestrige wird allerdings die vorerst letzte im Theater Winterthur gewesen sein. Wie gestern bekannt wurde, hatten chinesische Regierungsvertreter, darunter der Botschafter aus Bern, im Vorfeld eine Absage des Stücks gefordert. Laut Michael Künzle habe man aber schon vor der chinesischen Intervention entschieden, das Stadttheater künftig nicht mehr an die Organisatoren, den Verein für chinesische Kunst, zu vermieten.

Reklamation wegen ­angeblicher Werbung

Ausschlaggebend waren Inhalte der Aufführung vor einem Jahr in Winterthur. Sie war zwar erfolgreich; die Organisatoren und das Stadttheater einigten sich auf einen Anschlussvertrag für die zwei Shows 2018. Allerdings brodelte es hinter den Kulissen.

«Wir erhielten Reklamationen, weil am Anlass für Falun Gong missioniert worden sei», sagt Theaterleiter René Munz. Bei Falun Gong handelt es sich um eine spirituelle Praktik, die in China seit 1999 verboten ist.

«Wir erhielten Reklamationen, weil am Anlass für Falun Gong missioniert worden sei»Theaterleiter René Munz

Munz bedauert, dass erst in der Vorführung, nicht aber im Vorfeld auf die Verbindungen zu Falun Gong hingewiesen worden sei. Das sei insofern ein Etikettenschwindel, sagt er.

«Unsere Vermietungsregeln besagen, dass wir als städtische Institution das Theater nicht zur Verfügung stellen für politische oder religiöse Veranstaltungen oder für Veranstaltungen, die unseren kulturellen Auftrag beeinträchtigen können», sagt Munz. Man reagiere verspätet auf Besucherreaktionen, indem man künftige Anfragen für Shen Yun abweisen werde.

«Um die Menschenrechtslage kommt man nicht herum»

Für den Verein für chinesische Kunst kommt die Absage äusserst überraschend. Man habe nichts davon gewusst, sagt Vertreterin Chin-Yunn Yang. «Wenn man sich zuerst eine Show ansieht und einen Anschlussvertrag unterzeichnet, finde ich es seltsam, im Nachhinein von einem Etikettenschwindel zu sprechen.»

«Ich finde es seltsam, wenn man die Show ansieht und einen Vertrag unterzeichnet und im Nachhinein von einem Etikettenschwindel spricht.»Chin-Yunn Yang, Verein für chinesische Kunst

Ein direkter Zusammenhang zu Falun Gong bestehe nicht, sagt Yang. Shen Yun behandle 5000 Jahre chinesischer Geschichte, auch aktuelle Themen würden künstlerisch umgesetzt. «Da kommt man um die Menschenrechtslage in China und damit verbunden um Falun Gong nicht herum.»

Das Verbot habe den Alltag und die Gesellschaft in China sehr geprägt. «Zuvor war Falun Gong äusserst populär gewesen, und plötzlich wurden Tausende Praktizierende in Arbeitslagern inhaftiert. Es wurden sogar Menschen verfolgt, wenn ein Verwandter Falun Gong praktizierte. Diesem Aspekt trug die Show Rechnung.»

Die Künstlergruppe erarbeitet jedes Jahr ein Programm. Beim Publikum stösst das auf grosses Interesse. Im April gastiert Shen Yun im Musical-Theater Basel, die beiden Shows sind ausverkauft. In Basel hatte man gestern keine Kenntnis von einer Intervention Chinas. (Der Landbote)

Erstellt: 17.03.2018, 09:57 Uhr

FALUN GONG

Hunderttausende Praktizierende in Arbeitslagern eingesperrt

Die chinesische Regierung brandmarkt die Bewegung als gefährliche Sekte, aus westlicher Sicht ist Falun Gong eine spirituelle Praktik, die Meditation und Qigong-Übungen mit moralischen Grundsätzen, basierend auf Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht, kombiniert.

In China ist Falun Gong seit 1999 verboten. Zuvor hatten Umfragen ergeben, dass in China 70 bis 100 Millionen Menschen Falun Gong praktizierten.

Anhänger werden seither konsequent verfolgt. Schätzungen ausländischer Beobachter zufolge sind Hunderttausende bis zu einer Million Praktizierender in Arbeitslagern und Gefängnissen eingesperrt.

Laut einem UNO Report von 2006 waren 66 Prozent aller Folteropfer in China Falun-Gong-Praktizierende. Die «New York Times» berichtete 2009, dass nach zehn Jahren der Verfolgungskampagne mehr als 2000 Falun-Gong-Praktizierende zu Tode gefoltert worden sind.

Artikel zum Thema

Chinesische Diplomaten intervenierten bei Künzle

Winterthur Vertreter der chinesischen Regierung wollten eine Aufführung im Theater Winterthur verhindern. Sie wandten sich an den Stadtpräsidenten und sprachen persönlich vor. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.