Buch

«Alle wussten Geschichten über Pfarrer Sieber»

Ein neues Buch bündelt Erinnerungen an den 2018 verstorbenen Ernst Sieber – und zeigt seine Gemälde.

Selbstporträt von Ernst Sieber: Seine Gemälde werden nun erstmals in Zürich ausgestellt.

Selbstporträt von Ernst Sieber: Seine Gemälde werden nun erstmals in Zürich ausgestellt. Bild: PD

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Ernst Sieber (1927–2018) war schon zu Lebzeiten so etwas wie ein Stadtheiliger von Zürich. Der bärtige Pfarrer hatte sich auf vielfältige Art im kollektiven Gedächtnis verankert: als Pfarrer Sieber, der sich für die Armen, Obdachlosen und Drogensüchtigen einsetzte; der als EVP-Nationalrat mit einem Holzkreuz ans Rednerpult ging; der mit seinem Esel auf der Quaibrücke einst das Aufeinanderprallen der Polizei mit der bewegten Jugend von 1980 zumindest einmal verhinderte.

Erinnerungen der Tochter

Eineinhalb Jahre nach seinem Tod erscheint nun ein Buch, das die vielfältigen Erinnerungen an Sieber bündelt: «Kämpft weiter, ich hab’s heiter» versammelt Beiträge von so unterschiedlichen Leuten wie Hardrocker Chris von Rohr (Krokus), Zürichs Alt-Stadträtin Monika Stocker (Grüne) und Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP); aber auch persönliche Erinnerungen von Ilona Sieber an ihren Vater oder vom ehemaligen Drogensüchtigen Dirk Lütschtg an seinen «Schutzengel».

Die Buchvernissage findet am Donnerstag, 28. November um 17.30 Uhr in der Zürcher Wasserkirche statt. Mit dabei sein werden unter anderem Blocher, Stocker und der Sänger Toni Vescoli, der über Sieber ein Lied geschrieben hat, wie die Herausgeber des Buchs bei den Vorbereitungen in der Wasserkirche verrieten. Dort wird auch eine Auswahl der bislang öffentlich kaum zugänglichen Gemälde von Ernst Sieber zu sehen sein, die ebenfalls im Buch reproduziert sind.

«Er scheute keine Konflikte»

Die Idee zum Buch hatte der Büchermacher und Maler Rolf Bootz. Mit der Umsetzung begann er Anfang dieses Jahres. «Sein Name öffnete viele Türen», sagt Bootz. «Alle, die wir fragten, wussten Geschichten über Sieber zu erzählen.» So erzählt Tochter Ilona Sieber im Buch aus ihrer Kindheit; von den Sommerferien, die die Familie fast immer am Sihlsee verbrachte, wo Ernst Sieber sein Malatelier hatte:

«Vor dem ‹Hüttli› steht immer noch das alte Bänkli, auf dem die ganze Familie in den Sommerferien morgens unter Anleitung unseres Vaters über die Bedeutung verschiedener Bibeltexte diskutierte. Das waren spannende und laute Diskussionen, vor allem, wenn es auch um Politik ging. Schon da zeigte sich, dass unser Vater absolut keine Konflikte scheute. Und wenn manche von uns schon einen roten Kopf hatten, konnte er die Situation meistens humorvoll entschärfen.»

«Gewaltige Schrift»

Auch dem Hardrocker von Rohr brachte Sieber die Bibel näher. Der Pfarrer hatte ihn einst eingeladen, mit ihm Weihnachten zu feiern. «So verbrachte ich ein Weihnachten zwischen Pfuusbus und diversen Beizen, wo Ernst mich all seinen Mitarbeitern und vielen gefallenen Engeln vorstellte», berichtet von Rohr. Ein paar Jahre später habe Sieber ihm eine Bibel mit persönlicher Widmung geschenkt: «Seither liegt sie neben meinem Bett, und hie und da vertiefe ich mich in dieser gewaltigen Schrift. Sie lässt mich auch nie vergessen, was uns zwei verbunden hat: Liebe, Lebensfreude, Neugier und das direkte, offene Wort.»

«Schrittweise, transparent»

Monika Stocker hatte als Zürcher Sozialvorsteherin des Öfteren mit dem Randständigen-Pfarrer zu tun. Eine Anekdote ist ihr besonders geblieben: «Einmal kamst du mit einer ‹Rechnung› von 800000 Franken. Ich lachte: ‹Ernst, was soll das?› Du warst ganz klar: ‹So viel habe ich für die Stadt schon geleistet.› – ‹Stimmt, aber so geht es ja nicht.› Auch hier fanden wir Lösungen, schrittweise, transparent.»

«Kämpft weiter, ich hab’s heiter» – ein Buch über Pfarrer Ernst Sieber. Co-Libri-Verlag, Zürich 2019. Buchvernissage: Do, 28. November, 17.30 Uhr, Wasserkirche, Limmatquai 31, Zürich.

Erstellt: 27.11.2019, 20:10 Uhr

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